Der Genfer Kernphysiker Neuffer (Daniel Olbrychski) kehrt für ein Klassentreffen in seine Heimat, das Allgäu, zurück. Er besucht seine Mutter, eine Pensionswirtin, die kurz darauf stirbt. Er wird Zeuge des mysteriösen Mordes an einem Seilbahnführer. Und er wandert, scheinbar ziellos, durch die Berglandschaft. Auf dem Gottesackerplateau bei Oberstdorf hat er eine Vision: Atlantis, der sagenhafte Kontinent, ist nicht im Meer versunken, sondern hinaufgestiegen auf die höchsten Gipfel. In den Papieren seines lange verschollenen Großvaters entdeckt er, daß dieser von der gleichen fixen Idee besessen war. Zusammen mit der Studentin Nele (Birgit Aurell) fliegt Neuffer in den Himalaja, um "Transatlantis" zu suchen. An der tibetischen Grenze werden sie festgenommen. Chinesische Soldaten bringen sie zu einer Burgruine im Niemandsland. Das Ende der Reise ist ungewiß.

Fünf Jahre lang hat Christian Wagner an "Transatlantis" gearbeitet, als Drehbuchautor, Produzent und Regisseur. Drei Fernsehredaktionen und sechs verschiedene Fördergremien haben den Film unterstützt. Der Starrsinn, mit dem Wagner sein Projekt gegen alle Widerstände vorantrieb, ist bewundernswert. Der Film ist es nicht. Die Energie, die ihn hervorgebracht hat, überträgt sich nicht auf die Leinwand. Statt die Bilder mit seiner Besessenheit anzustecken, übt der Regisseur Wagner sich in künstlichem Gleichmut. Die Geschichte, die er erzählt, wirkt so angestrengt entspannt wie das Gesicht seines Hauptdarstellers Daniel Olbrychski. Dessen Züge reden nicht von Visionen, sondern von Regieanweisungen. Und die Sätze, die Olbrychskis deutsche Synchronstimme aus dem Off dazu vorträgt, sprechen nicht von Überwältigung, sondern von Betroffenheit.

So verschenkt "Transatlantis" das, was die Geschichte beflügeln könnte: die Macht des Wahnsinns, der in Eis und Felsen Wolkenkuckucksheime baut. Dieser Film müßte glühen wie ein Vulkan. Statt dessen raucht er bloß wie ein alter Ofen.

Wagners fixe Idee ist eine Art Versöhnungstraum: das Weiterwirken der Wünsche von Generation zu Generation, bis die Sehnsucht der Ahnen sich in den Nachfahren erfüllt. In seinem Spielfilmdebüt "Wallers letzter Gang" (1988), der Geschichte des alten Streckenwärters, dessen Bahnlinie stillgelegt wird, hat er dieses Phantasma eindrucksvoll in Szene gesetzt. Aber wo in "Waller" die Bilder träumerisch fließen, da geraten sie in "Transatlantis" (Kamera in beiden Filmen: Thomas Mauch) immer wieder ins Stocken, werden angehalten, abgewürgt, als traute der Film seiner eigenen Bewegung nicht. Man merkt überdeutlich, daß Wagner Andrej Tarkowskij verehrt; aber während bei Tarkowskij die Träume wie selbstverständlich zur Erzählung gehörten, stechen sie bei Wagner, in ein verkünsteltes Grün getaucht, schief und schräg daraus hervor. Und Richard Oelzes Gemälde "Die Erwartung", das der Film dreimal zitiert, mag ein großes Sinnbild der Unruhe des modernen Menschen sein; bei Wagner, der es viel zu aufdringlich einsetzt, bleibt es ein ganz beliebiges Symbol.

Der zweite Film ist immer der schwerste, das gilt im deutschen Kino nach wie vor. Es wäre das beste, Chritian Wagner ließe "Transatlantis" so schnell wie möglich los. Nur so bekäme er den Kopf wieder frei für den nächsten Traum. Er kann mehr, als er in "Transatlantis" zeigt.