Wladimir Semjonowitsch Semjonow hat im Laufe seiner langen diplomatischen Karriere viel erlebt. Nach ersten Stationen in Litauen, Nazi-Berlin und Stockholm kam er 1945 als Regierungsbeauftragter in das besiegte Deutschland. Als "politischer Berater" beim Oberkommandierenden der sowjetischen Besatzungstruppen war er oberster Repräsentant der Sowjetregierung in der Militäradministration (SMAD). 23 Jahre amtierte er als stellvertretender Außenminister der Sowjetunion, neun Jahre war er Leiter der sowjetischen Delegation bei den Salt-Verhandlungen, zuletzt, in der Zeit der Nachrüstungs- und Star-Wars-Debatten, über sieben Jahre Botschafter in Bonn.

An seinen Memoiren hat er seit dem Beginn seiner Bonner Zeit gearbeitet; kurz vor seinem Tod Ende 1992 hat er sie abgeschlossen. Die Zeit unter Chruschtschow und Breschnjew wird darin nur kursorisch behandelt, Andropow und Gorbatschow kommen gar nicht mehr vor. Detailliert befaßt sich Semjonow dagegen mit den neun Nachkriegsjahren in Ost-Berlin. Für ihn sind es, "weil hier Weltgeschichte geschrieben wurde", die besten Jahre seines Lebens.

Semjonows Bericht bestätigt: Stalin hatte eine gemeinsame Deutschlandpolitik der Siegermächte im Sinn; eine Übertragung des Sowjetsystems auf Deutschland stand für ihn weder auf der Tagesordnung, noch wurde sie planmäßig vorbereitet. "Das Problem Deutschlands", erklärte er laut Semjonows Notizen auf den Moskauer Lagebesprechungen, "ist eine Frage der großen Politik der Staaten der Antihitlerkoalition." Nachdem die "Kräfte der Aggression" jetzt unter der Kontrolle der Siegermächte stünden, müsse man "die deutsche Bevölkerung von den aggressiven Kräften trennen".

Die politische Ordnung, in deren Rahmen dies geschehen sollte, war nach Semjonow als verbesserte Neuauflage der Weimarer Republik gedacht: Stalin "schwebten für eine Übergangszeit die Ordnung und auch gewisse Personen der Weimarer Republik vor. Zugleich mußten jedoch die Wurzeln ausgerottet werden, die in der Weimarer Republik und später Militarismus und Nazismus genährt hatten."

Semjonow läßt keinen Zweifel daran, daß der bekannte KPD-Aufruf vom 11. Juni 1945, in dem die "Aufrichtung einer parlamentarischdemokratischen Republik" und die "völlig ungehinderte Entfaltung der privaten Unternehmerinitiative" propagiert wurden, beim Wort zu nehmen ist: "Die konkreten Aktionen, die dieses Dokument vorsah, wurden zum praktischen Aktionsplan der SMAD. Ich erinnere mich gut, daß wir unsere Arbeit ständig an diesem Dokument maßen." Entsprechend waren für ihn "1948 alle wichtigen antifaschistisch-demokratischen Umgestaltungen in der sowjetischen Besatzungszone vollzogen".

Deutlicher noch, als bislang schon zu erkennen war, wird bei Semjonow, daß die gesamtdeutsche Orientierung Stalins über die Wende zum Kalten Krieg hinweg anhielt. Die Etablierung der Nationaldemokratischen Partei im Juni 1948 war nicht etwa als Manöver zur Schwächung der "bürgerlichen" Parteien in der Sowjetzone gedacht; sie entsprang einer Initiative Stalins im Zuge der Bemühungen um Demokratisierung der Millionen ehemaliger Hitler-Anhänger. "Sie werden sehen", erklärte er auf einer Besprechung mit den SED-Führern Ende März 1948, "eine solche Maßnahme fände ein breites Echo nicht nur im Osten, sondern auch in den anderen Zonen Deutschlands."

Die Spaltung Deutschlands kommt in den Gesprächen mit Molotow und Stalin, über die Semjonow berichtet, überhaupt nicht vor. 1949 diskutierten "Kossygin, Shukow, Sokolowski und andere" im Kreml einmal die Frage, "ob Stalin die Absicht habe, die Ostzone abzuspalten und dort eine sozialistische Entwicklung einzuleiten". Alle waren aber der Meinung, so Semjonow weiter, "daß dies nicht der Fall ist". Die Stalin-Noten von 1952 stehen für ihn ganz selbstverständlich in der Kontinuität der sowjetischen Vorschläge auf den Außenministerkonferenzen von 1946 und 1947: "Der Kampf um ein einheitliches, unabhängiges, demokratisches und friedliebendes Deutschland ging auch nach der Gründung der beiden selbständigen deutschen Staaten einige Jahre lang weiter."

