Na bitte! Es geht doch. Der Mann ist unterwegs. Hinter sich gelassen hat er: die rothaarige Zicke, die gerade in eine "Villenetage" umziehen will, sowie die Illustriertenredaktion, die einen Beitrag über den Trüffelhobel plant. Im Pullover mit offenem Kragen und einem Mustertrottel von Hund unterwegs durch Deutschland. "Zu Fuß und ohne Geld", so heißt der vierteilige ZDF-Fernsehfilm, der am vergangenen Wochenende anlief. Immerzu regnet es. Aber nie wird dieser Mann so richtig naß. Dafür gibt es gleich in der ersten Folge zweimal leuchtendrotes Blut, einmal an der Ferse und das andere Mal im Gesicht. Stephan Waldhoff heißt der Mann, der einem Freund lässig zu sagen weiß: "Vom Tod verstehst du nichts."

Stephan Waldhoff? Die Geschichte kommt einem bekannt vor, und von Zufall kann keine Rede sein. "Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland" lautet der Untertitel eines Buchs, das zu den erfolgreichen der achtziger Jahre gehörte: "Deutschland umsonst". Es ist Michael Holzachs Bericht über seine Wanderung von Hamburg über Holzminden, durchs Ruhrgebiet bis an den Bodensee und über München und Dachau wieder zurück. Es war der Versuch einer äußersten Konsequenz: "Unterwegs wollte ich den Menschen, über die ich früher Artikel geschrieben hatte, nicht als Reporter begegnen, sondern als einer, der selbst notleidend ist", offenbarte Holzach auf halber Strecke die Motive seiner "autobiographischen Wanderung" - wobei die Reise dann eben doch ein Buch wurde.

Nicht der große deutsche Roman, nach dem sich regelmäßig Anfang Oktober die deutschen Feuilletons sehnen, aber ein vielschichtiger Bericht, montiert aus präzisen Beobachtungen, privaten Erinnerungen, Berufskritik und kritischer Introspektion. Keinen Moment ließ Holzach uns vergessen, daß er mit seinem Geld "filmreife Tortenschlachten finanzieren" könnte in der Bäckerei, wo er um "etwas altes Brot oder Gebäck" nachfragt. Und außerdem hatte er sich einen Stellvertreter für Glück und Leid gesucht, den Hund Feldmann. Auf dem berühmten Doppelportrait sieht der Hund in die Kamera, der Autor nicht.

Michael Holzach starb, als er mit einer Regisseurin an der Emscher unterwegs war und versuchte, seinen Hund aus einem Abwasserkanal zu retten. Daß Feldmann seinen Herrn überlebt hat, ist die groteske Wendung der Geschichte. Wirklich absurd aber ist die Tatsache, daß Holzach nicht auf seiner Reise starb, sondern bei der ersten Gelegenheit, sie nachzustellen. "Deutschland umsonst" sollte verfilmt werden, doch die begleitende Regisseurin hat den Film nie gedreht.

Die Wanderung ist fünfzehn Jahre her. Holzach stand an der thüringischen Grenze und konnte es nicht fassen, daß er in Vacha dort unten keine Brötchen holen durfte. Den Ausgang der Kanzlerwahl, bei der Strauß scheitert, sieht er auf stummen Fernsehern in einem Schaufenster und erfindet die Kommentare der Politiker.

Ein Dutzend Jahre hat die Regina Ziegler-Filmproduktion auf dem Stoff gesessen, um ihn schließlich in die Jetztzeit zu beamen. Eingebettet in eine dümmliche Rahmenhandlung zweier Hamburger Paare, die sich als WG terrorisieren, das Alter der Protagonisten um zehn oder mehr Jahre hochgezogen, ist das Projekt des Wanderers eine nahezu unbegreifliche Flause. Die Begegnungen zeigen nichts von Holzachs List, seinem Zweifel, seinem Doppelgängerblick. Man hat den Drehbuchautor der "Schwarzwaldklinik" rangelassen.

Holzachs Freundin Freda Heyden, die die Rechte am Werk nicht besitzt, hat mehr als eine Änderung des Titels und der Namen nicht erwirken können. Der falsche Hund heißt auch im Fernsehen Feldmann. Na bitte! Es geht doch. Was interessiert uns die Wirklichkeit, wenn wir sie verbiegen können zum Klischee.

Termine: jeweils sonntags: 25. Juni, 22.00 Uhr; 2. Juli, 21.50 Uhr; 9. Juli, 22.15 Uhr