Als im vergangenen November die CDU ihre Quotierung beschloß und sich, zehn Jahre nach den Grünen, der Avantgarde anheimgab, rechtfertigte ihr Parteisekretär diese trotz allem überraschende Maßnahme mit strategischen Überlegungen: Eine Partei, in der Frauen eine derart geringe Rolle spielen, verliere "Wählerakzeptanz". Knapper kann man nicht ausdrücken, daß es in der Politik weniger um den Austausch von Argumenten geht als um die Macht des Faktischen - einerseits. Andererseits aber hat die CDU eine Idee der Postmoderne illustriert, in Göttingen am 26. November 1994: daß es Diskurse sind, in denen politische Macht sich entfaltet und schließlich durchsetzt.

Walter Hinze und Helmut Kohl sind nicht aus Einsicht zu Feministen geworden; sie haben sich aus Kalkül wie aus Erschöpfung einem Diskurs angeschlossen, dessen Kraft die ihre übersteigt. Nicht die Wirklichkeit der CDU hat sich geändert, sondern der öffentliche Blick darauf, und der erzwingt ein anderes Verhalten - auch wider Einsicht und Überzeugung. Daß Frauen ebenso dumm, machtinteressiert und korrupt seien wie Männer (oder ebenso klug, dem Öffentlichen zugewandt und grundsätzlich integer), ist eine alte Idee, die irgendwann einmal marginal und bilderstürmend war. Sie hat für einige Verwirrung und schließlich auch Änderungen gesorgt - ganz im Sinne des Liberalismus, daß gleiche Rechte genügen müßten, um eine freie Entfaltung des Individuums zu garantieren.

Nach mehreren Generationen mit der Erfahrung formaler Gleichstellung hat sich allerdings herausgestellt, daß Gleichheit vor dem Gesetz (und in der Schule und sogar im Tarifvertrag) nicht notwendig Gerechtigkeit generiert: Da wurde, als das Mittel gegen den sozialen Darwinismus, die Quote erfunden. Auch diese Idee der mechanischen Durchsetzung der Gleichheit war einmal marginal und bilderstürmend, doch hat sie sich, in einer Vielzahl von Diskursen - die von feministischer Geschichtsschreibung bis zur Pornographiedebatte reichen -, schließlich bis Göttingen hin durchgesetzt: In jenem klebrigen und manchmal schmierigen, oft schleppenden und selten inspirierten Prozeß, den wir im nachhinein gern als Fortschritt bezeichnen.

Wo Ohnmacht und Einsicht sich in Herrn Hinze treffen, ist ganz gewiß schwer zu entscheiden. Sicher ist, daß der Diskurs - das Reden über etwas, die Karriere bestimmter Vokabeln, die Etablierung neuer Normen - und die Macht - das, woran wir uns gewöhnt haben, was wir schon nicht mehr sehen - sehr inniglich verbunden sind. So sehr, daß wir häufig eher von einem Einsickern von Ideen in die allgemeinen Vorstellungen vom Richtigen (und damit in die unaufhörliche Verfertigung von Wirklichkeit) sprechen müssen als von deren "Sieg". Die Einführung der Quote in die CDU hat auch bei den dortigen Frauen durchaus gemischte Gefühle ausgelöst. Sie wurde als leider notwendige "Krücke" (Süssmuth) bezeichnet oder auch als Demütigung der Frauen, die nie erfahren würden, ob sie denn den Männern auch ohne Quote gut genug gewesen wären . . .

Ein naheliegendes, aber eben genuin politisches Argument ist meiner Erinnerung nach nicht gefallen: daß die Quotierung eine Naturalisierung des Politischen bedeutet. Wenn die Erfahrung des Geschlechts als wesentliche Kategorie politischen Denkens und Handelns etabliert wird, dann ist zunächst die wesentliche Zumutung, das Ideal desselben aufgehoben: nämlich nicht primär nach den eigenen Interessen zu agieren, sondern das allgemeine Wohl zu wollen. Für die CDU wird das vermutlich nur die triviale Konsequenz nach sich ziehen, daß man Personen wie Heiner Geißler künftig darauf hinweist, für seine Themen gebe es doch nun wirklich genug Frauen in den Gremien. Für den politischen Diskurs aber bedeutet die Quotierung vor allem, daß von nun an keine Naturalisierung mehr formal zurückgewiesen werden kann: Ist die lebensweltliche Erfahrung von türkischen Mitbürgern nicht auch notwendig different von jener, die wir für allgemein halten? Was ist mit Lesben (hallo, Grüne, aufgewacht!), und wie viele Behinderte gibt's eigentlich im Parlament?

