Objektiv nicht lustig

So oder so ähnlich muß er sich in seinen schlimmsten Alpträumen das politische Ende ausgemalt haben: Umgeben von ein paar aufrechten Genossen, sitzt er beim Hamburger Kabarettfestival der Kampnagel-Fabrik in der Garderobe und bangt seinem Auftritt entgegen. Draußen tobt eine Menge, die ihn, wie das Geschrei klingt, am liebsten lynchen würde; die Polizei ist alarmiert, diesmal nicht, um ihn zu verprügeln und hinter Gitter zu stecken wie damals, im Kreuzberger Mai 1988, sondern zu seinem Schutz - heute also besser keine Scherze über die Bundesarbeitsgemeinschaft Kritischer Polizisten, deren Anliegen er so absurd findet wie einen "Arbeitskreis der ,Kritischen Faschisten in der NSDAP`".

Und wahrscheinlich wird er auch diesen alten Konzertbericht nicht verlesen, in dem "die lokalen Security-Männer herumstehen, gleichgültig und ausdruckslos wie Bullterrier, bevor Herrchens Pfiff schrillt: ,Faß!`" Das könnten die lokalen Security-Männer mißverstehen, die er gerade freundlich, aber bestimmt gebeten hat, die Taschen des Publikums zu kontrollieren. Erst kürzlich haben sie den BDI-Präsidenten Henkel vor Hamburger Autonomen geschützt; nun gilt ihre Sorge einem Spaßvogel: Wiglaf Droste, 33, "Schriftsteller und Gelegenheitssänger", der vor eineinhalb Jahren einen Witz zuviel gemacht hat.

Die feministische Antimißbrauchsszene und ihr autonomes Umfeld haben spät, aber schließlich doch erfahren, was Droste im Oktober 1993 in der Satirezeitung titanic beschrieb: wie er einem kleinen Mädchen im Park Schokolade gibt und zu spät begreift: ". . . die Situation ist absolut eindeutig, ich bin der Mann (!), der einem kleinen (!!) Mädchen (!!!) im Park (!!!!) Schokolade (!!!!!) gibt . . ." Und wie er sich dann weiter und weiter in seine Opferrolle hineinsteigert, die er zur Sicherheit ausdrücklich eine "Opferrolle" nennt: die Entlarvung als "Michael Jackson vom Görlitzer Park" durch eine Emma-Redakteurin, in deren Falle er tappt.

Das Ganze gipfelt in einem inneren Monolog: "Junge, du hast doch nicht etwa Angst vor Frauen? spricht eine vertraute Stimme, kein Wunder, es ist ja meine eigene, Ach, I wo' gebe ich zurück, bloß die Schabracken, die im Leben immer nur eins sein wollen, nämlich Opfer, und das natürlich im warmen Mief der Gruppe, und die diese superkonservative Attitüde als schwer fortschrittlich juchheißen und jedem, der, wie z. B. Katharina Rutschky, die Benutzung des menschlichen Kopfes in die Debatte zurücktragen möchte, das Leben sauer machen, ja diese Geschosse des Grauens, die sind allerdings zum Fürchten . . ."

Das ist im Tonfall so unfreundlich, wie Droste über alles schreibt, was ihm nicht gefällt, und in der Sache erläuterungsbedürftig. Katharina Rutschky hat vor drei Jahren ein lesenswertes Buch über den feministischen Umgang mit dem Thema sexueller Mißbrauch geschrieben ("Erregte Aufklärung - Kindesmißbrauch: Fakten & Fiktionen", Hamburg 1992) und ist seitdem in frauenbewegten Kreisen nicht sehr wohlgelitten. "Katharina Rutschky, die die Täter verteidigt, arbeitet für Geld. Sie verdient am sexuellen Mißbrauch", hetzte Emma.

Wer die Frau verteidigt, "die die Täter verteidigt", macht sich also mitschuldig am sexuellen Mißbrauch von Kindern, und genau das ist es, so unglaublich es klingen mag, was die autonome Frauenszene und ihre Mitläufer Wiglaf Droste vorwerfen. Sein Text über den "Schokoladenonkel" sei objektiv nicht lustig. "Dies hat mit Humor nichts mehr zu tun, sondern ist klare Parteiergreifung für Vergewaltiger", urteilt ein "gemischter autonomer Zusammenhang" in einem Flugblatt. Und weil der autoritäre Charakter auch in seiner linken Spielart zur Vereinfachung einfacher Gedankengänge neigt, brachten Drostes Kritiker das Problem auf eine knappe Formel: Überall auf dem Kampnagel- Gelände hängen Steckbriefe, die sein Bild zeigen - "Täterschützer!"

