Die jüngste Ministerin aller Zeiten: kein bißchen ungezogen. Lautlos leitet die Tochter Claudia Nolte das Haus, das der Vater Helmut Kohl ihr anvertraut hat. Sie nennt es gerne das "Haus der Generationen", darin alle einen angemessenen Platz finden sollen, die Jugend, die Frauen, die Alten, die Familie.

Sie besonders. Denn die Familie, sagt die 29jährige Thüringer Patriotin mit großem Ernst, die Familie ist überlebensnotwendig für unser Land, für Deutschland. Konservativ? Nein, belehrt die altkluge Frau die "jungen Menschen", Bonner Berufsschüler, deren Einladung zur Fragestunde sie gefolgt ist, sie sei nur sehr wertorientiert, eben wertkonservativ. Bei "konservativ" dagegen denke sie an "Rußland", an "Erzkommunismus". Fremde Welten, die sich nicht begegnen.

Claudia Nolte scheint das zu spüren, und offenbar tut es ihr weh. "Wenn die Hälfte der jungen Menschen aus den alten noch nie in den neuen Ländern war, dann fehlt da doch einfach das Interesse. Ich glaub', die haben sich mit der Teilung schon abgefunden. Aber sie könnten doch Neugier entwickeln!" Und überhaupt: "Wenn Sie im Westen einen Betrieb mit 400 Leuten schließen, ist hier der Teufel los, während es bei uns einfach so hingenommen werden muß . . . Die denken hier ja auch: Den Solidaritätszuschlag zahlen wir alleine!" Sagt die Frau, die nicht "Ossi", die "Deutsche" sein will. Ein schönes Feuerchen lodert da auf, ein Mühen um Identität, das ja durchaus politisch produktiv sein kann.

Aber leider, leider ist Claudia Nolte vor allem beim Prozeß der eigenen Häutung und Glättung zu beobachten. Denn rechtsaußen, an jenem politischen Ort, wo sie sich vor ihrer Erschaffung zur Ministerin hemmungslos tummelte, will der Kanzler sie wohl nicht haben. Sie muß rein in den konservativen Mainstream. Und dazu gehört heute auch, nicht mehr gegen den neuen Abtreibungskompromiß zu polemisieren, die Frauenquote nicht mehr zu verteufeln. Noch am Abend ihrer Ernennung, am 18. November vorigen Jahres, zeigte sie öffentlich Mäßigung. Seither handhabt sie diese Anpassung übrigens auf sympathische Weise offen und unverdruckst.

Was hatte sie nicht alles von sich gegeben! Mit einem Paragraphen 218, so wie er jetzt gilt, sah sie den Rechtsstaat gefährdet. Quoten? Wo bleiben Leistung und Fähigkeit! Steffen Heitmann, den national gesinnten ostdeutschen Kandidaten der CDU für das Amt des Bundespräsidenten, unterstützte sie, weil er die "Mutterrolle", die "gesunde Familie" propagierte. Über "entspannungsverzückte Weststaaten", die sich einst mit der Teilung abgefunden hätten, schimpfte sie.

Kohls Geleit Friedrichs des Großen nach Potsdam sei, so fand sie, "sehr zu begrüßen", denn es sei ein Beitrag gegen Fremdenhaß, wenn Deutsche sich nicht länger darauf beschränkten, "als Nachfahren der Nazi-Mörder Weltsünder Nummer eins zu sein". Frauen, die abtreiben, sollten ein Jahr lang im Krankenhaus arbeiten. "Daß das nicht geht", gestand sie später in der taz, heute will sie es gar niemals gesagt haben. Auch CDU-Kultusminister, so gab sie 1993 zum besten, hätten die Gefahren der Frankfurter Schule und ihrer "Konfliktpädagogik" nicht ernst genug genommen. Wußte sie überhaupt, wovon sie sprach? Na, jedenfalls schien ihr gewiß, daß Schulen wieder erziehen müßten, um traditionelle Werte und ethische Normen zu vermitteln.

Dies ist noch heute ihre Melodie: das Hohelied der "Werte" und der "Sinnsuche". Wie will sie das Drogenproblem angehen? fragen Schüler. "Man muß die jungen Menschen stark machen, nein zu sagen." Und sie verabschiedet sich von ihnen mit aufrichtiger Emotion: "Ich wünsche Ihnen, daß Sie das Gefühl haben, gebraucht zu werden und Sinn in Ihrem Leben zu finden."