Harald Zindler dürfte das anders sehen. Er ist ein gewichtiger und grau gewordener Kämpfer unter dem Regenbogen. Sein Arbeitsgebiet bei Greenpeace ist Aktion und Konfrontation. Mit ausladenden Bewegungen führt er durch sein Waffenarsenal, die große Aktionslagerhalle im Hamburger Hafen. Schlauchboote, die vor der Brent Spar leckgeschlagen wurden, Taucheranzüge, die an den Abwasserrohren von Chemiefabriken giftiger Brühe standhielten, Taue und Haken, an denen waghalsige Klettermaxe luftige Industrieschornsteine emporklommen, Unterwassermofas, Feuerlöschpumpen, Generatoren, Beile und Hacken, Schweißgeräte, Kameras für alle Elemente und Schwimmwesten für alle Fälle. "Ich hab' mich unter Wasser an Atommüllfässer geklammert. Ich steckte zwischen Bordwand und Kaimauer. Einige Sachen waren verdammt riskant", sagt Zindler. "Aber so weit muß man gehen, wenn man an etwas glaubt. Wir arbeiten gegen Profis, die merken sofort, wenn's nicht todernst gemeint ist."

Der Mut derer, die es todernst meinen, schuf den Mythos Greenpeace. Ein Hoffnungsfanal für eine resignierte Gesellschaft am Ende des Jahrtausends, der die globalen Probleme über den Kopf gewachsen sind, die der zähen Entscheidungswege im bürokratischen Prozeß müde ist, müde der Undurchsichtigkeit der politischen Gremien und ihrer Absichten, hilflos gegenüber den Marktmechanismen der Weltwirtschaft. Es sind die satten Konsumstaaten, in denen Greenpeace Fuß faßt. Gesellschaften, die ihr schlechtes Gewissen drückt und die gleichzeitig die einzigen sind, die es sich leisten können, über Umweltzerstörung nachzudenken. "In Afrika und Indien gibt es uns nicht", sagt Bode, "gegen Armut sind wir machtlos." Wer ums tägliche Brot ringt, den kümmert das Ozonloch wenig.

Greenpeace ist die Revolution der Reichen. Man kann etwas tun! Noch ist nicht alles verloren! Das signalisiert die schnelle Eingreiftruppe unterm Regenbogen. Und jedesmal vollzieht sich die Weissagung der kanadischen Cree-Indianer, auf die Greenpeace sich beruft: Kurz bevor der weiße Mann alles vernichtet habe, werde ein neues Geschlecht von Kriegern auftauchen, um die Erde zu retten, die Kämpfer des Regenbogens. Und dieser archaische Mythos wird professionell inszeniert, mit Hilfe der Medien und ihrer Bilder, zuletzt Anfang der Woche auf der Rainbow Warrior II.

Auch bei der Brent Spar stimmte alles. Schlauchboote, Wasserfontänen, Hubschrauberakrobatik, gefährliche Abseilmanöver, und vor den Fernsehapparaten Europas stockte den Menschen der Atem. Daß die Bilder ihre Zuschauer gestochen scharf und in Farbe erreichen, dafür hat Greenpeace modernste Übertragungstechnik an Bord der Schiffe. Feste Satellitenleitungen und aufwendige Computertechnik zur Datenkomprimierung vervieltausendfachen jede Aktion. Ganze Nationen ließen sich mobilisieren und wechselten die Tankstelle. Zindler: "Es war ein Symbol. Auch Frau Müller und Herr Meier haben es verstanden. Jedes Gurkenglas tragen sie zum Recyceln, und Shell versenkt eine ganze Ölplattform."

Auch das Timing war wie aus dem Drehbuch. Der Entscheidungsprozeß dauerte exakt so lange wie der Schleppzug ins offene Meer, und der Volkszorn kochte wie zum bestellten Zeitpunkt. Shell spielte die Rolle des bösen Buben par excellence, uneinsichtig und sprachlos. Ein übermächtiger Gegner, der drittgrößte Konzern der Welt, nahm es vergeblich mit dem Zwerg auf, der sich über Kameras und Satellitenfunk zum Scheinriesen blähte.

Und die Konservativen weinten. "Die Akteure im Drama vor den Küsten Schottlands waren nicht mehr Minister und Parteivorsitzende, sondern zwei Multis, von denen der eine mit Öl, der andere mit Emotionen handelt", klagte Konrad Adam in der FAZ. Der Politik sei nur noch die Rolle des Clowns geblieben, eine "Deklassierung der Staatsgewalt vor internationalem Publikum" sei das Ergebnis gewesen. Adams Fazit: "Der Staat verliert seine Monopolstellung. Er muß Mitregierer dulden, halb autonome oder ganz autonome Mächte, die für die Wirtschaft oder fürs Gewissen zuständig sind, ähnlich wie die Kirche im Mittelalter."

Nicht Greenpeace, sondern die Ideologie der globalen Konsumgesellschaft hat den Nationalstaat in die Statistenrolle gedrängt, sagt dagegen der britische Historiker Eric Hobsbawm. Das Bündnis von Kapitalismus und nationaler Staatsgewalt sei in Auflösung begriffen. Die Konzerne seien international und Greenpeace die Antwort auf sie. Thilo Bode gibt Hobsbawm recht: "Die Regierungen hinken den internationalen Organisationen hinterher." Aber auch ihren eigenen