Wäre er guter Dinge, könnte Wiglaf Droste mit seinen Löckchen und der massigen Gestalt aussehen wie ein angejahrter Barockengel; jetzt ist er bleich und hat sichtlich Mühe, zu tun, was er seine "Humorkräfte mobilisieren" nennt. Drei seiner Lesungen haben die Autonomen in den letzten Wochen gesprengt oder beträchtlich verzögert; zwei weitere Veranstalter beugten sich der Szene und sagten Droste- Auftritte ab. In Kassel kippten Männergruppenmänner einen Eimer mit "Eigenkot" im Namen der Frauen dieser Welt vor den Ort der Lesung. In Nürnberg bezog das Publikum Prügel; in Tübingen schließlich, der Spaßvogel war inzwischen ziemlich gefleddert, ging ein entnervter Droste auf seine Widersacher los - ein Auftritt, der ihm inzwischen sehr peinlich ist.

Objektiv nicht lustig

Dabei ist er Gegenwind gewöhnt, seit er vor acht Jahren seinen Job in einer Werbeagentur verlor - wegen des Motoröl-Slogans "Wir schmieren nicht nur den Kanzler, sondern auch den Motor seines Wagens". Den Ruf einer linksradikalen Skandalnudel verdankt Droste vor allem drei Ereignissen des Jahres 1988. Mit einem Kollegen und zwei Kolleginnen aus der Redaktion der tageszeitung löste er damals den taz-Frauenstreik aus: Als Reaktion auf eine höchst harmlose "Pornoseite", die im Berliner Lokalteil ausgerechnet am internationalen Frauentag erschienen war, legte der weibliche Teil der Belegschaft die Arbeit nieder. Autor Droste wurde milde diszipliniert. Kurz darauf sah sich das Blatt gezwungen, eine "Freiheit für Wiglaf"-Kampagne zu starten, um seinen Redakteur aus der Untersuchungshaft zu erretten: Angeblich hatte er sich an der rituellen Randale zum 1. Mai in Kreuzberg beteiligt; nach elf Tagen Haft ließ die Staatsanwaltschaft den Vorwurf fallen. Doch wenig später stand der Redakteur schon wieder vor Gericht. Er hatte in der taz die Bundeswehr als "Wehrsportgruppe Wörner" verhöhnt, deren Geschäft "das Totmachen von Menschen" sei.

"Volksverhetzung" und "Bundeswehrbeleidigung", urteilte das Gericht - 2700 Mark Strafe.

Im Grunde ist Droste ein Heimatdichter der linken Szene. Wer könnte so liebevoll wie er den Anwalt und ehemaligen GAL-Abgeordneten Hans-Christian Ströbele beschreiben, der vor Gericht als Drostes Verteidiger "mit seinen Brauen, für die die Bürstenindustrie sich interessieren sollte, und seinem grauen Langhaarschopf quasi Naturwürde" ausstrahle? Und von wem sonst würden gestandene Antifa-Kämpfer sich sagen lassen, daß Antifaschismus kein "Beruf oder eine anbetungswürdige Sache", sondern "schlicht eine Selbstverständlichkeit" sei.

Rechts von, sagen wir, Biedenkopf, läßt das Differenzierungsvermögen des Autors stark nach; und wenn es ihn dann doch einmal auf einen Vertriebenentag verschlägt, dann staunt er über das Fußvolk der Verbände, das Bundesinnenminister Kanther als "linke Sau!" beschimpft: "Das muß man sich erst mal klarmachen, daß diese Halb-Dregger-halb- Schönhuber-Figur diversen Deutschen noch nicht hitlerisch genug ist."

Die Veranstalter des Hamburger Festivals haben vorsichtshalber die Lokalpresse gebeten, auf Vorabberichte zu verzichten. Dennoch sind 230 Fans gekommen. Die "Kiez-Kamarilla", wie Droste den autonomen Mob verächtlich nennt, hat inzwischen mit ungefähr vierzig Leuten die Türsteher überrannt und die Fabrikhalle, in der Droste lesen soll, mit Buttersäure verpestet. Der Auftritt muß in den Eingangsbereich einer zweiten Halle verlegt werden. Ob nun keine seiner Kritikerinnen und Kritiker mehr im Publikum waren, ob sie sich angesichts der folgenden Heiterkeitsstürme nicht trauten oder selbst versehentlich mitgelacht hatten: Als Droste schließlich anbietet, über "Täterschutz" und dergleichen zu diskutieren, findet sich niemand, die Sache seiner angeblichen Opfer zu vertreten.