Die silber-weißen Stoffbahnen um den Berliner Reichstag verhüllen für zwei Wochen auch die Probleme des Tourismus an der Spree. Drei Millionen Besucher werden erwartet. Das Spektakel ist vielen wieder eine Reise wert.

Christo ist für uns das größte Ereignis seit dem Mauerfall", sagt Gerhard Buchholz, Sprecher der Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM). Denn seit den Boomjahren 1990/91, als alle Welt in die wiedervereinigte Stadt reiste, ging es mit dem Fremdenverkehr rapide bergab.

Die Bettenauslastung der Hotellerie verringerte sich in drei Jahren von 60,8 auf 46,5 Prozent. 1993 sank die Zahl der Übernachtungsgäste sogar unter drei Millionen, erholte sich erst im vergangenen Jahr leicht.

"Bis 1989 war Berlin ein Selbstläufer", stellt Buchholz fest. Im rauhen Wind des Marktes und in der mauerlosen Normalität hat die inzwischen zur Hauptstadt gewordene Stadt touristisch Federn lassen müssen - dazu trugen nicht nur die Peinlichkeiten der verpatzten Olympiabewerbung 2000 bei.

Selbst dem bulgarischen Verpackungskünstler Christo gelingt es nicht, bis zum Ende seiner Aktion am 6. Juli alle 46 000 Hotelbetten zu füllen. Viele Großhotels blieben vor allem auf teuren Zimmern sitzen und versuchen sie jetzt mit Last-Minute-Angeboten loszuschlagen.

Dennoch sieht Buchholz eine Wende zum Besseren: "Berlin ist im Gespräch. Wir haben hier inzwischen einen ausgesprochenen Baustellentourismus."

Viele Besucher interessieren sich für die "dröhnenden Architekturgefechte" (Süddeutsche Zeitung), mit denen Großkonzerne wie Bundesregierung Aufsehen erregen. Der Bezirk Berlin-Mitte läßt sich, so Buchholz, inzwischen als "Stadt der 1200 Kräne" gut verkaufen. Einen neuen griffigen Werbeslogan hat die Hauptstadt allerdings noch nicht. Der alte - "Berlin tut gut" - wurde im vergangenen Herbst endgültig eingemottet. Er paßte nicht mehr zu dem dramatischen Umbruch, in dem sich Berlin befindet.

Ob sich der leichte Aufwärtstrend des vergangenen Jahres allerdings auch fortsetzt, ist gegenwärtig sehr fraglich. Denn den Tourismuswerbern von der BTM geht das Geld aus. "Wir mußten den Etat für dieses Jahr von 10,5 auf 7,8 Millionen zusammenstreichen", klagt Buchholz. Nun können keine fremdsprachigen Broschüren mehr gedruckt werden. Außerdem mußte die BTM Werbeaktionen in den USA, dem wichtigsten Auslandsmarkt des Berlintourismus, stornieren.

Ausgelöst wurde die akute Finanzkrise von den Berliner Großhotels. Sie weigern sich inzwischen, pro Nacht und Bett 0,50 bis 1,25 Mark an die BTM zu zahlen. Mit diesem Finanzierungsmodell hatte der Berliner Senat die Teilprivatisierung der zuvor städtischen Fremdenverkehrswerbung einleiten wollen. Zugleich wurde die Berlin Tourismus Marketing GmbH gegründet.

Nach diesem Modellversuch wollten sich das Land und die Berliner Tourismuswirtschaft die Kosten für das Berlin-Marketing künftig teilen: Dazu hatte der Senat ein bundesweit bislang einmaliges Gesetz verabschiedet, das die Bettenabgabe regelte.

Ein Urteil des Verwaltungsgerichts brachte diese Zwangsabgabe vorläufig zu Fall. Ein mittelständischer Hotelier hatte gegen die Werbeabgabe geklagt. Seitdem bröckelt die Zahlungsmoral rapide. Erst 1996 wird das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe über die Rechtmäßigkeit des Gesetzes entscheiden.

"Die Hotels sind nicht allein für den Tourismus zuständig", begründet Interconti-Direktor Willy Weiland die Verweigerungshaltung seiner Häuser "Inter-Continental" und "Schweizer Hof", die die BTM rund eine halbe Million Mark im Jahr kostet. "Es gibt in Berlin zu viele, die vom Tourismus profitieren", sagt Weiland, "Taxifahrer, Einzelhandel, Gastronomie." Auch sie, so die Auffassung der Hotels, sollten sich angemessen an der Finanzierung der BTM beteiligen.

Immerhin bescheinigt Weiland den privaten Tourismuswerbern der BTM "hervorragende Ansätze". Die von ihr entwickelte "Welcome Card" und das vierteljährliche Magazin "Berlin Berlin" sind gut angenommen worden. BTM-Sprecher Buchholz mahnt an, "daß alle an einem Strang ziehen". Ansonsten dürften die Prognosen der Politik Wunschträume bleiben: 1992 hatte der Senator für Wirtschaft und Technologie eine Verdoppelung der Berlinbesucher bis zum Jahr 2000 vorausgesagt. Von diesem Ziel ist Berlin 1995 weiter entfernt als vor drei Jahren.