Am 6. Juli ist alles vorbei. So lange kann man in Berlins Mitte nun den verhüllten Reichstag betrachten - Höhepunkt eines Gesamtkunstwerks, zu dem die endlose Vorbereitung, der politische Hader, die Inszenierung, die Technik, die Postkarten und die Erinnerung hinterher gleichermaßen gehören. Nur den Prozeß einiger Tage, vom Anfang bis zum Ende der Verhüllungsaktion, zeigen wir hier in Bildern, von Seite 2 bis 7.

Der Riesenklotz, zwei Wochen als Apfel im Schlafrock: Alles mögliche ist hineingeheimnißt worden in das Projekt des Romantikers Christo mit seiner Ästhetik des Augenblicks, dem Werk, das nach 24 Jahren entsteht und gleich wieder vergeht. Zum demokratischen Kunstwerk gehören widerwillig selbst jene, die das Spektakel unwürdig finden, weil der Reichstag das deutsche Symbol und das Parlament der hohe Ort der Politik sei.

Man würde sich wünschen, daß aus dem Reichstag wahrhaft wieder ein Bundestag wird - "dem deutschen Volke", so steht es schließlich darüber. Es geht sicher nicht darum, dem Bau, den die Nazis 1933 anzündeten, seine demokratischen Verdienste abzusprechen. Aber die Bundesrepublik (West) hat ihre eigene kleine Geschichte geschrieben, sie hat sich mit der Vereinigung dann tiefer verändert, als sie selbst wahrhaben möchte, sie ist aber nicht mehr die alte Republik aus Weimarer Zeit. Und je mehr sie sich darin selbst vertraute, um so weniger würde sie Vergewisserung nur in den Symbolen von gestern suchen. Nein, im Alten steckt nicht das kühne Neue, auch nicht die Normalität einer Berliner Republik. Das Bonner Parlament drückt von der gewachsenen Demokratie, auch der des Ost-West-Landes, einiges aus. Wünschen würde man sich, daß es nach der Enthüllung genau darauf selbstbewußter beharrt. Als Parlament, das sich nicht einbalsamieren läßt von den Parteien, nicht erdrücken läßt von der Regierung, nicht verführen läßt von den Medien und fähig bleibt zur Selbstkorrektur.

In architektonischer Hinsicht gibt es das Wunschbild übrigens schon: Das Bonner Behnisch-Parlament ist demokratisch, offen, ohne alles Auftrumpfende. Daran gemessen hat der Reichstag, der Bundestag heißen soll, wenig Chancen: Spätestens seit nämlich auf den großen Umbau aus Kostengründen verzichtet wurde und am Ende doch nur ein renoviertes, mit einer Kuppel überhöhtes Wallot-Gebäude wiederentstehen wird, wozu Norman Foster als Architekt auch noch seinen Namen gibt. Weder entsteht wirklich Neues, noch klassisches Altes. Ein bißchen Renovierung, ein bißchen Zitat. Sind wir so, wir Republikaner? Schade, daß unter diesen Bedingungen der Reichsbundestag, Kunstwerk hin oder her, nicht eingepackt bleibt.