Wien

Auch aus frommem Frust kann Befreiendes erwachsen, sowenig dies kirchlichen Ordnungshütern gefallen mag. Da kommt jetzt aus Österreich, der "Versuchsstation für Weltuntergänge" (Karl Kraus), ein Signal, das von Rom bis Fulda die katholische Hierarchie aufhorchen läßt, wenn nicht geradezu schockiert. Inmitten der großen Krise, der wachsenden religiösen Gleichgültigkeit und des lautlosen Auszugs aus den Kirchen hat über eine halbe Million österreichischer Katholiken - immerhin ein Drittel der noch praktizierenden Gläubigen - ein aufsehenerregendes Votum abgegeben. Sie taten es in der höchst ungewöhnlichen, allem heiligen Herrschaftsdenken fremden Form eines demokratischen Kirchenvolksbegehrens.

Die Forderungen des aufbegehrenden Kirchenvolks:

- Frauen sollen priesterliche Weihen und Priester die Freiheit zur Eheschließung erhalten;

- das gläubige Volk soll mitbestimmen können bei Bischofsernennungen; - die Kirche soll ihre Sexualmoral, vor allem auf dem Gebiet der Empfängnisverhütung, revidieren;

- sie soll die Ausgrenzung wiederverheirateter Geschiedener und verheirateter Kleriker beenden.

Diese Forderungen klingen wie ein Appell zur katholischen Weltkirchenwende. Sie wirken aber nur deshalb so revolutionär, weil sie seit Jahrhunderten mit dem Makel der Ketzerei behaftet sind. Eben deshalb lassen sie sich auch nicht nur als seltsame Blüten aus dem österreichischen Hinterwald abtun. Immerhin ist die Kirchenkrise aus der römischen Sicht zweitausendjährigen Überlebens vor allem ein Phänomen der modernen säkularisierten Wohlstandsgesellschaft des Nordens, zumal des teutonischen. Dann sollte man in Deutschland aber auch die Probe aufs Exempel nicht scheuen. Eine solche Befragung des Kirchenvolkes könnte im Lande Martin Luthers, der anfangs auch katholisch bleiben wollte, so viel Anstoß erregen, daß daraus eine Antriebskraft wird - mit Fernwirkung über die Alpen hinweg. Als Flammenzeichen innerkirchlichen religiösen Engagements wäre das wohl wirksamer als die Anstrengungen mancher Theologieprofessoren.