Greenpeace wird oft kritisiert, weil es nicht demokratisch organisiert ist. Die 700 000 Fördermitglieder haben keinen Einfluß auf die Arbeit der Zentrale, genausowenig die Mitarbeiter der lokalen Gruppen. Bode nimmt diese Kritik mit Ruhe hin. Basisdemokratie sei kein Rezept für eine Organisation, die schnell handeln müsse: "Im Schlauchboot kann man nicht abstimmen." Die Konflikte zwischen Zentrale und lokalen Gruppen - "zwischen Profis und Amateuren", sagt Bode - sind aber weniger geworden, seitdem eine Unternehmensberatung einen Kodex erarbeitet hat, wann die Gruppen gefragt werden müssen.

"Greenpeace ist eine dynamische Truppe", sagt Brent Spar-Koordinator Jochen Vorfelder, "da läßt sich keiner das Maul verbieten." Und tatsächlich, es gibt heftige Debatten, zum Beispiel zwischen Traditionalisten und Modernisierern. Ein Konfliktthema sind die Wale. Mit einer gefühlsbeladenen Kampagne haben es die Umweltschützer geschafft, den Walfang praktisch verbieten zu lassen (siehe Seite 10 "Die Mär vom bedrohten Wal"). Die Traditionalisten möchten, daß sich Greenpeace weiterhin der Wale annimmt; zu dieser Fraktion zählen vor allem die tierlieben Briten. In Deutschland dagegen sagen die Modernisierer, daß Wale gejagt werden dürfen, solange ihr Bestand gesichert ist. "Da gibt es offenen Dissens", sagt Thilo Bode.

Das traditionelle Mittel des Kampfes ist das Schlauchboot, das moderne die solution, wie es intern heißt, die Alternative, die erarbeitet und in einer stillen und langfristigen Strategie durchgesetzt wird. In diesem Punkt ist man sich aber weitgehend einig, daß beide Linien zu Greenpeace gehören. Hier wie dort ist Konfrontation das Programm: Konfrontation durch Agitation in einem inszenierten Konflikt und Konfrontation durch wirtschaftliche und naturfreundliche Alternativen. Eine Kampfansage gegen das monotone "Das geht nicht".

Solutions waren auch das Thema bei einer Tagung von Greenpeace im Kloster von Dublin. Wo seit 5000 Jahren keltische Druidensteine auf den Tag genau die Sonnenwende anzeigen, ohne Energie zu verbrauchen, da trafen sich in der vergangenen Woche dreißig Mitarbeiter von Greenpeace aus dreizehn Nationen. Der Abt des St. Columbanerordens ist Aufsichtsratsvorsitzender der irischen Sektion von Greenpeace. Einst war sein Orden ausgezogen, China zu missionieren. Nun missioniert dort Greenpeace. Die Botschaft lautet: Die Zukunft gehört dem Kühlschank ohne FKW. Und das Milliardenvolk scheint bekehrungswillig. Der erste FKW-freie Kühlschrank wird noch in diesem Jahr vom Band laufen. Die gesamte Produktion soll umgestellt werden.

Durchbruch der Solarenergie auf den Dächern von Dublin, Berlin oder Johannesburg, der Dreilitermotor für Autos und die ersten chlorfreien Olympischen Spiele in Sydney im Jahre 2000. Das sind die Programmpunkte der nächsten Zukunft. Und es geht nicht nur um High-Tech, sondern auch um naturfreundliche Lebensweisheiten, zum Beispiel eine ökologische Forstwirtschaft für den Regenwald: Man holzt nur so viel ab, wie nachwachsen kann, und läßt die Waldkrone intakt. Dieses Konzept stellte Lawrence Makili in Dublin vor, Ureinwohner auf Pavuvu, einem Eiland der Solomon-Inseln bei Papua-Neuguinea.

"Wir können exemplarisch zeigen, daß Lösungen möglich sind, und damit Unternehmen unter Druck setzen", beschrieb Stelios Psomas, der sich derzeit mit griechischen Kühlgeräteherstellern herumschlägt, die Richtung in Dublin. Die Kunst bestehe darin, das Machbare vorzuführen, nicht Utopien. "Nur wenn das Produkt am Markt Erfolg haben kann, sind Lösungen als Konfrontationen möglich: Jeder kann sehen, daß es funktioniert, und eine Firma, die sich dann weigert umzurüsten, steht nackt vor ihren Kunden." Intelligente Produkte sind verführerischer als politische Forderungen, und ihre Botschaft ist manchmal klarer als die von zehn Aktionen.

Michael Bland, einst Marketing-Director einer australischen Anlagenbaufirma, heute bei Greenpeace, erklärte in Dublin Ökotechnik am Beispiel der Olympischen Spiele in Sydney. Als Greenpeace vor zwei Jahren mit einem Entwurf des Olympischen Dorfes den ersten Preis gewann und Sydney den Zuschlag für seine green olympics erhielt, ahnten die Aktivisten noch nicht, was mit diesem Projekt auf sie zukommen würde. Mittlerweile haben sie das Industriegebiet am Paramatta River in achtzehn mal achtzehn Planquadrate aufgeteilt, aus denen sie systematisch Autos, PVC und Tropenholz verbannen wollen. Das Methangas für das olympische Feuer soll aus den Fäkalien der Zuschauer gewonnen und der Abfall durch Recycling auf ein Zehntel bisheriger Wegwerf-Spiele reduziert werden. Alternativen zu verwirklichen ist oft mühseliger, als Aktionen durchzuführen. "Mit einem Schiff in die Antarktis zu fahren", sagt Bland, "war dagegen ein Sonntagsspaziergang".