Der FDP-Bundesparteitag in Mainz, das waren in Wahrheit zwei Parteitage. Der erste dauerte bis Samstag, 11.30 Uhr; der zweite begann am Samstag, 11.38 Uhr.

Dazwischen lag der Wahlgang, aus dem Wolfgang Gerhardt als neuer FDP-Vorsitzender hervorging.

Bis zu diesem Moment waren die Liberalen hart mit sich ins Gericht gegangen; hart, aber nicht verletzend. Sie hatten gestritten - über die Gründe für die neuerlichen Wahlniederlagen, über Personen, über ihren Platz im Parteienspektrum, über den Nationalliberalismus. Die Cafeteria in der Vorhalle blieb leer, die Delegiertenplätze waren besetzt. Ein jeder wollte mitreden. 110 Wortmeldungen. Die Debatte - eine kleine Sternstunde. Sogar eine Art liberale Wiedergeburt wäre möglich gewesen, hätte sich nicht plötzlich dieser Mehltau über die Bänke gelegt.

Ab Samstag, 11.38 Uhr, die Ägide Gerhardt hat soeben begonnen, befällt die Veranstaltung jener Charme, den ihr Name verheißt: "46. ord. Bundesparteitag". 662 Delegierte, 65 Anträge, zuzüglich Dringlichkeitsanträgen und Änderungsanträgen: Liberalismus geschäftsmäßig, gerade so, als gäbe es keine Existenzkrise. Alle Spannung ist abgefallen von den Delegierten. Die Cafeteria füllt sich, im Saal Fachdebatten, redlich, unaufgeregt. Wo man sich nicht einigen kann, wird entschärft, verwiesen, verschoben. Wiedervorlage 1996. Von wegen: Profil schärfen!

Offenbar genügt es der Partei fürs erste, einen neuen Chef zu haben. Offenbar genügt es dem neuen Vorsitzenden fürs erste, der neue Vorsitzende zu sein.

Als Gerhardt schließlich vor der Presse Bilanz zieht, überfällt diese merkwürdige Lähmung sogar die Berichterstatter. Sie fragen nicht mal nach, obwohl Gerhardt einen ganzen Kübel Allgemeinheiten vor ihnen ausgeleert hat: "Ein gutes Stück Neuanfang" - "gute Perspektiven für den Weg aus dem Tief" - "liberale Grundsätze kenntlich gemacht". Was soll man da noch fragen? Nach rund fünf Minuten ist die erste Pressekonferenz des neuen Parteichefs beendet.

Schon in seiner Kandidatenrede hat sich Gerhardt der Partei als netter Mensch ganz ohne Kanten vorgestellt. Es sei notwendig, so ruft er den Delegierten zu, daß "jemand die Partei repräsentiert, über den die Freunde, Arbeitskollegen und Bekannten gut reden". Aus eigener Umgänglichkeit und Anständigkeit zimmert er eine Art Parteiprogramm: "Wir müssen Ansehen gewinnen. Wir müssen auf Menschen zugehen. Wir müssen uns Zeit nehmen für das Gespräch. Die Menschen müssen spüren, daß wir an ihrem Schicksal Anteil nehmen. Menschliche Wärme, Herzlichkeit und Zuhörenkönnen, das erwartet man zu Recht von uns. Niemand kann auf Dauer ohne Lob leben. Dafür will ich mir Zeit nehmen." Niemand hätte da widersprechen mögen, dem freundlichen Wolfgang Gerhardt schon gar nicht. Doch allzu gerne hätte zumindest ein Teil der Delegierten auch erfahren, wohin er die Freien Demokraten zu führen gedenkt. Doch da behilft sich der Kandidat mit der Methode Spiegelstrich, zwei Sätze pro Politikfeld. Zum Beispiel diese: "Unsere Wirtschaftspolitik bewältigt strukturellen Wandel. Sie nimmt die ökologische Herausforderung marktwirtschaftlich auf." Oder: "Unsere Außenpolitik bleibt bündnisorientiert und verantwortungsbewußt. Wir brauchen immer das Vertrauen der anderen in uns."