Eine Legende kehrte zurück. Auf der Rainbow Warrior II steuerte David McTaggart Anfang der Woche dem Mururoa-Atoll in der Südsee entgegen. Der kanadische Abenteurer, früher Chef von Greenpeace International, wollte höchstpersönlich die angekündigten Atombombentests der französischen Regierung verhindern.

Weltweit gehen die Menschen auf die Straße, voll Angst die Anrainer in Australien und Neuseeland, voll Wut Umweltschützer in Kanada, den USA, Chile oder Argentinien. Im Europaparlament werden dem Präsidenten Frankreichs, Jacques Chirac, Protesttransparente ins Gesicht gehalten. Deutsche Restaurants verzichten auf französische Spezialitäten. Eine neue Schlacht beginnt, und Greenpeace steht in vorderster Reihe. Das Schiff Rainbow Warrior II wurde vor dem Mururoa-Atoll von französischen Elitetruppen geentert und ist mit einem großen Loch in der Bordwand auf dem Weg nach Tahiti.

Hier im Pazifik begann vor mehr als zwanzig Jahren der Mythos der Regenbogenkämpfer. McTaggart, heute 63 Jahre alt, der sich bis dahin nach eigenem Bekunden nur für Schnaps, Sex, Arbeit, Zigaretten und Sport interessiert hatte, wurde am Atoll zum Helden. An Bord seiner Segeljacht Vega tauchte er im Juni 1972 am südöstlichen Ende des Tuamotu-Archipels auf, wo das französische Militär gerade ein Areal von 350 000 Quadratkilometern zum militärischen Sperrgebiet erklärt hatte, um über dem Mururoa-Atoll ungestört seine Atombomben zu testen. Mit an Bord war ein Häufchen umweltbewegter kanadischer Hippies: die Greenpeace-Urzelle, die sich ein Jahr zuvor zusammengeschlossen hatte.

Einen Monat lang trotzte die Vega den Winterstürmen, kreuzte in den internationalen Gewässern des Sperrgebietes und verhinderte so die Zündung der Testbombe. Von einem Marineboot gerammt und schwer beschädigt, gab sie endlich auf. Doch im nächsten Jahr, zu Beginn der nächsten Testserie, lag McTaggarts Schiff wieder in der Winddrift des radioaktiven Fallouts.

Vor zehn Jahren wurde die erste Rainbow Warrior in einem neuseeländischen Hafen vom französischen Geheimdienst versenkt. Auch ihre Mission war der Stopp der Atomtests gewesen. Ein portugiesischer Photograph wurde von der Zeitbombe getötet. Der französische Verteidigungsminister mußte aufgrund internationaler Proteste zurücktreten. Denn nun war Greenpeace schon wer: das schlechte Gewissen des Globus.

Seither regt es sich regelmäßig, manchmal über lange Zeit leise, nun plötzlich wieder laut. Erst vor kurzem hat Greenpeace eine sieben Wochen lange Sondervorstellung in der Nordsee gegeben. Als der Shell-Konzern die Ölplattform Brent Spar an eine tiefe Stelle des Meeres schleppen und dort mit allem Dreck an Bord versenken wollte, waren die Umweltaktivisten innerhalb von vierzehn Tagen zur Stelle. Aus dem Stand. Organisiert und koordiniert wurde der Coup im alten Haus der Schifffahrt am Hamburger Hafen: Schiffe gechartert, Hubschrauber gemietet, Kampagnen angeschoben und Anzeigen in der internationalen Presse geschaltet, um die Entsorgung der Plattform auszuschreiben. Shell gab klein bei.

Niemand wurde von Erfolg so überrumpelt wie die Leute von Greenpeace. Die laute Aktion war bei ihnen schon fast aus der Mode gekommen. "Bei der hundertsten Schornsteinbesteigung holt doch keiner mehr die Kamera raus", sagt Jochen Vorfelder, Sonderkoordinator Brent Spar, "und Schlauchbootbilder hat jede Zeitung auch schon längst im Archiv."