Diese Verbindung zu Ludwig II. will der kleine Luftkurort Rimsting, eine Oberbayernidylle, gesegnet mit wunderschönen Ausblicken auf See, Wiesen und Berge, in diesem Sommer nutzen. An dem Platz am Bahngleis, wo einst der königliche Pavillon stand, wird am 30. Juni ein Denkmal enthüllt, bis Ende Juli wird eine Ausstellung im modernen Gemeindehaus am Ortsrand mit Originalphotographien, mit Orden und handgeschriebenen Briefen, darunter dem für die Geschichte so wichtigen "Kaiserbrief", an den Geburtstag der Majestät erinnern. Auch zahlreiche Ansichtskarten werden dokumentieren, daß bereits um die Jahrhundertwende der Souvenirkult um den König in voller Blüte stand: Ludwig lächelt aus einem Edelweiß, aus dem Dekolleté eines Dirndls: "Du brauchst kein Standbild von Stein, Du brauchst kein Denkmal aus Erz, Dein Bild wird ewig leben, Im treuen Bayernherz."

Heute besteigen die Touristenheerscharen in Prien-Stock den Dampfer. Seit exakt 150 Jahren - ein dritter Geburtstag, den es am See zu feiern gibt - verbindet die Schiffahrtsgesellschaft der Familie Feßler ein paar der Uferorte und zwei Inseln. An schönen Sommertagen wird das kleinere Frauenchiemsee von Besuchern überschwemmt, uralter Klostergrund ebenfalls, mit einer Torhalle aus dem 9. Jahrhundert als sichtbarem Zeichen dafür, mit einer großen Klosteranlage und einer Kirche, in der die selige Äbtissin Irmengard verehrt wird. Auf dem Rest der Insel drängen sich Häuser mit üppig blühenden Bauerngärten - und Restaurants, deren Spezialität die Renken und Schratzen aus dem See sind.

Das Neue Schloß auf Herrenchiemsee hat auch Ludwig III. besucht. Da war sein Vetter, zu dem er in einem nicht immer spannungsfreien Verhältnis stand - unter anderem wegen der Geschichte mit Preußen -, bereits tot, und sein Vater Luitpold war an dessen Stelle getreten. Als Prinzregent. Denn der Königstitel war von Ludwig, den man für geisteskrank erklärt hatte, auf seinen geisteskranken Bruder Otto übergegangen. Doch der war so offensichtlich leidend, daß er für 33 Jahre in ein Schloß bei München weggesperrt wurde. Am 12.12.12 starb der Prinzregent, unter dessen Ägide Bayern seine "gute alte Zeit" erlebte, im biblischen Alter von 91 Jahren. Schon häufig hatte sein Sohn Repräsentationspflichten wahrgenommen und einmal sogar so heftig gegen den Preußenkaiser aufgemuckt, daß eine offizielle Entschuldigung nötig war. Jedoch als Prinzregent wollte der ältere Herr nicht amtieren. Durch eine Verfassungsänderung ließ er sich noch vor dem Tod Ottos zum König erklären. Bei seinem Volk erwarb er sich damit keine Sympathien.

Berührungsängste im Umgang mit seinen Untertanen kannte der dritte Ludwig nicht. Er hatte an der Münchner Universität studiert, er ließ sich auf zahlreichen Bauernversammlungen sehen, man traf ihn bei seinen ausgedehnten Spaziergängen durch die Hauptstadt, und auch in Wildenwart konnte man ihm begegnen. Seine alte Tante Adelgunde lebte in dem von einem baumbestandenen Park umgebenen Schloß, und der sparsame Ludwig und seine Kinderschar verbrachten öfter mal die Ferien in der Sommerfrischenidylle des Bauerndorfs, "ein Paradies", wie eine der Königstöchter in ihr Tagebuch notierte. Das Schloß, die vielbesuchte Schloßwirtschaft, ein paar proper herausgeputzte Anwesen, ein prächtiger Maibaum, an dem noch immer eine Plakette an das Königreich erinnert, eine neue Telephonzelle, das ist der Ortskern der ehemaligen Herrschaft Wildenwart, deren zwischen die Wiesen verstreute Gehöfte heute zu den Gemeinden Prien und Frasdorf gehören.

Franz Niller ist 89. Bauer war er, und er kann sich noch erinnern, wie er als Kind mit seinen Mitschülern vor dem Schloß stand, um dem König ein Ständchen zu bringen. Eine Fahne wehte, wenn er zu Besuch war. Die lebhafte Therese Loferer, die gerade ihren 90. Geburtstag gefeiert hat, weiß auch noch von damals zu erzählen. In Prien war sie in der Schule, und schon dort am Bahnhof wurden die Hoheiten begrüßt. Später haben die Leute den König dann noch einmal gesehen, als Krieg war und er die Verwundeten in Prien im Lazarett besuchte.

Ludwig III. war kein begeisterter Militär. Im Gehrock mit Zylinder und Goldbrille und leicht hinkend - so kannte ihn sein Volk. Im Bein des Königs steckte eine Kugel, die er sich 1866 im Krieg gegen Preußen eingefangen hatte. Neben dem zackigen Kaiser wirkte er eher behäbig-bieder. Doch 1914 zogen mehr als 400 000 bayerische Soldaten mit in den Krieg. Was Ludwig II. eingebrockt hatte, mußte Ludwig III. auslöffeln: Im Krieg war seine Armee dem Oberbefehl des Kaisers unterstellt.

Bayern als Agrarstaat hatte Deutschland mit Lebensmitteln zu versorgen, schon 1915 begann das Hungern. Bald wurde auch dem obersten Bauern unterstellt, Milch aus seinem Gut Leutstetten in Richtung Norden zu liefern. Dabei war es für Kinderheime in Nürnberg bestimmt. Die Abneigung gegen Preußen war längst nicht mehr humoristisch, sondern schloß auch den bayerischen König ein, den man als Erfüllungsgehilfen Berlins mitverantwortlich für die schreckliche Lage machte.