HAMBURG. - "Ja! Das soll eine Drohung sein", brüllt der Beamte mit der Dienstnummer 34. "Was tust du, wenn ich zuschlage?" Zornig funkelnde Augen blicken mich an. Nur ruhig bleiben, sage ich mir und erwidere: "Beobachten, denn ich mache eine Recherche."

Es ist nicht meine erste Reise in die Türkei. Allein für die Menschenrechtsorganisation amnesty international bin ich das dreizehnte Mal im Land gewesen; auch diesmal sollte ich Berichte von Folteropfern überprüfen. Doch plötzlich erschienen zwei Zivilbeamte in meinem Hotel in Adana und forderten mich auf mitzukommen. Nun sitze ich erstmals bei jener Spezialpolizei, von der so viele Folteropfer berichtet hatten: der berüchtigten Anti-Terror-Einheit.

Ich bekomme Tee und darf rauchen. Ein Sofa wird mir angeboten, während sich eine Heerschar von Polizisten über meine Unterlagen hermacht. Einen Ordner mit Beschwerden über Folter und ärztlichen Attesten finden sie geradewegs provokant. "Glatte Lügen!", ruft ein Polizist. "Diese Leute verletzen sich selber, um den Staat schlechtzumachen." In meine Richtung fügt er hinzu: "Aber das steht natürlich nicht in euren Berichten."

In meinen Notizen finden sich viele Aussagen von Menschen, die die Anti-Terror-Einheit in Adana für brutale Folter verantwortlich machen. "Nun schau bitte selbst", rechtfertigt sich ein Beamter: "Die Fenster sind geöffnet, und auf der Straße pulsiert das Leben bei strahlendem Sonnenschein. Hörst du vielleicht jemanden schreien? Aber du denkst jetzt sicher, daß im Keller gefoltert wird."

Wo hier gefoltert wird, weiß ich nicht, aber ein Raum wie dieser wurde mir von Folteropfern mehrfach beschrieben: Zunächst dürfen sie in gemütlicher Atmosphäre Tee trinken - vielleicht lassen sie sich ja als Spitzel anwerben. Außer mir wird in den offenen Räumen des Eingangsbereichs an diesem Tag niemand verhört. Andere Türen bleiben mir verschlossen. Hinter einer Tür mit dem Namen nezarethane (Haftraum) auf der rechten Seite des Korridors kriecht ein erbärmlicher Gestank hervor; immer wenn ich daran vorbeigehe, wird sie schnell zugedrückt. Am Ende des Korridors klopft jemand heftig gegen eine Tür, so als ob ein Gefangener auf die Toilette oder zum Arzt gebracht werden will.

Als ich selber auf die Toilette möchte, soll ich mich mit dem Gesicht zur Wand drehen. Ich folge der Anweisung, drehe mich aber um, weil mich das seltsame Ansinnen stutzig macht. Ich sehe, wie ein Beamter mit der Hand das Anlegen einer Augenbinde andeutet. Es gibt offenbar etwas, das ich nicht sehen soll. Im Polizei-Protokoll habe ich meine Aussage verweigert. Geredet habe ich dennoch viel; insgesamt wurde ich von mehr als zwanzig Beamten verhört. Endlich hatten sie einen Ausländer erwischt und meinten nun, das falsche Bild der Türkei im Ausland korrigieren und mich von den Fehlern der westlichen Welt überzeugen zu müssen.

Die Nacht zuvor durfte ich auf einem Stuhl für drei Stunden die Augen schließen. Ich habe weder morgens noch mittags etwas zu essen bekommen. Das sind nicht die besten Voraussetzungen für stundenlange Rededuelle. Überzeugt habe ich wohl niemanden. Während ich auf meine Überführung zur Ausländerpolizei warte, sagt mein Bewacher ironisch: "Ihr habt recht, und wir haben unrecht." Scharf fügt er hinzu: "Die Türkei hätte nie internationale Abkommen unterzeichnen sollen. Wir wissen, was wir zu tun haben, und das geht niemanden etwas an."