Er ist noch neu an der Tübinger Universität. Die Telephonzentrale muß eine Weile suchen, bis er sich mit leiser Stimme meldet: "Eichmann." Kein seltener Name. Jedes Telephonbuch nennt eine ganze Liste. Darauf konnte er sich zurückziehen, gut dreißig Jahre lang. Immer dann, wenn jemand - meist beiläufig - wissen wollte, ob denn er? Jetzt will er nicht mehr drumherum reden: Ja, er. Und er wäre ein anderer, wenn diese Frage mit nur einem Wort zu beantworten wäre.

Ricardo Eichmann, seit April Professor für Archäologie des vorderen Orients an der Universität Tübingen, ist der jüngste Sohn Adolf Eichmanns und der einzige unter den vier Geschwistern, der sich jetzt öffentlich zu seiner Biographie bekennt. Als der Vierzigjährige die Professur in Tübingen annahm, war ihm klar, daß er mit dem öffentlichen Amt auch bereit sein muß, über sich zu reden. Das war er seinen Studenten schuldig - und wohl auch sich selbst, denn der Gang an die Öffentlichkeit könnte ein Schritt aus dem ewigen Zwiespalt sein: ein normales Leben führen zu wollen und doch immer auch Sohn zu sein.

Sohn - als Ricardo Eichmann 1955 in Buenos Aires geboren wird, drücken ihm die Eltern diesen Stempel gleich zweifach auf: als Vornamen wählen sie den Decknamen, unter dem der Vater - bis dahin unbehelligt - in Argentinien lebt. Den Nachnamen lassen sie so, wie er auf den internationalen Fahndungslisten steht und wie er zum Synonym für die schreckliche "Banalität des Bösen" wird, für die dienstbeflissene Organisation des Holocaust. 1960 wird Adolf Eichmann auf dem Nachhauseweg von der Arbeit vom israelischen Geheimdienst gekidnappt. Da ist Ricardo gerade fünf. Zwei Jahre später wird der Vater in Jerusalem für seine Verbrechen zum Tode verurteilt und gehenkt.

Nein, er habe keine Erinnerungen an den Mann, den er lange Zeit eher "den Mann meiner Mutter" oder "Adolf Eichmann" als "meinen Vater" nannte. Keine Erinnerung an dessen Gestalt, Gesicht oder Stimme. Nur zwei kleine Erlebnissplitter blieben haften: eine gemeinsame Busfahrt in Buenos Aires, ein Riegelchen geschenkte Schokolade. Alles, was Ricardo Eichmann über seinen Vater weiß, "ist wie in eine Black box" von außen in ihn eingefüllt worden: über Familienphotos und Erzählungen, ausweichende Antworten und Halbwahrheiten, später über Zeitungsberichte und Bücher, Anspielungen und Diskussionen mit Freunden. Emotional eine Nichtbeziehung? Der blasse, verletzlich wirkende Mann findet nur schwer Worte dafür, Außenstehende könnten es vielleicht nicht glauben: "Aber da ist nichts." Kein Haß, keine Scham, kein Schuldgefühl, keine Verbundenheit.

Und doch hat die Person, von der er kaum eine persönliche Wahrnehmung hat, mehr in seine Erziehung eingegriffen als manch anderer Vater - durch einen Nebel des Schweigens, der über ihm lag, und durch das krampfhafte Beharren auf einer Normalität, die ohne Lügen nicht herzustellen war. Als Adolf Eichmann 1960 nach Israel entführt wird, ist er für den damals fünfjährigen Ricardo "einfach weg". Es gab ihn nicht mehr, "und irgendwann war es für mich vordergründig normal, daß ich keinen Vater mehr hatte". Daß der für seine Verbrechen hingerichtet wurde, hat Ricardo Eichmann sich erst Jahre später aus Zeitungsartikeln zusammengelesen. Der Vater war einer, über den man nicht reden durfte, schon gar nicht öffentlich. "Es war etwas mit ihm", aber Ricardo Eichmann wußte nicht, was, nur daß man im Flugzeug, wenn die eingesammelten Pässe zurückgegeben wurden, rasch sagte: "Das sind unsere", bevor die Stewardeß den Namen "Eichmann" durch die Sitzreihen rufen konnte. Man durfte nicht auffallen, und man fiel nicht auf.

Anfang der sechziger Jahre kehrte die Mutter mit Ricardo nach Deutschland zurück. Dort lebte die Familie, unter richtigem Namen, im Heimatort der Großeltern, einem kleinen Dorf in Baden-Württemberg. Man schnitt sie nicht - niemand fragte, niemand wollte wissen. Mit Ausnahme eines Freundes kann Ricardo Eichmann sich an keinen Mitschüler erinnern, der ihn auf seinen Namen angesprochen hätte. Ein Kokon des Schweigens und der Normalität schützte die Familie. Selbst dann noch, als eine Studentengeneration die offene Konfrontation mit der Vergangenheit der Eltern suchte.

Nein, wirklich, man mag noch so ungläubig insistieren, Ricardo Eichmann kann sich nicht erinnern, daß im Geschichtsunterricht jemals der Name Adolf Eichmann gefallen wäre. Nur einmal, da hat der Französischlehrer über sein eigenes Examen geplaudert, über die Fragen zum Eichmann-Prozeß in Jerusalem. Erst in der Pause wurde der Lehrer gewahr, wer da vor ihm gesessen hatte. Er entschuldigte sich bei Ricardo Eichmann, doch der hatte in der letzten Bank irgendwelchen Jux getrieben und gar nicht hingehört.