Die Frage der Quotierung zeigt, daß feministische Überlegungen mehr sind und auch sein müssen als Reparaturen der Wirklichkeit. Alles, was über gleiche Tariflöhne hinausgeht, rührt an die Mitte der Gesellschaft, an unsere gewohnheitsmäßigen Auffassungen von Gerechtigkeit, Liberalität und dem, was wir ganz allgemein für selbstverständlich halten. In ihrem gerade übersetzten Buch "Selbst im Kontext" diskutiert die Harvard-Professorin Seyla Benhabib auch diese Eigenschaft des Feminismus: Er hat, wie alle sozialen Bewegungen, die Grenzen zwischen gesellschaftlichen, privaten und politischen Belangen neu gezogen. Wer die Ansicht vertritt, daß westliche Gesellschaften (um beim Überschaubaren zu bleiben) auf geschlechtlichen Rollenzuteilungen beruhen, oder wer dieser Vermutung nachgeht, der gerät notwendig in Fragen, die das gesamte Funktionieren dieser Gesellschaften berühren: Wer prägt die öffentlichen Bilder? Wer kümmert sich um die Erziehung? Wer ist für die Pflege Kranker und Bedürftiger zuständig, wer für das Töten? Wer handelt Konflikte vornehmlich unter Verweis auf Rechtsnormen aus (agiert also politisch), wer ist im Alltag auf die permanente Vermittlung von Partikularinteressen angewiesen (agiert also privat)? Wer produziert die Nahrung, wer verteilt sie, und wer hat ein Interesse daran, daß deren Pestizidanteil gering bleibt? Wer macht die Gesetze, wer Politik, und wer bringt den Kindern Rechnen und Naseputzen bei? Und wer und was sorgt eigentlich dafür, daß das alles immer so weitergeht?

Dies der und das, liebe Kinder, ist eben "der Diskurs": die immer neue performative Herstellung dessen, was wir die Wirklichkeit nennen, samt ihrer rhetorischen und rechtlichen, praktischen und politischen Bestätigung. Benhabibs Anliegen ist, wie das ihrer Kollegin Nancy Fraser, die Vermittlung der Moderne mit der Postmoderne und beides mit dem Feminismus. Beide Autorinnen konstatieren eine unübersehbare Müdigkeit der klassischen Ideen der Aufklärung: Allgemeine Rechtsnormen, die Autonomie des Subjekts, die Möglichkeit freier Rede haben nicht zu den erhofften Ergebnissen geführt. "Die Skepsis", so Benhabib, "die viele dem Projekt der Moderne heute entgegenbringen, wurzelt in der verständlichen Enttäuschung über eine Lebensform, die weiterhin Kriege zeugt, aufrüstet, die Umwelt zerstört und wirtschaftlich ausbeutet, anstatt die menschlichen Grundbedürfnisse menschenwürdig zu befriedigen; eine Lebensform, die nach wie vor viele Frauen, Nichtchristen und Menschen anderer Hautfarbe in moralischer wie politischer Hinsicht als Menschen oder Völker zweiter Klasse einstuft u nd die Grundlagen solidarischer Koexistenz im Namen von Profit und Konkurrenz untergräbt. Es gehört zu den dringlichsten Fragen unserer Zeit, ob sich die Massendemokratie der hochentwickelten Industriestaaten von innen heraus erneuern kann." Wie aber soll das gehen?

Benhabib und Fraser argumentieren in jenen Bereichen, die Schnittmengen von Geistesgeschichte und politischer Realität darstellen: unseren Vorstellungen vom Individuum, von Gerechtigkeit und Moral - und schließlich von der Wahrheit. In einer hinreißenden Auseinandersetzung mit Hegel zeigt Benhabib, wie der Erfinder jener Theorie des bürgerlichen Rechts, von deren wesentlichen Ideen wir heute noch zehren, die Frauen einerseits als Rechtssubjekte (gegen Kant) etabliert - und sie andererseits (gegen romantische Zeitgenossen) wieder auf ihren Platz als das Andere der Vernunft verweist. Frauen, in ihrer Unmittelbarkeit, unterlaufen die säuberliche Scheidung des Öffentlichen vom Privaten, des Rechtlichen vom Sittlichen, des Rationalen vom Intuitiven. Man muß sie wegsperren, denn, so Hegel, "(die Weiblichkeit) - die ewige Ironie des Gemeinwesens - verändert durch die Intrige den allgemeinen Zweck der Regierung in einen Privatzweck". Und das tut sie heute schon wieder: indem sie beispielsweise (wie Carol Gilligan) einklagt, in die etablierten Vorstellungen von Moralität und Gerechtigkeit "asymmetrische" Werte einzubringen, als da sind: Fürsorge und Anteilnahme.

