So tief ist ein Unternehmen selten vor seinen Kunden in die Knie gegangen. Mit einer ganzseitigen Anzeige, die am vorigen Dienstag in allen großen Tageszeitungen der Republik geschaltet wurde, entschuldigte sich die Deutsche Shell AG in aller Form bei ihren Kunden. Das Unternehmen habe, so heißt es in dem vom Vorstandsvorsitzenden Peter Duncan unterzeichneten Text, die Entscheidung des britischen Schwesterunternehmens "mit Erleichterung" aufgenommen, die Ölladeplattform Brent Spar nicht zu versenken. Zwar sei der ursprüngliche Beschluß rechtens gewesen, doch habe Shell gelernt, "daß die Öffentlichkeit unsere Argumente nicht nachvollziehen konnte. Aber nicht nur das. Uns ist auch bewußt geworden, daß wir auf Sie, unsere Kunden, mehr und genauer hören müssen." In bewußter Anlehnung an den Slogan der spektakulären Imagewerbung vom Frühjahr ("Wir wollen etwas ändern") versucht Shell zu retten, was an öffentlichem Ansehen noch zu retten ist: "Wir werden uns ändern." Und: "Auch wenn das Lernen manchmal schmerzt - nur wer lernt, hat Zukunft."

Auch das Schwesterunternehmen Shell UK zeigte Zerknirschung, freilich in ganz anderem Sinne und in ganz anderer Richtung. Als erster beugte John Jennings die Knie vor der britischen Regierung. Der oberste Direktor von Shell Transport and Trading, der britischen Holding, die vierzig Prozent an der anglo-niederländischen Ölgruppe hält, bat Premierminister John Major "vielmals um Verzeihung" für die Bloßstellung durch die Kehrtwende in letzter Minute. Denn Major hatte nur eine Stunde vor dem Rückzieher des Unternehmens die Versenkung der Brent Spar noch mit Nachdruck im Unterhaus verteidigt.

Dann folgte der Vorsitzende von Shell UK, der nationalen britischen Gesellschaft, die die Verantwortung für die schwimmende Tankanlage hatte. Deren Chef Chris Fay versprach in einem Brief an Energieminister Tim Eggar: "Angesichts dieser besonderen Umstände wird Shell keine Steuererleichterungen für ihren Anteil an den zusätzlichen Kosten beantragen", die für die Abwrackung an Land entstehen. Der erboste Eggar hatte Shell nämlich wissen lassen, er sehe nicht ein, warum der britische Steuerzahler die Rechnung bezahlen solle, zumal das Unternehmen ja an seiner Auffassung festhalte, daß die Versenkung nicht nur die billigste, sondern auch die für die Umwelt beste Lösung sei. Shell und der an Brent Spar mit fünfzig Prozent beteiligte Partner Esso könnten also nur die auf 11 Millionen Pfund bezifferten Kosten der Verklappung gegen Steuerverpflichtungen aufrechnen - rund 35 Millionen Pfund weniger als die geschätzten Kosten der Entsorgung an Land.

Hier die Verbeugung vor dem Verbraucher, dort vor den Hardlinern in London - seit dem Brent Spar-Debakel kann nun eine faszinierte Öffentlichkeit in Europa beobachten, wie einer der mächtigsten Konzerne der Welt versucht, mit dem so unterschiedlichen politischen Klima in den verschiedenen Staaten des Kontinents fertig zu werden. Dabei schien die Royal Dutch/Shell Group of Companies mit ihrer extrem dezentralen Struktur für diese Aufgabe besonders geeignet, jedenfalls bis zu dem Störfall in der Nordsee. Der größte private Energiekonzern der Welt beschäftigt 106 000 Menschen in über 130 Ländern. Der Wert der Aktien der beiden Holdings an der Börse beträgt über 100 Milliarden US-Dollar, einsame Spitze in Europa. Ein Bruttoumsatz von 129 Milliarden Dollar im Jahr 1994 entspricht dem Dreifachen der Wirtschaftsleistung Nigerias. Der Nettogewinn von fast 6,3 Milliarden Dollar (plus 39 Prozent gegenüber 1993) ist größer als der Umsatz des deutschen Reifenherstellers Continental.

Der von Den Haag und London aus regierte Konzern, an dessen Spitze ein Komitee von je zwei niederländischen und zwei britischen Direktoren steht, legte bisher großen Wert auf das ausgeprägte Eigenleben und die Selbständigkeit seiner vielen nationalen Töchter. Gleichwohl möchte der dezentralisierte Multi, der vor bald neunzig Jahren aus der Verbindung zwischen einem britischen Ölhandelshaus und einer holländischen Explorationsgesellschaft hervorging, eine Art Gruppenbild präsentieren, das die Zeitschrift Economist so beschreibt: Der Mann von Shell ist durchdrungen von Treue zum Unternehmen, ist ein Diplomat in Verhandlungen mit Regierungen und hat einen entschieden internationalen Ausblick.

