In der Deutschen Bank geht der Sensenmann um. Die Beschäftigten der Konzerntochter DB Research, die normalerweise Konjunktur und Kapitalmarkt beobachten, haben den knöchernen Gesellen schon gesichtet. In einer Todesanzeige, die derzeit in der Zentrale des Finanzkonzerns verstohlen von Hand zu Hand gereicht wird, trauert der anonyme Autor um die Arbeitsplätze im Haus: Die Analyseabteilung von DB Research soll zum Großteil von Frankfurt nach London verlagert werden.

Der makabre Protest nimmt die neue Strategie der Deutschen Bank aufs Korn. Das größte Kreditinstitut des Landes will im Geschäft mit Wertpapieren, komplizierten Finanzprodukten oder Unternehmenskäufen und -verkäufen - dem sogenannten Investmentbanking - eine weltweit führende Rolle spielen. Und da London das europäische Zentrum auf diesem Gebiet ist, hat der Vorstand beschlossen, seine internationalen Investmentaktivitäten beim dortigen Spezialisten Morgan Grenfell zusammenzufassen, der bereits seit mehreren Jahren zur Deutschen Bank gehört.

Daß der vielversprechende Geschäftszweig in Großbritannien Wurzeln schlagen soll, sorgt nicht nur bei DB Research für Grabesstimmung. Im ganzen Konzern herrscht Unruhe. Denn der Schritt des Geldriesen über den Ärmelkanal zieht weitreichende und bis jetzt noch nicht absehbare Folgen für das hiesige Personal nach sich. Zwar werden insgesamt nur relativ wenige Stellen vom Main an die Themse verlagert, versichert Vorstandssprecher Hilmar Kopper. Tatsächlich bedeutet der Umzug der Sparte aber einen tiefgreifenden Umbruch für die Deutsche Bank. Mit ihm verändert sich nicht nur die Hierarchie - künftig bestimmt London, wo es im weltweiten Investmentgeschäft der Deutschen Bank langgeht -, sondern auch das Betriebsklima. Der zunehmende Einfluß der aggressiven angelsächsischen Finanzmentalität droht bei den deutschen Kollegen einen Kulturschock auszulösen.

Doch damit nicht genug: Auch in anderen Sparten steht es nicht zum Besten. Der massive Stellenabbau, organisatorische Veränderungen und ein Zickzackkurs im Kreditgeschäft haben die Belegschaft zusätzlich verunsichert.

Zumindest was die Investmentstrategie betrifft, herrscht jetzt mehr Klarheit. Mitte dieser Woche gab der Vorstand die Namen der neuen Unternehmenseinheit und ihrer Spitzenmanager bekannt. Danach firmiert die Sparte künftig unter Deutsche Morgan Grenfell. Sie erhält allerdings keine eigene Rechtsform, sondern bleibt in den Konzern eingebettet. Geleitet wird der Unternehmensbereich von einem Gremium nach englischem Muster, das Aufsichtsrat und Vorstand ineinem board vereint. Die Leitung übernimmt Ronaldo Schmitz, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, der auch seinen Arbeitsplatz nach London verlegt. Neben ihm im Board sitzen zwar noch weitere deutsche Kollegen, die Mehrheit des ausführenden Managements besteht allerdings aus Briten.

Mit der Gründung einer speziellen Investmenteinheit verfolgt die Deutsche Bank ehrgeizige Ziele. Zwar ist das Kreditinstitut mit deutlichen Abstand die Nummer eins in der Bundesrepublik und bewegte zuletzt mit mehr als 73 000 Beschäftigten eine Bilanzsumme von rund 570 Milliarden Mark. International rangiert der hiesige Primus bislang aber unter "ferner liefen". Dominiert wird das Geschäft von amerikanischen Giganten wie Merrill Lynch, Goldman Sachs oder Morgan Stanley. Ihre Vormachtstellung beruht darauf, daß sie sich als originäre Investmentinstitute im amerikanischen Trennbanksystem schon frühzeitig spezialisierten und daß das Geschäft jenseits des Atlantik einen viel höheren Stellenwert besitzt als etwa hierzulande. Deutsche Geldinstitute können sich zwar als Universalbanken ebenfalls auf diesem Terrain tummeln. Doch in der Bundesrepublik stand bislang das traditionelle Kreditgeschäft im Mittelpunkt.

Die Deutsche Bank möchte jetzt so rasch wie möglich zu dem amerikanischen Führungstrio aufschließen. Denn das Investmentbanking gilt als besonders zukunftsträchtig. Vor allem der Handel mit Wertpapieren und ihren Ablegern, den Derivaten, erlebt einen weltweiten Boom. Aber auch Privatisierungen und der Verkauf ganzer Unternehmen nehmen immer mehr zu.