Semjonow bestätigt auch, was interne Quellen über die Ursprünge des real existierenden DDR-Sozialismus verraten: "Einige Hitzköpfe" in der SED und der SMAD, sagt er, gaben im Mai/Juni 1948 "die falsche Orientierung aus, in der Ostzone seien die Dinge bereits so weit gediehen, daß man zum Aufbau des Sozialismus übergehen könne". Semjonow berichtet, daß er Oberst Tjulpanow, den Chef der Verwaltung Information, "gehörig" zur Rede stellte, als ihm zu Ohren kam, daß dieser "auf Aktivtagungen der SED" solche Parolen verbreitet hatte.

Nach seinem Bericht kann man sich präziser vorstellen, wie solche Eigenmächtigkeiten möglich waren. In direktem Kontakt mit Stalin standen nur der Chef der SMAD und Semjonow. Tjulpanow, der für das politische Alltagsgeschäft in der sowjetischen Zone zuständig war, fehlte es nach Semjonow "an Zeit, möglicherweise auch an Wissen, Charakter und Neigung, sich über die aktuellen Tagesprobleme zu erheben - sie verschlangen ihn mit Haut und Haaren". Ulbricht wiederum hatte meist nur mit Tjulpanow zu tun, und so übernahm er "nicht immer die besten taktischen Methoden". 1952 beschwerte sich Semjonow in einem "streng persönlichen" Brief an Stalin über "eine Menge kritischer Punkte" bei Ulbricht - darunter dessen Weisung an die nachgeordneten SED-Stellen, ihm über alle Kontakte mit der Sowjetischen Kontrollkommission zu berichten, und seine Neigung, die sowjetischen Erfahrungen "einfach zu kopieren".

Stalin reagierte auf diesen Brief allerdings nur mit der Erklärung, "Ulbricht sei niemals stark in der Theorie gewesen", deswegen sei es Semjonows "Pflicht, ihm zu helfen". Das macht exemplarisch deutlich, worin die Schwäche der Stalinschen Deutschlandpolitik lag: Gerade weil alle Entscheidungen dem Sowjetdiktator persönlich vorbehalten blieben, mangelte es ihr an Konsequenz. Vieles erfuhr er gar nicht, oft entschied er aus momentanen Eingebungen, und niemand wagte ihm zu widersprechen. Semjonow gab sich mit der Antwort, die er erhielt, selbstverständlich zufrieden, und er kritisiert sie auch nicht im nachhinein.

Überhaupt verrät sein Text, daß es ihm selbst nicht selten ebenfalls an Problembewußtsein mangelte und daß er sich immer wieder anpaßte, um zu überleben. Das geht so weit, daß er behauptet, Berija habe im Frühjahr 1953 "die Kontinuität unserer Politik in der Deutschlandfrage" unterbrechen wollen - obwohl die Preisgabe des Provisoriums DDR, wie er sie als Berijas Programm darstellt, doch ganz auf der bislang von ihm skizzierten Linie lag und er selbst von Berija mit der Durchsetzung dieses Programms bei der SED-Führung beauftragt war. Offensichtlich hat er die Notwendigkeit, nach dem Sturz Berijas auf der richtigen Seite zu stehen, so weit verinnerlicht, daß er an dem abstrusen Verratsvorwurf, mit dem dieser Sturz begründet wurde, auch noch in der Rückschau festhält.

Freilich sind auch die inneren Widersprüche und Lücken in Semjonows Bericht aufschlußreich. Klüger als viele in seiner Umgebung und doch in den Zwängen des Systems gefangen, ehrgeizig und doch keine Kämpfernatur, stellt er die Dinge in seinen Memoiren so dar, wie er sie empfunden hat. Wer verstehen will, wie das Sowjetsystem funktionierte, erhält hier reichlichen Anschauungsunterricht.

Wladimir S. Semjonow:

Von Stalin bis Gorbatschow

Ein halbes Jahrhundert in diplomatischer

Mission 1939-1991; aus dem Russischen

von Hilde und Helmut Ettinger; Nicolaische

Verlagsbuchhandlung, Berlin 1995; 431 S.,

58,- DM

Professor Wilfried Loth lehrt Geschichte an der Universität/Gesamthochschule Essen. Zuletzt erschien von ihm "Stalins ungeliebtes Kind. Warum Moskau die DDR nicht wollte" (Verlag Rowohlt Berlin 1994)