Mit sechzehn Jahren kam Heinz Stombrowski, geboren im ostpreußischen Simken, 1951 als Waldarbeiter nach Schweden. Später gründete er mit einer Schwedin eine Familie, wurde Besitzer eines kleinen Nebenerwerbshofs in Värmland. Zwar war das Haus klein, bot als einzige moderne Einrichtung fließend kaltes Wasser, aber für die vier Kinder war es eine wunderbare Umgebung, das reinste Astrid-Lindgren-Idyll.

Es währte nicht lange. Als Heinz Stombrowski durch Konkurs seines Arbeitgebers vorübergehend arbeitslos wurde und Sozialhilfe beantragen mußte, lenkte er die Aufmerksamkeit der Sozialbehörde auf sich. Die hatte einiges zu bemängeln: daß die Kinder, die im Stall und auf dem Feld herumtobten, schmutzig seien; daß die Bettwäsche nicht häufig genug gewechselt werde; daß die Sprachentwicklung der Kinder - wie ja in binationalen Ehen, ob Bauern oder Akademiker, durchaus nicht ungewöhnlich - verspätet sei.

Die Sozialbehörde nahm die Mängel zum Anlaß, den Eltern die Kinder zu entziehen und auf Pflegefamilien zu verteilen. Nur die älteste Tochter, damals sechzehn Jahre alt, kam nicht in Zwangspflege. Sie ist unter den Stombrowski-Kindern heute die einzige, die ein normales Leben führt. Die drei jüngeren Kinder, bei der Zwangsfortnahme zehn, sechs und drei Jahre alt, sind zehn Jahre später immer noch bei Pflegeeltern. Alle drei haben nur Sonderschulen besucht oder besuchen sie noch, und die Pflegeeltern haben wenig Anlaß, diesen Zustand zu ändern: Je schwerer "behindert" ein Kind zu sein scheint, desto höher ist der Pflegesatz.

Eine der Töchter wurde als Dreizehnjährige von ihrem Pflegevater zum Geschlechtsverkehr gezwungen, ohne daß sich der Mann vor einem Gericht dafür hätte verantworten müssen. Der jetzt dreizehnjährige Sohn hat mehrmals Selbstmordabsichten geäußert; er war zwei Jahre bei einem geschäftstüchtigen Pflegeelternpaar untergebracht, das sieben schwer gestörte Jungen gleichzeitig in Pflege genommen hatte, ohne irgendeine Ausbildung für diese Aufgabe zu haben. Von der Sozialbehörde kassierten sie Pflegegeld in Höhe von 1500 Kronen, umgerechnet 300 Mark pro Tag und Kind.

Man fragt sich: Kann dies, im Wohlfahrtsstaat Schweden, geschehen sein und geschehen? Als Anwältin der Familie Stombrowski in den letzten beiden Jahren muß ich es bestätigen. Schlimmer noch: Der Fall Stombrowski ist kein Einzelfall. Ehe ich Anwältin wurde, habe ich zwanzig Jahre als Ärztin gearbeitet. Deshalb habe ich in meiner Anwaltskanzlei in Göteborg viele Fälle sozialmedizinischen Charakters, darunter eine Reihe von Fällen, in denen die Sozialbehörden, wie im Fall Stombrowski, Eltern aus nichtigen Gründen ihre Kinder weggenommen und bei meist miserablen Pflegeeltern untergebracht haben.

Zur Zeit sind in Schweden schätzungsweise 5000 Kinder ihren Eltern zwangsweise entzogen. Bei höchstens zehn Prozent der Kinder gibt es auf Anhieb einleuchtende Gründe dafür, wie zum Beispiel Alkohol- oder Drogenabhängigkeit der Eltern. In den anderen Fällen werden schnell Gründe gesucht und gefunden, wenn die Eltern erst einmal in Konflikt mit dem zuständigen Sozialarbeiter geraten sind.

Zu allen Zeiten wurden Kinder bei Pflegeeltern untergebracht. Noch in den dreißiger und vierziger Jahren geschah dies oft, weil die leiblichen Eltern einfach zu arm waren, ihre Kinder selbst zu ernähren. Viele uneheliche Kinder wurden zu Pflegeeltern gegeben, weil es große Vorurteile gegenüber unverheirateten Müttern gab. Damals waren Pflegeeltern meistens Leute, die einem Kind in Not Gutes tun wollten, die gezahlten Pflegegelder waren äußerst niedrig.