Am 24. Juni 1922 wurde Reichsaußenminister Walther Rathenau auf dem Wege ins Amt im offenen Fond seines Wagens erschossen. Die sofort eingeleitete Fahndung führte schon nach wenigen Tagen zu ersten Festnahmen. Die beiden Haupttäter, der 23jährige Kieler Jurastudent Erwin Kern und der 26jährige Maschinenbauingenieur Hermann Fischer aus Chemnitz, wurden nach wochenlanger Jagd auf Burg Saaleck im Thüringischen gestellt. Kern fand bei einem Schußwechsel mit Polizeibeamten den Tod, sein Komplize erschoß sich daraufhin selbst.

Im Prozeß gegen dreizehn Mitverschwörer im Oktober 1922 verhängte der Staatsgerichtshof in Leipzig zum Teil harte Strafen; doch unternahm er keine Anstrengungen, die Hintergründe der Mordtat auszuleuchten. Das Urteil räumte die Möglichkeit ein, daß eine "Organisation, die den Mord Rathenaus betrieb, bestanden" habe, bewiesen worden sei das aber "bisher nicht". Dabei gab es zahlreiche Indizien, die auf ein von langer Hand geplantes Mordkomplott hindeuteten.

Was die Richter seinerzeit versäumten, das hat Martin Sabrow, Mitarbeiter an der von Ernst Schulin betreuten Walther-Rathenau- Gesamtausgabe, in seiner historischen Doktorarbeit nachzuholen versucht (siehe auch sein Zeitläufte-Stück in der ZEIT Nr. 26/92). Ein schwieriges Unterfangen, denn Zeugen, die noch hätten befragt werden können, leben nicht mehr. Umfangreiches Observationsmaterial über das klandestine Milieu rechter Verschwörergruppen existiert nicht, weil es einen mit entsprechenden Befugnissen ausgestatteten Verfassungsschutz in der Weimarer Republik nicht gab. Die Selbstzeugnisse von Tatbeteiligten, vor allem Ernst von Salomons immer wieder unkritisch zitierte dokumentarische Romane "Die Geächteten" (1930) und "Der Fragebogen" (1951), sind als historische Quellen nur von begrenztem Wert, weil sie die Hintergründe der Tat eher verschleiern als erhellen.

Ein Glücksfall kam dem Autor zur Hilfe. Die Akten des Oberreichsanwalts in der Mordsache Rathenau - insgesamt rund achtzig Bände -, die als verschollen galten, sind Anfang 1993 wiederaufgetaucht, und zwar im Nachlaß Rathenaus im Zentralen Staatsarchiv/Sonderarchiv in Moskau. Wichtige Auskünfte über frühe Tätigkeiten in rechtsradikalen Organisationen liefern auch die in den Personalakten des Document Center enthaltenen Lebensläufe von NSDAP- und SS-Mitgliedern. Schließlich hat der Autor noch die Tagebuchaufzeichnungen eines Tatbeteiligten, Hartmut Plaas, aufspüren können, die einen direkten Einblick in die Überlegungen und Aktivitäten der Verschwörer geben. Gestützt auf diese und eine Vielzahl weiterer unbekannter Quellen, gelingt es Sabrow, den Schleier zu lüften, den die Attentäter über den Mordanschlag gebreitet hatten.

Im Zentrum der Untersuchung steht die "Organisation Consul" - kurz O.C. -, jener geheimnisvolle Bund, der 1920, nach dem Scheitern des Kapp-Putsches, von Angehörigen der aufgelösten Brigade des Korvettenkapitäns a.D., Hermann Ehrhardt, gegründet worden war (nach dessen Decknamen wurde die Geheimorganisation benannt). Sabrow schildert das sich bald über ganz Deutschland erstreckende Organisationsnetz der O.C., ihre konspirativen Arbeitsmethoden und ihre Verbindungen zu anderen völkischen Verbänden wie dem Germanenorden. Obwohl offiziell nicht geduldet, erfreute sich die Ehrhardt-Truppe insgeheim bester Kontakte zu hohen Regierungsstellen, besonders in Bayern. In München, dem Eldorado der politischen Rechten in der frühen Weimarer Republik, befand sich nicht zufällig auch die Zentrale der O.C. mit zeitweilig dreißig hauptamtlich Beschäftigten.

Die Organisation war keineswegs - wie diese Studie eindeutig belegt - nur ein Auffangbecken für versprengte Weltkriegsoffiziere, die nach 1918 nicht ins normale bürgerliche Leben hatten zurückfinden können. Vielmehr verstand sie sich als ein militanter Kampfbund mit einem klar konturierten innenpolitischen Programm: Durch gezielte Anschläge auf demokratische Politiker sollte die Linke zu einem Aufstand provoziert werden, dessen Niederschlagung im Verein mit der Reichswehr den Aktivisten der O.C. die Gelegenheit bieten würde, den Weimarer Verfassungsstaat zu beseitigen und eine Rechtsregierung ans Ruder zu bringen.

Daß diese Provokationsstrategie tatsächlich das Drehbuch abgab für die Serie von Attentaten, die in den Jahren 1921/22 die Republik erschütterten, kann nach den Ergebnissen dieser Untersuchung kaum mehr bezweifelt werden. Der Anschlag auf Rathenau stellt sich demnach als ein Glied in einer Kette von terroristischen Aktionen dar, welche die Demokratie von Weimar sturmreif machen sollten. Sowohl beim Mord an dem Zentrumspolitiker und ehemaligen Reichsfinanzminister Matthias Erzberger am 26. August 1921 als auch beim Blausäureanschlag auf den Kasseler Oberbürgermeister und ersten Ministerpräsidenten der Republik, Philipp Scheidemann, am 4. Juni 1922, hatte, wie nachgewiesen wird, die O.C. die Hand im Spiel (allerdings war sie nach Sabrows Erkenntnissen an dem Überfall auf den Publizisten Maximilian Harden am 3. Juli 1922, wenige Tage nach dem Rathenau-Mord, nicht beteiligt).