Die Privilegierung des rechtlichen Bereichs in allen universalistischen Theorien wiederholt die historische Trennung zwischen Recht und Moral und übersieht, daß es in unseren Gesellschaften - von der Pflegeversicherung bis zur Pornographiedebatte - längst um Fragen geht, in denen das Sittliche, das Moralische und das Juristische übereinanderliegen. Und auch das Ökonomische. Intensiver als Benhabib beschäftigt sich ihre Kollegin Nancy Fraser in ihrem Buch "Widerspenstige Praktiken" mit der Frage, wie das männlich-autonome Rechtssubjekt "nicht nur die Familie und die offizielle Ökonomie verbindet, sondern diese auch mit dem Staat und der politischen Öffentlichkeit - das heißt, wie die Prämissen eines Versorgerstatus des Mannes und eines Abhängigenstatus der Frau sie alle durchziehen". In ihrer aufmerksamen Auseinandersetzung mit Habermas beschreibt sie die Defizite moderner Gesellschaftstheorien, die das Erbe der Aufklärung antreten, aber dabei so blind für die Bedeutung der Geschlechterrollen bleiben wie alle ihre Vorgänger. Dieser blinde Fleck - darin sind Benhabib und Fraser einig - hat einen systematischen Ursprung. Das öffentliche Individuum ist männlich konzipiert, die Bedürfnisinterpretation ist ebenso geprägt, Basis und Überbau beruhen auf derselben Ignoranz weiblichen Lebens. Bis hinein in die öffentliche Wohlfahrt läßt sich nachweisen, "daß die Konstruktion maskulin und feminin geschlechtlicher Subjekte benötigt wird, um jede Rolle im klassischen Kapitalismus auszufüllen".

Die sogenannte Postmoderne war angetreten, der Aufklärung ihre Fehlleistungen in Rechnung zu stellen und ihre metaphysischen Voraussetzungen zu demontieren: die Illusion einer selbstreflexiven und sich selbst begründenden Vernunft, die, a la Descartes, bedingungslos beginnt; die Illusion eines autonomen, körperlosen Subjekts, das kontextfrei und a-sozial zu seinen Einsichten gelangt - und schließlich die Illusion einer (auch "kommunikativen") Wahrheit, zu der vernunftorientierte Geister notwendig, gleichsam automatisch gelangen. Die sogenannten "großen Erzählungen" der History, der Philosophie und der politischen Theorie sollen ersetzt werden durch pluralistische Skepsis, Subversion, schließlich die "kleinen, lokalen Wahrheiten" des jeweils Anderen.

Seyla Benhabib und Nancy Fraser - letztere in einer ebenso geistvollen wie sachlichen Diskussion von Foucaults Werk - weisen darauf hin, daß in der politischen Praxis wie in der Theorie gerade die radikalen Postmodernisten auf manche Errungenschaften der Moderne angewiesen sind: ihren Liberalismus, ihre Schutzräume für das Individuum, ihre Verfahrensrationalität. Die Debatte um Moderne oder Postmoderne ist längst siech, sie ist auch überflüssig; die Schwierigkeiten liegen im Detail ihrer Vermittlung. Wenn die Kommunitaristen Michael Walzer und Charles Tayler partikulare Gruppenwerte etablieren wollen, reiben sie sich an jenen liberalen Normen wund, in deren Geist sie sprechen. Und wenn Feministinnen die Quote durchsetzen, dann müssen sie zugleich das Paradox erkennen, das sie damit vorantreiben. Warum aber sollte die Wahrheit auf dem Weg zum Guten nicht krumme Wege gehen? Nancy Fraser und Seyla Benhabib argumentieren also dialektisch; inhaltlich arbeiten sie als Trümmerfrauen der Moderne. Selbst wenn die allgemeine Wahrheit, der Fortschritt und auch die Utopie ihre Dignität und ihren Zauber einbüßten - haben wir ein besseres Projekt der Ethik für die Zukunft zu bieten, wie Benhabib fragt, "als die Synthese aus autonomieorientiertem Gerechtigkeitsdenken und empathischer Anteilnahme für die Belange anderer? Werden sich die Theoretiker der Postmoderne mit uns an dieser Aufgabe beteiligen, oder werden sie sich damit begnügen, den Schwanengesang des normativen Denkens anzustimmen?"

