Pferde und Esel bringen zwar gemeinsam Maultiere zustande, doch die sind meist unfruchtbar. Trotz großer Ähnlichkeiten reproduzieren sich die beiden nicht als gemeinsame Art. So sehen die einfachen Fälle der Artenbestimmung aus. Vertrackt hingegen ist die Entdeckung der kryptischen Arten, also jener, die zuvor mit einer anderen Spezies unter einem Artnamen vereint worden waren. Eine solche Neubestimmung gelang zum Beispiel 1990 der Konstanzer Primatologin Elke Zimmermann bei Halbaffen aus der Familie der Ohrenmakis: Sie trennte die afrikanischen Riesenbuschbabies anhand von Verhaltensweisen und Lautäußerungen in zwei Schwesterarten. Doch nicht nur in subtilen Differenzen von Lautäußerungen, Verhalten, Körperbau, Fellzeichnung oder Gefiederfärbung unterscheiden sich solche Arten. Zunehmend nutzen Zoologen molekulargenetische Methoden, um wesentliche Unterschiede aufzudecken.

Mit Hilfe minutiöser Durchmusterung der DNA-Sequenz aus Zellbestandteilen wie den Mitochondrien (mtDNA) oder des Zellkerns sind in den vergangenen Jahren überall auf der Welt neue Arten zutage gefördert worden. Das jüngste Beispiel liefern unsere haarigen Vettern, die Schimpansen. Seit langem wußten Zoologen, daß es zwei Arten in Afrika gibt. Neben dem gemeinen Schimpansen Pan troglodytes lebt in den Regenwäldern Zaires der Zwergschimpanse Pan paniscus, auch Bonobo genannt. P. troglodytes hat im äquatorialen Afrika ein disjunktes, gleichsam zerrissenes Verbreitungsgebiet: Er kommt sowohl in den Restwäldern Westafrikas vor als auch im Tieflandregenwald des Kongobeckens bis in die Region um den Tanganjikasee. Je nachdem, wo diese Schimpansen in Afrika leben, haben Zoologen bislang drei geographische Unterarten unterschieden. Doch bei molekulargenetischen Untersuchungen an Haarwurzelzellen stellte sich jetzt heraus, daß sich die isolierte westafrikanische Schimpansen-Subspezies P. troglodytes verus ganz erheblich von ihren östlichen Verwandten abhebt. Die genetische Information aus den Mitochondrien differiert bei verus um 2,8 Prozent gegenüber den beiden anderen Unterarten.

Wenig genug, mag man denken. Doch dieser Unterschied entspricht etwa zwei Drittel der genetischen Distanz, die zwischen den bisher als Schwesterarten unumstrittenen Bonobos und Schimpansen festgestellt wurde.

Kaum einen Monat später, im September 1994, meldete die amerikanische Molekulargenetikerin Maryellen Ruvolo ähnlich markante genetische Differenzen auch zwischen dem Flachlandgorilla (Gorilla gorilla gorilla) im westlichen Zentralafrika und zwei östlichen Unterarten (G. g. graueri und G. g. beringei). Ihren Befunden nach sind die genetischen Unterschiede der mitochondrialen DNA selbst zwischen verschiedenen Rassen des Menschen von entferntesten Orten der Erde deutlich geringer als zwischen einzelnen Gorillas in der gleichen Regenwaldregion Afrikas.

Nun machen Sequenzunterschiede im Erbmaterial allein noch keine neue Art. Überhaupt ist das Artkonzept in der Biologie nach wie vor ein zentrales Thema, über das sich Evolutionsforscher die Köpfe heiß reden. Doch die jüngsten Befunde der Molekulargenetiker schicken Zoologen wieder zurück ins Gelände, um dort vor Ort nach subtilen Differenzen auch im Verhalten und in der Ökologie solch kryptischer Arten zu fahnden, die eine artliche Differenzierung stützen könnten.

Diese ist keineswegs nur von akademischem Interesse. Bei Erhaltungszuchten stark vom Aussterben bedrohter Tierarten etwa müssen heute in jedem Fall biochemische Untersuchungen eingeholt werden, um die genetische Verträglichkeit der Elterntiere zu klären. Für Erhaltungszuchten, Rückzüchtungen und Aufstockungen dezimierter Wildbestände sollten Zuchttiere tunlichst das nächstverwandte Erbmaterial mitbringen. Nur dann lassen sich populationsspezifische Eigenschaften auch bei den Nachkommen erhalten.

Bestes Beispiel ist die gleichsam wiederbelebte Erbsubstanz des Quaggas, einer vor rund 100 Jahren von den Buren ausgerotteten Zebraart. Erst nachdem Mitte der achtziger Jahre in einer damals spektakulären Arbeit winzige Mengen von Erbmaterial aus Geweberesten gewonnen werden konnten, die sich an Museumsexemplaren fanden, wurde die nahe Verwandtschaft der Quaggas zum Steppenzebra aufgedeckt. Für die züchterische Wiederbelebung der ausgestorbenen Tiere werden seitdem in Südafrika nur die dem Quagga ähnlichsten Steppenzebras eingesetzt.