Jedes Jahr im Mai beginnt auf den Lofoten die Walfangsaison, deretwegen norwegische Fischer von städtischen Naturwächtern als "Tierschlächter" und sogar als "Faschisten" in Verruf gebracht werden. Doch die Kampagne von Greenpeace gegen den Walfang hat sich völlig überholt.

Mai ist auch die Hochsaison der Walschützer. Sie treffen sich zur Jahreskonferenz der International Whaling Commission (IWC). Ende der siebziger Jahre unterwanderte Greenpeace die Organisation der Walfänger. Der damalige Greenpeace-Chef David McTaggart und Freunde überredeten sieben Bananen- und Kaffeerepubliken, der Kommission beizutreten. Paul Fortom-Gouin, Freund McTaggarts, fungierte als Kommissar für Panama und als stellvertretender Kommissar für St. Lucia und Antigua. Francisco Palacio, Greenpeace-Berater für Meeressäugetiere und kolumbianischer Staatsbürger, war IWC-Kommissar für St. Lucia. 1982 hatte Greenpeace die Kommission derart mit eigenen Leuten vollgepackt, daß sie mit Dreiviertelmehrheit einen totalen Walfangstopp verabschiedete.

Heute wird Walfang auch bei Greenpeace kontrovers diskutiert. Die Zwergwale sind einer der gesündesten marinen Tierbestände mit 760 000 Exemplaren in antarktischen Gewässern und einem historischen Gesamtfang von 115 000 Stück. Der Nordmeerbestand zählt nach jüngsten Hochrechnungen 69 700 Exemplare. Die Norweger fingen auch vor dem Moratorium in Größenordnungen, die den Bestand nicht gefährdeten. Der industrielle - bestandsverheerende - Großwalfang ist eine Industrie von gestern. Walexpeditionen mit ihrem enormen technischen Aufwand wurden schon in den sechziger Jahren unwirtschaftlich. Die Kampagnen gegen den Walfang versetzten einer ohnehin bankrotten Industrie den Todesstoß - und drohen im gleichen Aufwasch die lebensfähige Kleinwalfischerei zu zerstören.

Greenpeace ist heute ein Unternehmen mit einem 120mal so hohen Umsatz wie die gesamte norwegische Walfangindustrie. Vergangenes Jahr lief ihr - mittlerweile ausgemustertes - Flaggschiff Solo gegen die Walfänger aus - ein mit Hochtechnologie und Helideck ausgerüsteter Superdampfer. Die Walfischer arbeiten in ihren bescheidenen Kuttern wie im vergangenen Jahrhundert. Zwei Mann spähen vom Mastkorb über die See, einer von der Brücke über dem Steuerhaus. Ansammlungen von Seevögeln und der über die Jahre entwickelte Fischerinstinkt ersetzen technische Orientierungshilfen. Der Kanonier zielt wie anno dazumal über Kimme und Korn.

Die Walschützer schlagen den Fischern als alternative Einkommensquelle das whale watching, Waltouren für Touristen, vor. Die Fänger könnten mehr an lebenden als an toten Walen verdienen, heißt es. Ein fragwürdiges Unterfangen. Die Walsafari, bislang erst in den USA zum großen Geschäft angeschwollen, ist keineswegs so umweltfreundlich, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Vier Millionen Menschen sollen es jetzt schon sein, die jedes Jahr zum whale watching um den halben Erdball fliegen - wohltönende Kunde für die Bilanz jeder Fluggesellschaft. Aber auch für die Ökobilanz der Erdatmosphäre?

Die meisten norwegischen Walfabriken sind heute in großem Stil in die Lachszucht eingestiegen. Lachszucht ist der moderne Goldrausch. Norwegens Produktion für dieses Jahr wird auf 300 000 Tonnen veranschlagt. Zwischen siebzig und achtzig Prozent des Lachsfutters wird aus Fischmehl und -öl erzeugt. Bei der "Veredelung" von Hering und Lodde zu Lachs gehen neun von zehn Tonnen verloren. Das heißt, die Norweger müssen dieses Jahr 2,4 Millionen Tonnen Hering und Lodde fangen, um ihre käfiggemästeten Lachse zu füttern. Eine unvorstellbare Menge, über drei Prozent des gesamten Weltfischertrags. Hering und Lodde sind die Hauptnahrung der Zwergwale. Bei der Verarbeitung zu Räucherlachs gehen noch einmal zwei von drei Tonnen verloren. Das heißt, jedesmal wenn ein Schickimicki-Grüner in Hamburg oder London sich einen 100-Gramm-Happen Räucherlachs in den Mund schiebt, hat er den geliebten Walen drei Kilo Futter weggefressen.