Es gibt auch noch andere Möglichkeiten. Die Berkeley-Professorin Judith Butler hat sich in ihrem zweiten ins Deutsche übertragenen Buch "Körper von Gewicht" den Kategorien Geschlecht, Identität und Diskurs auf eine Weise gewidmet, die jeden denkenden Menschen, der solches für Feminismus hält, zum Patriarchat bekehren könnte. Wie Benhabib und Fraser hat sie Foucault, Nietzsche und Freud gelesen. Im Unterschied zu ihren Kolleginnen aber nutzt sie deren Überlegungen nicht systematisch, sondern zur narzißtischen Kostümierung ihrer im Grunde trivialen Einsicht, daß es "kein ,Ich` gibt vor der Annahme eines Geschlechts, und keine Annahme, die nicht zugleich eine unmögliche, doch notwendige Identifizierung ist". Wie schon im "Unbehagen der Geschlechter" arbeitet sie sich an der Differenz zwischen dem biologischen Geschlecht (sex) und dem sozialen (gender) ab, um in denselben Aporien zu stranden: Das biologische Geschlecht wird bei ihr zu einer Fiktion vom Rang des Kantischen Dings an sich, und die "diskursiven Grenzen des Geschlechts" werden erweitert bis zu jener Beliebigkeit, die wir noch aus den siebziger Jahren kennen, als "die Verhältnisse" als allgemeiner Dietrich funktionierten. Aus der Lacan-Lektüre der linguistischen Idealistin Butler ist ein Aufsatz mit dem Titel "Der lesbische Phallus und das morphologische Imaginäre" geronnen, der zu den größten Schätzen komischer Literatur zählen darf, so munter schwadronierend fällt die Autorin da in jede Falle zwischen Phallus und Penis, symbolischer Kastration, der Zwangsheterosexualität, dem Begehren, den Verboten, der kritischen Mimesis und den "offenkundig widersprüchlichen Signifikanten".

Butlers Vorschlag zu subversiver feministischer Politik orientiert sich im wesentlichen an einem spielerischen, nichtidentischen, zwanglosen Verhältnis des "verlorenen Referenten" Frau zu seinem/ihrem sozialen Geschlecht; von diesem Archimedischen Punkt aus "allegorisiert die darstellerische Realisierung des sozialen Geschlechts einen Verlust, den sie nicht betrauern kann, daß sie die einverleibende Phantasie der Melancholie allegorisiert, wodurch ein Objekt phantasmatisch vereinnahmt oder a ufgenommen wird, als eine Form der Weigerung davon abzulassen".

Lassen wir davon ab. Judith Butlers theoretische Referenzen sind, abgesehen von den genannten Männerwerken, zwei Romane amerikanischer Autorinnen (von denen einer noch nicht übersetzt ist, was die Lesbarkeit ihrer Interpretation nicht erhöht) und der Film "Gender is Burning"; die empirischen Bezugsgrößen ihrer politischen Empfehlungen geben etwa drei Tuntenbälle in West Village. Welche großen, inspirierenden und scharfsinnigen Erneuerungen der Feminismus seit Simone de Beauvoirs "Das andere Geschlecht" erfahren hat, kann man bei Nancy Fraser und Seyla Benhabib nachlesen.

Seyla Benhabib:

Selbst im Kontext

Aus dem Amerikanischen von Isabella König; Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995; 340 S., 24,80 DM

Nancy Fraser:

Widerspenstige Praktiken

Macht, Diskurs, Geschlecht; aus dem Amerikanischen von Karin Wördemann; Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995; 291 S., 22,80 DM

Judith Butler:

Körper von Gewicht

Die diskursiven Grenzen des Geschlechts; aus dem Amerikanischen von Karin Wördemann; Berlin Verlag, Berlin 1995; 367 S., 39,80 DM