Da liegt sie nun vor mir - unter Glas, die dicke Broschüre aus dem Osten, deren Prüfung uns damals, vor über dreißig Jahren, unter dem heißen Dach einer Mansardenwohnung so viel Arbeit machte: "800 Nazi-Blutrichter - Stützen des Adenauer-Regimes". Wir, ein halbes Dutzend Studenten an der Freien Universität Berlin, hatten es damals nicht glauben können, was in dieser Propagandakladde aus dem Osten stand. In wochenlanger mühseliger Arbeit verglichen wir anhand der Nachschlagewerke der Justizbehörden von vor und nach 1945 die Angaben aus dem Osten über die Sonderrichter, Kriegsrichter und Staatsanwälte, die damals Todesurteile im Dienst der Nazis beantragt und verhängt hatten. Ergebnis: Fünf oder sechs der wieder aktiven 800 Nazirichter waren einer Namensverwechselung zum Opfer gefallen; alles andere stimmte - sie waren alle wieder im demokratischen Staat tätig. Unser Kommilitone Reinhard Strecker, selbst ein Opfer der Nazis, besorgte in Ost-Berlin Kopien der Originalakten, mit denen wir in der Residenz des Rechts, in Karlsruhe, die Ausstellung "Ungesühnte Nazijustiz" veranstalteten. Was wir damals nicht zu hoffen wagten, geschah. Generalbundesanwalt Max Güde folgte unserer Einladung, besuchte die Ausstellung und zeigte sich beeindruckt. Gewiß, die Nazijustiz blieb ungesühnt bis heute. Doch die blutigsten NS-Richter mußten - durften - sich vorzeitig pensionieren lassen. Spätfolge einer Broschüre aus dem Osten, die eigentlich nur der Propaganda dienen sollte.

"Kalter Krieg und kleine Schriften" - so heißt die Ausstellung von über 200 Kleinschriften und Plakaten, die jetzt in der Hamburger Staatsbibliothek Carl von Ossietzky zu sehen ist. Der Historiker Klaus Körner hat sie aus seiner Privatsammlung von 18 000 Broschüren zusammengestellt. Hamburg war nach dem Krieg wichtig als Treffpunkt ehemaliger Nazis, entwurzelter Militärs, aber auch als Traditionsort der KPD. Besonders aktiv war der im Juni 1949 gegründete Deutsche Buchverlag Hamburg, den der CDU-Mitbegründer Konsul Franz Wilhelm Paulus aufmachte, nachdem ihn der US-Geheimdienst mit der Werbung für den Europa-Gedanken beauftragt hatte. Eines der ersten Produkte war die Broschüre "Die Grenzen nieder - Europa ist unsere Rettung". Das war zumindest für den Verfasser damals die lautere Wahrheit. Er nannte sich auf dem Titelblatt Dr. P. C. Holm und hieß tatsächlich Paul Karl Schmidt. SS-Obersturmbannführer Schmidt, Pressechef im Außenministerium, hatte damals Hitlers "Europa-Idee" propagiert, insofern war er Experte. Er verfaßte noch zahlreiche weitere Europa- Schriften im Dienst der Bundesregierung und wurde später unter dem Namen Paul Carell eine bundesdeutsche Berühmtheit. Seine Bestseller über den Rußlandkrieg, die noch heute in jeder Buchhandlung ausliegen, verkünden das Hohelied von der anständigen deutschen Wehrmacht, die nie ein Verbrechen begangen habe.

Es sind Geschichten wie diese, die zeigen, daß die gerade in diesen Tagen so heftig "bewältigte" Vergangenheit mit dem 8. Mai 1945 nicht zu Ende ist. Während allerdings in den Festreden unseres politischen Führungspersonals selten der Hinweis darauf fehlt, wie im Osten unseres teuren Vaterlandes die braune von einer roten Diktatur abgelöst wurde, schweigt der Staatsrhetoren Höflichkeit über braune Kontinuitäten im Westen. Doch die Zeit, da man jeden, der das heimliche Weiterwirken alter Nazis im Kalten Krieg aufzudecken versuchte, als Kommunisten und von Moskau gesteuerten Vaterlandsverräter mit Erfolg diffamieren konnte, sind vorbei.

Hitlers Krieger im Kalten Krieg - Klaus Körners Hamburger Ausstellung gibt da Anstoß zur Aufklärung. Sie ist noch bis zum 8. Juli in der Staatsbibliothek Carl von Ossietzky zu besichtigen. Es täte unserem Geschichtsverständnis gut, wenn sie anschließend eine Reise durch die ganze Republik anträte.