Die Radikalität des Umbruchs, der Mut der Menschen, ihr Aufbruch ins Neue - um das zu erleben, reist Markus Schönherr leidenschaftlich gerne nach Osteuropa. Am vergangenen Wochenende verschlug es ihn nach Mainz. Auf dem Parteitag der Liberalen - Motto: "Neuer Anfang. Neue Chancen" - kandidierte der Dreiundzwanzigjährige für den Vorsitz der FDP. Doch so viel Erneuerung, das war klar, wollten die Delegierten ihrer FDP dann doch nicht zumuten. Immerhin, der parteipolitisch ambitionierte Eulenspiegel schaffte in der Konkurrenz mit Wolfgang Gerhardt und Jürgen Möllemann auf Anhieb die Fünfprozenthürde und landete anschließend im Vorstand der FDP.

Der Youngster gehört jetzt zur Parteiführung. Man kann das als positives Krisensymptom werten. Früher, in Zeiten liberaler Selbstzufriedenheit, gab es keinen, der plötzlich mit grün anmutendem Gestus, frech, radikal und aussichtslos seinen Anspruch auf die Führung erhoben hätte. Jetzt wundert es nicht einmal mehr. Amüsiert und ein bißchen befremdet schauen die Delegierten in den Spiegel, den Markus Schönherr ihnen mit seiner Kandidatenrede vorhält: Die Mehrheit der Mitglieder wolle doch die FDP als radikalliberale Programmpartei, "aber jemanden, der das glaubhaft vertreten kann, den hatte sie nicht".

Unmittelbar zuvor hat noch einmal Wolfgang Gerhardt dieses Urteil schlagend unter Beweis gestellt. Auch das garantiert dem unterhaltsamen Außenseiter, Student der Betriebswirtschaftslehre, die Gunst der Zuhörer. Schönherr leistet sich keinen Totalverriß. Allerdings habe er, der vor fünf Jahren zu den Liberalen gekommen ist, keine Lust mehr, nur noch deren Untergang mitanzusehen. Schließlich habe die FDP ein passables Programm, das nur deshalb niemand kenne, "weil jeder, der es vertritt, von den eigenen Leuten Prügel bezieht". Da lachen selbst ausgewiesene liberale Kompromißhelden.

Leute in Schönherrs Alter, mit Spaß an der (Partei-)Politik, würde man eher bei den Grünen vermuten. Überhaupt will es auf diesem Parteitag manchmal scheinen, als würde, nachdem die Grünen die Rolle der dritten Kraft erobert haben, ihr Politikstil, gewissermaßen im Austausch, jetzt bei der FDP heimisch werden. In Mainz wurden schon mal Protesttransparente entrollt, war erstmals eine liberale Trillerpfeife, vom Generalsekretär barsch des Saales verwiesen, zu hören. Doch Schönherr wehrt ab. Zu den Grünen, das käme ihm - "durch und durch liberal" - nicht in den Sinn. Ganz anders als der Parteitag aber, der immer wieder mit hektischer Abwehr auf die grüne Konkurrenz reagiert, läßt Schönherr ruhig deren Vorzüge gelten: "Die Spontaneität, der Mut und die Akzeptanz gegenüber Leuten, die noch nicht so viele Jahre auf dem Buckel haben, das gefällt mir an den Grünen." Nur mit deren "Geisteshaltung" kann Schönherr nichts anfangen. Pflegten sie doch in der Regel besser zu wissen, wie die Menschen leben sollten. "Der Liberalismus will ermöglichen, nicht bevormunden." Schönherr will nicht nur den Parteivorsitz; er will auch den Staat zurückdrängen aus allen gesellschaftlichen Bereichen. Er habe die Rechte der Bürger zu schützen, nicht zu beschneiden.

Die Definition der FDP gelingt aber auch ihrem jugendlichen Kritiker nur ex negativo: "Liberalismus ist, was die FDP nicht verkörpert." Er will, daß beides endlich wieder zur Deckung kommt. Heute werde die FDP dafür geprügelt, daß sie ihre Ideale verrate, bei Wahlen nur noch verliere und trotzdem immer mitregiere. Das bringe Grüne und Sozialdemokraten aus der Fassung. Als Signal für den Umschwung hat Schönherr ein klares Kriterium: "Wenn wir für unsere Inhalte geprügelt werden, erst dann geht es wieder aufwärts." Und wenn nicht? Dann tritt für ihn "Plan B" in Kraft. Den "kenne ich allerdings selbst noch nicht". Seinem Konkurrenten, dem neuen Vorsitzenden Wolfgang Gerhardt, wird es da kaum anders gehen.