Günther Busch war ein stiller Arbeiter in den Weinbergen seiner jeweiligen Herren. Er machte nicht von sich reden, sondern er machte seine Arbeit, immer zuviel Arbeit, immer ohne Rücksicht auf sich selbst, seine Bedürfnisse, seine Freiheit, bis er nur noch ein Schatten war. Er sah aus, als hätte er sich verboten zu leben, als wolle er erst wieder leben, wenn seine Arbeit getan war. Nur, dann konnte er nicht mehr leben.

Die Sache, an die er jede Mühe und alle Kraft wandte, war ihm wichtiger als die Person, jede Person, als die Menschen also, obgleich er ja nicht einer abstrakten Idee hinterherlief, sondern was er tat, für Menschen tat, um der Menschen willen, an deren Befreiung durch Aufklärung er glaubte. Also gab er sich dem Geschäft der Aufklärung hin, gegen die schlechte Wirklichkeit, die immer wieder als solche erkannt werden müßte, erkannt und durchaus denunziert. Natürlich nicht nur gegen die schlechte Wirklichkeit, sondern auch gegen die bestehende und entmündigende Herrschaft.

Der wie immer utopische Gedanke an das Reich der Freiheit, vielleicht auch eine vage Hoffnung auf den "neuen Menschen", hat ihn wohl nie ganz verlassen, aber nie wäre ihm in den Sinn gekommen, daß der Weg dahin der Weg der Gewalt sein könne oder der der Unterdrückung. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte er gern sofort alle und jeden befreit gesehen, aber da das unmöglich war, hat er wenigstens der Befreiung den Weg bereiten wollen und damit dem Glück, das er selbst auf diese Weise entbehren mußte.

Er war kein Missionar, kein Eiferer, kein Ideologe, einfach nur ein Arbeiter, der in seiner Arbeit ganz anderes sah als einen "Job". Um dem zu dienen, das ihm vorschwebte, mußte er sein halbes Leben fremden Herren dienen, ihnen freilich weniger, ein bißchen weniger als der Sache, der er sich verschrieb, denn nicht um der Herren willen, sondern um dieser Sache willen wurde er stumm, hörte auf zu schreiben, um das Schreiben anderer zu befördern, großzügig, großmütig und selbstlos.

Zufälle sind ihm zu Hilfe gekommen, auch ein Stück historischer Notwendigkeit. Der Plan zur edition suhrkamp war gefaßt, ihr erstes Programm entwickelt, und nun mußte ein Lektor gefunden werden, der diese Taschenbuchreihe neuen Charakters betreuen und weiterentwickeln könnte. Dieser Lektor wurde Günther Busch. Erfunden hat ihn Siegfried Unseld, oder doch gefunden, mit sehr glücklicher Hand. Es war ein Experiment, von dem niemand wissen konnte, wie es ausgehen würde, und von dem niemand ahnte, wie glanzvoll es verlaufen sollte.

Als reiner Verwertungsbetrieb war die edition nie geplant; sie ist es auch nie geworden. Aber sie hat sich verändert, Busch hat sie verändert. Ihr Programm war zunächst vorwiegend literarisch, mit vielen Einschüssen von Theorie. Dann wurde es vorwiegend theoretisch und politisch, genau wie gleichzeitig das Programm des "Kursbuchs". Erst in diesen Augenblicken wurden Busch und die edition identisch, wurde die edition suhrkamp zu Buschs edition, und es beeinflußte nicht länger das Hauptprogramm die edition, sondern die edition das Hauptprogramm.

Eine ganze Generation hat ihr ihre Thesen und Hypothesen entnommen, und einer ganzen Geration hat sie als Publikationsmittel gedient. Gewiß hat nicht sie die Studentenrevolte gemacht, aber beide waren aufeinander angewiesen, und ihr Zusammenwirken hat wenigstens dem, der die edition fünfzehn Jahre lang, über tausend Bände hin, "gemacht" hat, gezeigt, daß Veränderung möglich sei, für einen kurzen Augenblick wenigstens, und daß man, wenn man seine richtige Arbeit richtig täte, zu dieser Veränderung beitragen könne. Der historische Augenblick ging vorüber, Busch verließ den Verlag.