Durch welche Mikrobe sind Ostergeschichte, biologische Kriegsforschung in den Vereinigten Staaten und Infektionen bei Menschen und Honigbienen verknüpft? Antwort: Serratia marcescens. Dieses Bakterium wurde einst für so harmlos gehalten, daß Studenten damit demonstrierten, wie Keime von einer Person zur nächsten durch das Schütteln der Hände weitergegeben werden. S. marcescens wird allerdings, ungeachtet seiner religiösen Assoziationen, immer mehr als Ursache für Erkrankungen wie Meningitis oder Osteomyelitis erkannt.

Die Geschichte dieses merkwürdigen Organismus geht bis ins 6. Jahrhundert vor Christi Geburt zurück, als Pythagoras die blutrote Verfärbung beschrieb, die manchmal an Lebensmitteln auftrat.

Im Jahre 322 vor Christus bemerkten die Soldaten der makedonischen Armee Alexanders des Großen während der Belagerung der Stadt Tyrus in Phönizien (dem heutigen Libanon), daß ihr Brot von Zeit zu Zeit offenbar mit Blut befleckt war. Die makedonischen Seher werteten dies als Zeichen dafür, daß in Tyrus bald Blut fließen und Alexander den Sieg davontragen werde.

Später wurde die "blutige Hostie" ein Teil der christlichen Tradition, da Kommunionsbrot wiederholt mit Blutstropfen befleckt gewesen sein soll. Eine mögliche Deutung des "Wunders" war, daß ungläubige Juden das Brot verletzt hatten - daraufhin wurden viele von ihnen in verschiedenen Städten, wo dieses Ereignis auftrat, umgebracht. Nach einiger Zeit wurde blutiges Kommunionsbrot als handfester Beweis für "Transsubstantiation" angesehen. Im Jahre 1264 wurde einem Priester der italienischen Stadt Bolsena, der zuvor das Wunder der Sakramente angezweifelt hatte, eine dauerhafte Lektion zuteil, als während der Messe beim Brotbrechen offensichtlich Blut auf seine Robe tropfte. Das Ereignis war Vorbild für Raffaels Fresko "Die Messe von Bolsena" im Vatikan.

Heute wissen wir, daß an all diesen Ereignissen Serratia marcescens schuld ist. Die einzelnen Zellen dieses Bakteriums sind für das bloße Auge nicht auszumachen. Sie bilden allerdings ein leuchtend rotes Pigment, das sichtbar wird, sobald Kolonien des Bakteriums auf Lebensmitteln auftauchen. Das in der Feuchtigkeit mittelalterlicher Kirchen gelagerte Kommunionsbrot bot natürlich ideale Voraussetzungen für das Wachstum des Keimes. Der Effekt konnte in der Moderne unzählige Male demonstriert werden.

Der junge Apotheker Bartolomeo Bizzio erkannte im Jahre 1819 als erster den wahren Grund für das blutige Brot. Als er im Haus eines italienischen Kleinbauern auf einem Fladen Polenta (ein italienischer Maismehlbrei) die blutrote Verfärbung entdeckte, beschloß er, das Phänomen genauer zu untersuchen. Die Familie des Bauern war entsetzt und fürchtete göttliche Rache - das verwendete Mehl für die Polenta stammte aus Beständen, die sie während einer Hungersnot zwei Jahre zuvor gehortet hatte. Bizzio zerstreute ihren Aberglauben, indem er nachwies, daß die rote Färbung ein von einer Mikrobe erzeugtes Pigment war (auch wenn er fälschlicherweise den Organismus für einen Pilz hielt). Bizzio benannte die Mikrobe zu Ehren des italienischen Physikers Serafino Serrati, den er irrtümlich für den Erfinder des Dampfschiffes hielt. Er fügte das lateinische Wort marcescens für "verfallen" hinzu, da das Pigment wegen seiner Lichtempfindlichkeit schnell zerfällt.

Nach der Enttarnung seines Zaubers wurde der frühere "Wunderarbeiter" als Zeigerorganismus eingesetzt, um damit Verbreitungswege von Mikroben in der Natur nachzuweisen. Ein vielfach durchgeführtes, klassisches Experiment verlief so, daß ein Student seinen Finger in eine S.-marcescens-Kultur tauchte und dann die Hand eines Kommilitonen schüttelte. Der zweite Student reichte einem dritten die Hand, dieser dritte einem vierten. Der Vorgang wurde etwa ein dutzendmal wiederholt. Von den Händen der aufeinanderfolgenden Teilnehmer des Versuchs wurden Abstriche auf Nähragar ausgebracht, auf dem jede Art von Bakterien wächst. Das aufschlußreiche Pigment zeigte jedesmal, daß sich einige wenige Zellen auch noch an der Hand der letzten am Versuch beteiligten Person befanden. Im Jahre 1906 gurgelte M. H. Gordon mit einer S.-marcescens-Kultur und rezitierte im Unterhaus Passagen aus Shakespeare. Der Saal war leer - bis auf Platten mit Nähragar, die auf den Tischen der Mitglieder verteilt waren. Bei diesem Versuch zeigte die leuchtendrote Farbe auf den Platten, daß die Bakterien bis zum anderen Ende des Raumes verfrachtet worden waren. Dies war einer der ersten Nachweise, daß Mikroben durch Sprechen, Niesen und Husten weit verstreut werden können.