Russische Intellektuelle, freiwillig oder unfreiwillig zu Gast in Deutschland: Das ergäbe ein mächtig dickes Buch. Allein die Dichter, von Karamsin bei Wieland und Goethe in Weimar bis Solschenizyn mit Böll im Eifel-Garten! Ein ziemlich langes Kapitel dieses Werkes, dieses Bilder- und Erinnerungsalbums, müßte "Das russische Heidelberg" heißen - und genau dieses Kapitel hat der Heidelberger Slawist Willy Birkenmaier jetzt geschrieben. So wie vor einigen Jahren Fritz Mierau in seiner Anthologie "Russen in Berlin" vor allem dem Schicksal der Asylanten aus der jungen Sowjetunion nachgegangen ist, die sich zwischen den Kriegen ja zu einer regelrechten Kolonie rund um den Kurfürstendamm ("Nöpski-Prospekt") zusammengefunden hatten, so meint auch "Das russische Heidelberg" ein ganz bestimmtes Milieu: die akademische Jugend des Zarenreiches nämlich, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Heidelberg zu ihrer (deutschen) Universität erkor.

Viele hoffnungsvolle beziehungsweise späterhin alle Hoffnungen erfüllt habende junge Menschen waren darunter, Namen, für immer eingraviert in das goldene Buch der europäischen Kulturgeschichte. Der Chemiker Mendelejew, die Komponisten Borodin (in Heidelberg noch Student der Naturwissenschaften), Rimskij-Korsakow, Skrjabin, der Dichter Mandelstam, der Philosoph Berdjajew, die Mathematikerin Kowalewskij - übrigens die erste StudentIn der uralten Akademie überhaupt. Aber auch andere bekannte Namen, für immer eingestanzt in das eiserne Buch der europäischen Revolutionsgeschichte: Boris Sawinkow, Abraham Gotz, Eugen Leviné . . . Dazu eine Schar östlicher Gäste, manch Prominenz, von Turgenjew bis zum jungen Strawinsky.

Den Anfang dieser slawischen Verdichtung im Neckartal bildete 1861 eine Gruppe Petersburger Studenten, die nach einer Zwangsschließung ihrer Universität - wegen politischer Frechheiten - hierhin übergesiedelt war. Kurz darauf zog zudem der Mediziner und Bildungspolitiker Nikolaj Pirogow nach Heidelberg, ein grundliberaler Mann, den man mit der Beaufsichtigung der russischen Stipendiaten im Ausland betraut hatte. Wer immer wo immer in Europa auf Staats- resp. Zarenkosten studierte, hatte nun in Heidelberg Rapport zu erstatten - was die Stadt in den sechziger Jahren tatsächlich zu einer russischen Adresse machte. Unter Pirogows mildem Regiment gründeten linke Studenten in einer Konditorei eine kleine Bibliothek, die später, nach seinem Tod, sogar ihm zu Ehren seinen Namen trug: die Pirogowsche Lesehalle. Sie wurde rasch zu einer eigenständigen Institution, zum Treffpunkt der Heidelberger Russen, ja zu einem europäischen Zentrum der antizaristischen Opposition insgesamt. Sie galt als ein Haus für alle Fraktionen; Birkenmaier zeichnet das sehr detailliert und plastisch nach.

Aber nicht erst hier wird deutlich, daß sich am Beispiel des "russischen Heidelbergs" mehr beschreiben läßt als nur eine Episode westöstlicher Wissenschaftsgeschichte oder gar bloß ein lokalpittoreskes Intermezzo. Vor allem wenn der Autor im Spiegel der russischen Reaktionen zeigt, wie das Klima nach 1871 im neuen Hohenzollernreich umschlug, wie mit der allmählichen Borussifizierung Deutschlands eine Verspießerung und nationale Verbiesterung einsetzte, wie auch in Heidelberg einstmals republikanisch gesinnte Professoren zu glühenden Bismarckianern konvertierten, Eisen fraßen und Stiefel leckten, dann wird das Buch ganz nebenbei zu einer Mentalitätsgeschichte.

"Nach dem Krieg von 1870", schreibt der Historiker Wassilij Modestow in seinen Erinnerungen, "verlor Deutschland vieles, das an ihm sympathisch gewesen war. Besonders unerträglich war mir dieser selbstsichere, herablassende und manchmal direkt drohende Ton, in dem früher zurückhaltende oder sogar sanftmütige Menschen jetzt gewohnt waren, über internationale Beziehungen zu sprechen." Beklemmend auch zu lesen, wie selbst Max Weber, 1912 neben seinem Bruder Alfred und dem Juristen Gustav Radbruch Redner auf der Feier zum fünfzigjährigen Jubiläum der Lesehalle, bei aller Sympathie für Rußland und die revolutionär gestimmte russische Jugend doch in das nationale Gedröhn der Zeit miteinfällt: "Sollten die Spannungen zwischen den Staaten sich bis zum Platzen steigern und Russen sich verpflichtet fühlen, für Serbien einzustehen - dann auf Wiedersehen auf dem Felde der Ehre."

Aber Heidelberg beziehungsweise Gejdel'berg, wie der Russe sagt und es der Slawist täuschend wissenschaftlich transkribiert, war natürlich immer auch eine Herzensangelegenheit. Schloß und Alte Brücke, Philosophenweg, Wolfsbrunnen . . . "Und da ist er wieder, der ,Badische Hof`!" jubelt Alexander Borodin 1877 in einem Brief an seine Frau, die Pianistin Katharina Protopopowa; siebzehn Jahre zuvor hatte er ihr am Wolfsbrunnen erstmals seine Liebe gestanden. "Der selbe Saal, die selben Treppen. Ich nahm mir ein Zimmer und mußte, als ich allein war, losheulen wie ein Kind." Und obwohl die touristische Ausplünderung des Mythos Heidelberg schon damals manchem übel aufstieß ("Wie wenig", mäkelt Skrjabin 1895 über die Umgebung des Schlosses, "paßt zum Geist vergangener Zeiten der praktische Charakter der modernen Zivilisation. Wie kläglich sind die Geländer am Rand der wilden Schlucht und wie geschmacklos die Wirtshausschilder, wie lächerlich die Beschriftungen mit Hinweisen auf Schritt und Tritt") - in der Rückschau verklärt sich die Stadt, verklären sich die Heidelberger Zimmerwirte und die Heidelberger Korpsstudenten, vor allem aber die Heidelberger Kellnerinnen zu Wesen einer paradiesischen Welt: "Ein Lächeln für die Studenten, / Den Hund unter dem Tisch - und für mich", schwärmt der Dichter Sascha Tschorny. "Wenn man die Bänder berühren könnte, / Die schwarzen Bänder auf ihrem Rücken!"

Das "russische Heidelberg", das war über ein halbes Jahrhundert deutsch-russisches Zusammenlernen, -leben, -lieben. Das Jahr 1914 machte all dies zunichte. Tatsächlich: Man sah sich auf dem Schlachtfeld wieder, die Selbstzerstörung Europas nahm ihren Lauf. Willy Birkenmaier fügt in seinem Buch die Erinnerungen wieder zusammen zu einem Stück Heimatkunde, europäischer Heimatkunde.