Die Deutsche Shell AG wollte diesem Gruppenbild mit ihrer inzwischen berühmten und, nach Brent Spar, verspotteten Imagekampagne entsprechen: mit aufwendigen Anzeigen ("Wir kümmern uns um mehr als Autos") und mit einem "Aktionsbüro", das gute Ideen für Sicherheit im Straßenverkehr, Umweltschutz und Mitmenschlichkeit sammeln sollte. Wenigstens den Aktionsteil will Shell in Hamburg auch jetzt fortführen. Die Agenturen, die die Kampagne vom März konzipiert hatten, Lauk & Partner und KNSK, beraten das Unternehmen jetzt auch bei der Schadensbegrenzung.

Deutschland-Chef Peter Duncan äußerte sich noch während der Greenpeace- Aktion fast wohlwollend über die Umweltschutzorganisation. Zwar sei ihm ihre Taktik zuwider, doch "sind wir ironischerweise beide der gleichen Meinung: Es muß eine hohe Hürde vor der Entsorgung von Ölplattformen geben". Mehrfach telephonierte er in den vergangenen Wochen mit dem deutschen Greenpeace-Chef Thilo Bode und will den Kontakt auch aufrechterhalten. "Als Bestandteil unserer Bemühungen, gesellschaftliche Strömungen aufzufangen", heißt es dazu aus dem Unternehmen. Duncan trug angeblich entscheidend dazu bei, daß die Brent Spar-Entscheidung vorige Woche revidiert wurde - während John Major die Entsorgung an Land als eine "unglaubliche" Aktion rundheraus ablehnte. Doch das, so bemerkte die Financial Times, "hat Shell nicht daran gehindert, nach der deutschen Pfeife zu tanzen und den Premierminister zu demütigen".

Andere Kommentatoren in England sahen das Hin und Her um den Riesenzylinder ebenfalls als eine Art deutsch-britisches Tauziehen. Der stramm rechtskonservative Daily Telegraph meinte, daß sich ausgerechnet Bundeskanzler Helmut Kohl gegen die Versenkung im Nordatlantik stark mache, sei "ein starkes Stück für den Führer des Staates, der für die Versenkung von so viel britischer Tonnage dort vor fünfzig Jahren verantwortlich ist". Major nannte die obersten Shell-Bosse "Schwächlinge", weil sie den britischen Shell-Leuten, die schon eine Kommandoaktion zur Vertreibung der Greenpeace-Besatzer von der Plattform vorbereitet hatten, in den Arm fielen. Von seinen schwach gewordenen europäischen Kollegen meinte Major: "Ein Preis für ihre Schwäche wird ohne Zweifel zu bezahlen sein."

Aber nicht nur John Major, der jetzt in der von ihm selbst provozierten Wahl des konservativen Parteiführers um sein politisches Überleben kämpft, erhielt einen schweren Schlag in dieser Affäre. Auch der sprichwörtliche Mann von Shell steht immer noch unter Schock. Überschüttet mit Kritik, die Situation falsch eingeschätzt und die Öffentlichkeit völlig unzureichend vorbereitet und unterrichtet zu haben, wiederholt Shell UK etwas kläglich die offizielle Begründung, "andere Regierungen" hätten sich von den internationalen Konventionen entfernt, welche die Versenkung von Ölanlagen im tiefen Ozean unter bestimmten Bedingungen grundsätzlich erlaubten. Aus dem Debakel glaubt er nur insofern Lehren ziehen zu können, als Public Relations in Zukunft vielleicht doch etwas besser gehandhabt werden könnten.

Die Mitarbeiter von Shell sind verstört und werden durch eine große Reorganisation noch zusätzlich verunsichert. Die Struktur an der Spitze, wo die Regionen, Funktionen und Geschäftssparten vertreten sind und die "Koordinatoren" wirken, wird vereinfacht. Die fünf Geschäftsbereiche Exploration und Produktion, Ölprodukte, Chemie, Gas und Kohle erhalten ihre eigenen Spartenkomitees. Darüber bleibt das Komitee der vier Direktoren als höchste Konzernspitze, unterstützt von etwa 200 Leuten. Die zentralen Dienste (Finanzen, Personal, Recht, Planung, Öffentlichkeit, Forschung, Sicherheit und Umwelt) werden in Den Haag und London etwa 1200 ihrer jetzt rund 4000 Stellen verlieren.

Vielleicht wird die straffere Struktur dem Konzern ja dabei helfen, künftige Entsorgungsfragen leichter zu handhaben. Deren Lösung wird auf jeden Fall teuer werden. Britische Experten rechnen damit, daß bei konsequenter Landentsorgung die Kosten für die Beseitigung von rund fünfzig Altanlagen aus dem britischen Teil der Nordsee von 1,5 auf 7,5 Milliarden Pfund steigen werden. Möglicherweise landet ein Teil des Geldes, Ironie der Geschichte, in Deutschland: Die Stadt Wilhelmshaven hat der Shell am Montag offiziell angeboten, die Brent Spar in Niedersachsen abwracken zu lassen.

Siehe auch:

Millionen auf dem Ökotrip? (Seite 24)

Die letzte Reise der "Brent Spar" (Seite 36)