Merkwürdig, wie schnell man sich an den Anblick gewöhnt. Panzer, mal einzeln, mal im Dutzend, in jedem Dorf; eingegrabene Flakgeschütze zwischen Weinplantagen; zum Schießstand drapierte Sandsäcke am Wegesrand und jede Menge bewaffnete Soldaten, die den Verkehr kontrollieren oder einfach nur vom zweiten Stock eines Betonrohbaus die Beine baumeln lassen. Auch viereinhalb Jahre nach dem offiziellen Ende des Bürgerkriegs, drei Jahre nach der Freilassung der letzten Geiseln erweckt der Libanon noch immer den Eindruck eines großen Waffenlagers. Wieder ein Schilderhäuschen mitten auf der Straße. Davor ein Soldat im Kampfanzug, der lässig die Autofahrer überprüft, das Schnellfeuergewehr fest im Griff. "Das ist die libanesische Armee", sagt Mohammed nicht ohne Stolz. Und wiederholt den Satz alle paar Kilometer, bei fast jeder Verkehrskontrolle. Nur selten knurrt er unwillig: "Syrer!" Solange die Israelis ihre "Schutzzone" ganz im Süden nicht freigegeben haben, verlassen auch die syrischen Truppen nicht endgültig das Land.

Die allgegenwärtige Militärpräsenz mag Reisenden aus dem behüteten Westeuropa kriegerisch erscheinen, den Libanesen ist sie ein Symbol des Friedens. Denn die neu gegründete Armee hat die Kontrollpunkte von den Milizen übernommen, die sich während des Bürgerkriegs gegenseitig bekämpften und die Straßen innerhalb ihrer Territorien kontrollierten. Daß dort jetzt Soldaten statt Milizionären stehen, demonstriert die neue Einheit des Landes und die Autorität der gemeinsamen Staatsmacht. So können die Menschen wieder - ungehindert von christlichen, drusischen oder schiitischen, sunnitischen oder palästinensischen Kampftruppen - ihre Heimat bereisen: vom schmalen, rund 250 Kilometer langen Küstenstreifen aus zu den grünen Tälern, zu den Wasserfällen und Ausflugslokalen in den Bergen und sogar bis hin zu den römischen Tempelanlagen von Baalbek, wo während des Krieges die Hizbullah herrschte. Und zurück nach Beirut, das die Milizen einst zum Hauptkampfplatz erkoren hatten.

Ein Palais mit geschwungener Freitreppe, mit orientalisch gerundeten Oberlichtern aus buntem Glas, mit Stuckverzierungen und einer eiförmigen Kuppel: Die Villa Sursock, heute ein Museum moderner Kunst, hat das Flair des eleganten Beirut vergangener Tage in die Gegenwart herübergerettet. Ringsum ragen Hochhäuser mit teuren Appartements auf. Und immer wieder alte Villen in Palmengärten, mal proper herausgeputzt, mal umgeben vom morbiden Charme der Vergänglichkeit.

Eine Treppe führt hinab zwischen älteren Mehrfamilienhäusern, die sich am Hang staffeln. Kanarienvögel singen auf den Balkonen, von denen frischgewaschene Kopfkissen und gerüschte Bettüberwürfe baumeln. Die Sonne scheint, Rosen duften am Treppenrand, in den Fugen der Stufen blühen wilde Blumen. Im christlichen Ostbeirut läßt es sich beschaulich leben.

Eine Hausfrau steht rauchend auf dem Balkon, ein paar junge Mütter herzen ihre Kinder, auf einer Steinbank flirtet ein Soldat mit seiner Freundin. "Bonjour", sagt ein alter Mann im Vorübergehen, "das hier ist die escalier d'amour, die Treppe der Liebe. Alle Verliebten kommen hierher." Der Krieg scheint unendlich fern, die Einschußlöcher in den Fassaden sind längst zugemörtelt. Man glaubt sich irgendwo in Italien zu befinden.

Dann aber bekommt die Beschaulichkeit unvermittelt einen Beigeschmack von Elend. Schuttberge, überwuchert von Kapuzinerkresse; eine Hausruine, in deren Parterre ein einsamer Schlachter seine Ware feilbietet. Und schon öffnet sich ein freier Platz von gewaltigen Ausmaßen. Leer, platt gewalzt und bedrückend öde - die ehemalige Frontlinie des Bürgerkriegs. Eine Mammutbaustelle, durchzogen von ein paar Asphaltpisten, auf denen Autos den Stadtteil wechseln. Für Fußgänger ein kaum zu überwindender Graben zwischen Ost- und Westbeirut, zwischen Christen- und Muslimenviertel.

Allein die Bronzefiguren des Märtyrerdenkmals, die eigentlich an die Toten des Unabhängigkeitskampfes gegen die Türken erinnern, haben mitten auf dem Platz den Kahlschlag überlebt. Und sind zum Mahnmal für den Frieden geworden: als Invaliden, deren Arm eine Granate zerfetzt hat, deren Körper von Bürgerkriegskugeln zersiebt sind.