Wie die Zeiten sich geändert haben. Hamburger Kirchentag, 1995 und 1981: Ein großer Teil der vielen tausend jungen Teilnehmer des diesjährigen Kirchentags haben gerade die Grundschule besucht, als sich damals, ein Jahr vor der Bonner "Wende", der Protest gegen die "Nachrüstung" erhob. Es war der erste kollektive Auftritt der deutschen "Friedensbewegung", eine Art Generalprobe für die Kundgebung in Bonn, wo im Oktober 300 000 Teilnehmer gegen Atomraketen und Gleichgewichtsdoktrin auf die Straße gingen. Die Abwendung vieler junger Menschen von der SPD und das Erstarken einer neuen Partei kündigten sich an.

Gegen den Verteidigungsminister, Hans Apel von der SPD, flogen auf jenem Kirchentag Tomaten. Intellektuell und politisch wurde die Diskussion von den Gegnern der Nach-Rüstungslogik geprägt. Ein fremdes Territorium waren seitdem Kirchentage vor allem aber für die Union, die 1982 in Bonn die politische Führung übernahm. Der katholische Bundeskanzler analysierte nach dem Kirchentag von Hannover (1983) besorgt die Oppositionsrolle des deutschen Protestantismus, ja Helmut Kohl sah sogar langfristig den Bestand der CDU als überkonfessionelle Partei gefährdet, wenn die Evangelischen derart stramm nach links marschierten. Sein Freund Roman Herzog, damals oberster Protestant der Union, versuchte ihn zu beruhigen, der Kirchentag stehe nur für einen Teil des Protestantismus. Währenddessen führte der kämpferische Katholik Heiner Geißler, CDU-Generalsekretär, einen rhetorischen Kreuzzug gegen die Pazifisten. Deren Menschenketten und Friedenslieder, höhnte er mitunter, erinnerten ihn an die Lagerfeuerschwulst der völkischen Nazivorläufer.

Das Heimspiel auf den Kirchentagen der achtziger Jahre hatten nichtregierende Sozialdemokraten vom Schlage des Exministers Erhard Eppler, des Verfassungsrichters Helmut Simon, des Kernwaffengegners Oskar Lafontaine und des Vorsitzenden Willy Brandt. Spätestens ab 1985, kurz nach seiner Rede zum 8. Mai, gehörte auch der christdemokratische Bundespräsident Richard von Weizsäcker zu jenen, die die größte Halle füllen.

Kirchentag 1995: Immer noch zählt von Weizsäcker zum Kreis der Redner, die in Erinnerung bleiben. Was fehlt, ist das zentrale, große Thema wie einst, in den besten Jahren des Pazifismus. Die Themen des Kirchentags sind breit gestreut, die neunziger Jahre sind zerrissener: Asyl, Integration, andere Beziehungsformen, Tierschutz, Umweltschmutz. Die Friedensfrage trägt einen anderen Namen: Bosnien. Statt eines Aufschreis hört man tausend Stimmen. Da die Meinungen hier auseinandergehen, war die Diskussion auf dem Kirchentag nur ein Spiegel der Uneinigkeit in der Gesellschaft, und so wurde kein großes Thema daraus. Und auch kein Protestmarsch.

Diesmal gaben andere Köpfe dem Protestantentreffen Profil. Heiner Geißler, zum Beispiel. Der Mann aus der Führung und zugleich vom Rand der CDU hinterließ mit seinen entschiedenen Thesen zur Weltsozialpolitik und dem leidenschaftlichen Widerspruch zum völkischen Reinheitsgebot der deutschen Rechten tiefen Eindruck. Demagogische Entgleisungen von früher sind vergessen.

Und Antje Vollmer. Ob gemeinsam mit Geißler auf dem Podium, ob als Denkanstifterin bei der Bibelarbeit oder als Friedensstifterin in dem Hexenkessel, in dem sie der stocksteifen Angela Merkel im Gorlebenstreit aus der Bedrängnis hilft: Hier verstrahlt sie eine ruhige, selten gewordene Autorität.

"Zeitansage" wollen die Kirchentage sein. War die von Hamburg schwarzgrün? Wohl übertrieben. Rot jedenfalls war sie nicht. Wo blieben die Sozialdemokraten? Johannes Rau war da, auch Rudolf Scharping stand im Programm, Heide Simonis diskutierte mit, ebenso Reinhard Höppner, Regine Hildebrandt und einige mehr. Aber wer bleibende Spuren der SPD suchte, tat das vergeblich. An der Themensetzung in Hamburg hat sie kaum mitgewirkt. Vielleicht, weil ihre Themen keine so große Rolle spielten? Doch was, apropos, sind heutzutage ihre Themen?