Die ersten Meldungen über den Anstieg der Lebenshaltungskosten im Juni 1995 haben den deutschen Rentenmarkt verunsichert. Als nach Schätzungen aus vier Bundesländern erkennbar wurde, daß sich die Inflationsrate nach jahrelangem Rückgang nun bei deutlich über zwei Prozent festzusetzen scheint, kam auch der Zinsrückgang abrupt zum Stillstand. Innerhalb weniger Tage erhöhte sich die Umlaufrendite öffentlicher Anleihen um 0,3 Prozentpunkte - und am Aktienmarkt kehrte nach einem munteren Jahresanfang Lustlosigkeit ein.

Muß nun - nach den vielfach als überhöht eingestuften Tarifabschlüssen und dem kräftigen Wechselkursanstieg der Mark - auch noch befürchtet werden, daß die Bundesbank bald wieder die Zinsrute hervorholt? Bekommt auch in Deutschland der Konjunkturaufschwung, kaum daß er begonnen hat, einen Knick?

Die deutsche Industrie konnte in den vergangenen zwei bis drei Jahren erstaunliche Erfolge verbuchen. Unter dem Eindruck der Konjunkturflaute, die in so wichtigen Branchen wie dem Maschinenbau drei Jahre dauerte, haben ihre Manager die Produktionskosten in einem vorher nie gekannten Ausmaß verringert. Zahme Gewerkschaften, sinkende Zinsen und steigende Auftragseingänge erleichterten ihnen das harte Geschäft. Doch die Freude über steigende Gewinne wurde bald durch den Verfall des Dollarkurses und den steigenden Wert der Mark gegenüber anderen europäischen Währungen getrübt. Da zeigt gerade das Beispiel Daimler-Benz, daß ein straffes Kostenmanagement auch nach dem Ende der Rezession eine Daueraufgabe bleibt. Diese Einsicht und die anhaltende Kaufzurückhaltung der Verbraucher werden deshalb dem Preisanstieg noch auf absehbare Zeit enge Grenzen setzen.

Das weiß auch der Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank, der schon im vergangenen Jahr angesichts des unerwarteten Zinsanstiegs am Kapitalmarkt stoische Ruhe bewahrte. Die Frankfurter Währungshüter dürften sich auch deshalb bestätigt fühlen, weil allem Anschein nach die von Währungsunion, überschäumenden Staatsdefiziten und Steuergesetzgebung ausgelösten Turbulenzen nun ausgestanden sind: Erstmals seit Jahren entwickelt sich die Geldmenge innerhalb der vorgegebenen Grenzen. Selbst bei ausländischen Geldanlegern hat die Mark wieder einen hohen Stellenwert. Einzig die hohen öffentlichen Schulden werfen noch Schatten auf das Weltbild der Bundesbanker. Doch zum Handeln dürften sie sich nur genötigt fühlen, wenn die Etatlöcher des Staates noch kräftig anwachsen sollten. Anscheinend halten die Geld- und Devisenhändler weitere Leitzinssenkungen durchaus für möglich. Nur so ist es zu erklären, daß die Zinsen am Geldmarkt nach der letzten Rücknahme des Diskontsatzes am 31. März weiter gesunken sind.

Für Verunsicherung am deutschen Rentenmarkt sorgt die Entwicklung in den Vereinigten Staaten. Während des vergangenen Jahres mußte der dortige Zinsanstieg als Grund dafür herhalten, daß auch hierzulande die Renditen stiegen. Da aber in Amerika derzeit eher die Befürchtungen um sich greifen, die Wirtschaft könne erneut in eine Rezession schlittern, fragen sich die Investoren nur noch, wann das Federal Reserve Board die Leitzinsen senkt.

Trotz vieler Unsicherheiten spricht einiges dafür, daß den Zins- und Devisenmärkten ein paar ruhige Wochen oder Monate bevorstehen. Die Flucht des Kapitals in solide Hartwährungen, die durch den Absturz des mexikanischen Peso im vergangenen Dezember ausgelöst wurde, ist beendet. Der dadurch verursachte Kapitalzustrom hat zu übertriebenen Zinssenkungen geführt. Die jüngsten Zinserhöhungen könnten eine Korrektur von Übertreibungen gewesen sein. Eine Stagnation auf dem jetzigen Niveau ist deshalb nicht unwahrscheinlich.