ERLANGEN. - Noch nicht einmal ein Jahr ist es her, daß die Burschenschaft der Bubenreuther sich coram publico als Hort der Liberalität und Toleranz präsentierte. Damals hatte die Berliner Wochenpost einen Artikel über das Innenleben deutscher Burschenschaften veröffentlicht, in dem sie die Neigung beschrieb, sich vorzugsweise am äußersten rechten Rand des politischen Spektrums anzusiedeln. In diesem Zusammenhang waren der Autorin sechs studentische Verbindungen als besonders "rechtslastig" aufgefallen. Sie erwähnte auch Bubenruthia.

Dort freilich fühlte man sich - wieder einmal - arg mißverstanden. Das mit der Rechtslastigkeit sei schlicht eine "Falschmeldung", teilte ihr Vorsitzender Volker Huttinger in einem Leserbrief mit; vielmehr habe man gerade erst ein Manifest verabschiedet, das in Verbindungskreisen als besonders fortschrittlich gelte und in dem man sich ausdrücklich von nationalistischen Tendenzen distanziere. Zum Beweis führte der Ober-Bubenreuther ein paar über alle Zweifel erhabene Prominente an (darunter den amtierenden Oberbürgermeister von Nürnberg), um seine Überlegungen dann in das Credo münden zu lassen, Bubenruthia sei "eine der liberalsten Verbindungen in Deutschland".

Inzwischen freilich hat diese leuchtende Selbsteinschätzung massive Kratzer bekommen. Nicht nur, daß der Vorsitzende wegen des Verdachts, selbst eher rechtsgewirkt zu sein, zurückgetreten ist; die Verbindung darf sich seit kurzem auch mit dem Odium herumschlagen, besonders rückständig zu sein. Als nämlich ein Bubenreuther (nach fünfzehn Jahren Mitgliedschaft) seinen geschätzten Bundesbrüdern offenbarte, daß er die Nähe von Männern nicht nur bei den einschlägigen Grillfesten und Vatertagswanderungen, sondern gelegentlich auch im eigenen Bett suche, war das Entsetzen groß. So wollten die Männerfreunde ihr verschworenes Miteinander denn doch nicht verstanden wissen. Beim Sex, das ist jedem anständigen Bubenreuther klar, hört die Freundschaft auf.

Also sann die liberalste Burschenschaft in Deutschland auf Abhilfe. Mehr als ein Jahr lang redete man sich die Köpfe heiß, bemühte den "Ehrenrat", versuchte es mit vorsichtiger Isolierung, mit sanftem (und nicht ganz so sanftem) Druck; in Ehren ergraute Verbindungsmitglieder trachteten, das freche Kuckucksei dadurch loszuwerden, daß sie ihm abendelang ins Gewissen redeten - allein, alle vereinte Burschenschaftskraft schien umsonst: Der Schwule wollte nicht gehen. Vielmehr brachte er fortan zu den diversen Festivitäten des Männerklüngels auch noch den einen oder anderen Freund mit; und so mancher entgeisterte Burschenschaftler mußte dann miterleben, wie die beiden sogar ungeniert miteinander turtelten. Seit damals, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, der ebenfalls homosexuelle Dichter August von Platen bei den Bubenreuthern ein- und ausgegangen war, hatten die braven Philister nicht mehr solches Ungemach erlebt.

Nur noch ein Ausschlußverfahren, das war allen Beteiligten klar, konnte da helfen. Nun freilich schlug auch die Stunde eines anderen Vorzeige-Bubenreuthers, des ehemaligen Bundesbauministers Dieter Haack. Der hatte sich zwar gerade eben erst als Präsident der evangelischen Landessynode gegen die Ausgrenzung von Homosexuellen ausgesprochen, doch hier, in "seiner" Verbindung, machte er klar, daß es zwischen kirchlicher Verkündigung und praktischer Nächstenliebe schon mal gewisse Unterschiede geben könne. Immer wieder, so meinte der Exminister, habe er den jungen Bundesbruder ermahnt, doch Rücksicht auf die Gemeinschaft zu nehmen, seine Männerlust "nicht zu extensiv" auszuleben. Natürlich sei Homosexualität an sich noch kein Verbrechen, aber eine offen gelebte Homosexualität verstoße gegen das in der Satzung der Bubenruthia niedergelegte Prinzip der "Sittlichkeit". Das sei weder eine Diskriminierung noch irgendwie antiquiert oder verstaubt, wenngleich der Vorgang "menschlich gesehen" natürlich sehr bedauerlich sei.

Weniger diplomatisch vornehm äußerte sich ein anderer Bundesbruder, seines Zeichens Richter und bekennender Gegner gleichgeschlechtlicher Verbindungen. "Homosexuelle sind mir ein Graus", ließ dieser verlauten, ohne daß ihm deshalb allzu heftig widersprochen worden wäre.

Klar, daß unter solchen Vorgaben die eilends einberufene Mitgliederversammlung nur zu einem Urteil kommen konnte: Sie schloß ihren schwulen Bundesbruder aus, mit Zweidrittelmehrheit. Seitdem aber herrscht in Deutschlands liberalster Burschenschaft wieder Zucht und Ordnung.