Der Taxifahrer suchte den richtigen Ausdruck. Im Banne der Begeisterung kam der alte DDR-Superlativ: "Also - einwandfrei!" Über Schleichwege, an Verkehrsumleitungen vorbei, hatte er den Weg zu einer "einwandfreien" Ansicht auf Christos Werk gefunden. Auf dem Weg dahin sprachen wir über die zwanzigjährige Vorgeschichte der Reichstagsverhüllung. Sie war ihm unbekannt. Aber voller Emphase meinte er: "Das hat sich auch mir dargelegt, daß da eine starke Hand war, die sich bei der Durchführung dieser Maßnahme erstreckte."

Diese Wendung, diese Kette der schnell gesprochenen Amtsnominativa, deutete an, was er dann auch zu verstehen gab: Er war nicht nur Ostberliner; er hatte jenem Verein angehört, den Markus Wolf immer "den Dienst" nennt. Ja, übrigens, "Micha" treffe er regelmäßig auf dem Markt vor dem Roten Rathaus. Aber im Moment ging es nicht um die Vergangenheit, sondern um Kunst und bei der Kunst vor allem um die Schnüre. Also, wie dieser Christo die Schnüre gezogen habe, überhaupt nicht gerade, nicht wie die Deutschen ein Paket machen, nein, so schräg und beweglich, also das ist - ja, was? - einfach "einwandfrei". Seine Augen leuchteten, und die Formel klang nahezu zärtlich.

Das Wunder der Verwandlung. Es ist, als ob die Normalzeit aussetzt und das Mögliche, das diese Zeit in sich hat, erscheint. Der rüde Alltag Berlins, das hektische Abgestumpftsein der Leute ist verflogen. Selbst wenn es noch Massen sind, die zum verhüllten Reichstag strömen - in seiner Nähe verwandeln sie sich zu Individuen. Ungeachtet der bedrängenden Enge bewegen sie sich höflich, gelassen, ja sanft. Der große Faltenwurf wird umspült vom tiefen Raunen der vielen Stimmen, vom Wellenschlag der Trommeln, der Schalmeien, Saxophone und Violinen. Die multikulturellen Klanglandschaften setzen gleichsam die Vibrationen der schwerelosen Stoffmasse fort. Hier wird nicht konsumiert, sondern etwas angenommen. Die Aura triumphiert über eine Multimediagesellschaft. Nicht der Reiz der Sinne wird gesucht, sondern die Besinnung. Zum ersten Mal, nach fünf Jahren mürrisch akzeptierter Zeitgenossenschaft, hat sich eine neue Erfahrung behauptet: die Teilhabe am Gelingen.

Wer hätte vorher geglaubt, daß gerade diese Erfahrung in der Mitte Berlins möglich wäre! Das aufgebrochene und brache Gelände, das im ökologischen Deutschland gern als "historisch kontaminiert" bezeichnet wird; das Terrain, von Verwerfungen und ideologischen Blockaden, von Gegenbewegungen und Identitätskrisen beherrscht, liegt nun im Widerschein der Versöhnung. Die Feuilletons haben ihre kritische Distanz aufgegeben. Sie schreiben Beiträge zum historischen Festakt am "Objekt des allgemeinen Wohlgefallens". Der Begriff folgt dem Auge, und das Auge führt zum Blick nach innen. Noch nie ist so unstrittig und ungeschützt über die Schönheit selbst geredet worden.

Was ist Kunst? Diese Frage hat Familien aus Westdeutschland mit Schlafsäcken aufbrechen lassen, hat die Luftmatratzen und Notbetten in den Berliner Wohnungen belegt. Plötzlich sind die alten Themen der Ästhetik aus den Fesseln der Kunstwissenschaft befreit und wieder im Spiel: das Erhabene, Anmut und Würde, die hegelianische "Aufhebung", der surrealistische Schock - ein gleichzeitiger Gruß von den "Gipfeln der Zeit". Und die ästhetische Debatte setzt sich fort durch die Gruppen, die bis in die tiefe Nacht am Spreebogen lagern und picknicken.

Auf dem Hearing der Baukommission des Bundestags erinnerte Michael S. Cullen daran, daß bei allen Bauprojekten des Bundestags die Gestaltung des öffentlichen Raums vor dem Reichstag noch ausstehe. Er forderte, jene friedfertige Volksnähe, die man jetzt erlebe, zum Gestaltungsprinzip zu nehmen. Die Obleute der Baukommission und Rita Süssmuth stimmten vehement zu. Aber dann waren sie doch wieder gekränkt, als Kritik aufkam, weil die Berliner partout nicht verstehen wollten, warum die Bundestagsabgeordneten unbedingt durch Tunnels und Fußgängerbrücken zwischen den neuen Parlamentsbauten und dem Reichstag verkehren sollten. Die Volksvertreter, die einerseits so angetan waren von diesem Wunder der Verwandlung, von der Nähe zum Volk in seiner anziehendsten Gestalt und andererseits die Kritik an den Parlamentsplanungen zu ungerecht fanden, ahnten sie nicht, daß beides zusammenhing? Begriffen sie nicht, daß sie selbst Teil einer Verwandlung waren und all das, was von Bonn aus geplant wurde, sich auch einer neuen Wirklichkeit anverwandeln muß?

Hegel verwirft in seiner Ästhetik den Versuch, Wahrheit und den schönen Schein gegeneinander auszuspielen. Was wäre die Wahrheit, fragt er, "wenn sie nicht erschiene"? Aber welche Wahrheit erscheint? Nur wenige haben die Spur des Offensichtlichen gefunden. Henning Ritter schreibt, der verhüllte Reichstag sei Symbol des "Willens zur Verwandlung", ja könnte "zum Symbol der gelingenden Wiedervereinigung werden". Nein, es geht nicht darum, in Christos Projekt politische Motive hineinzuprojizieren oder den schönen Schein als politisches Symbol zu entwerten. Aber diese Kunst agiert im geschichtlichen Raum und verändert ihn. Es war die Verhüllung und ihre Vorbereitung, die endlich einen differenzierten, freieren und auch wohl unbefangeneren Blick auf die Geschichte dieses Parlaments freisetzte. Das Ressentiment gegen die neue alte Hauptstadt haben die Millionen von Christo-Touristen hinter sich gelassen. Das schwelende Ressentiment, wonach das gute Neue der Bonner Demokratie vom Sog des schlechten Alten in Berlin bedroht sei, wirkt plötzlich veraltet. Es ist eine demokratische Utopie, die am Fuße der silbrigen Haut einen Beginn feiert. (Und wieder einmal waren es Amerikaner, die es bewirkten.)