Tausende von Computernutzern in aller Welt frönen einer seltsamen Variante des Nachtschlafs.Abends skizzieren sie auf ihrem Apple Macintosh eine Szene.Dann gehen sie ins Bett.Der brave Mac arbeitet weiter, Stunden um Stunden.Am Morgen treten die Menschen erneut an den Bildschirm, um verzückt die kleine Welt zu betrachten, die ihr Knecht "gerendert", errechnet, hat. Diese Leute sind vom sogenannten Bryce-Virus infiziert.Sie hängen dem Glauben an, daß die Erde nur eine winzige Lösung in der Menge aller möglichen Rendering-Kugeln und aller denkbaren Terrains darstellt und daß, wenn diese eine Welt von Gott geschaffen ist, all die anderen vom Menschen und seiner Software noch hergestellt werden sollten. Bryce ist der Name des Programms, das sie dazu benutzen.Es dient allein dazu, Darstellungen phantastischer Planeten, Landschaften und Gebilde zu schaffen. Wer nicht von seinem Virus befallen ist, wird trotzdem die menschenleere Schönheit dieser Formen schon gesehen haben: In Musikvideos auf MTV und auf den CD-ROMs von Peter Gabriel und David Bowie sind Bryce-Artefakte genauso verewigt wie auf psychedelisch angehauchten Zeitschriften-Titeln. Hinter Bryce steht das übliche Gemisch aus genialischen und fleißigen Programmierern, verrückten PR-Leuten und fehlerhaften Handbüchern, vereint in einer Firma namens HSC Software.Hinter Bryce steht aber auch die Lebensvision eines Mannes namens Kai Krause, der in seiner Heimat Essen unglücklich war und der durch das weite Blau des kanadischen Himmels gerettet wurde. Der 38jährige Künstler und Programmierer ist wohl allen Computergraphikern dieser Welt als Autor von "Kai's Power Tools" bekannt, der wichtigsten Sammlung spezieller Effektfilter für Graphikprogramme.Er ist eines jener Multitalente, die Computer, Pop und Internet unter einen Hut bringen.Wer den freundlich-wuseligen Meister zu seinem Leben befragt, wird im Schnellgang durch die Kultur der letzten zwanzig Jahre gejagt. Beginnen wir die beinah surreale Geschichte mit einem Kai im Alter von dreizehn Jahren - einem Konservatoriumsschüler, der seinen Vater beim Absturz einer Iljuschin verliert.Er verkriecht sich in die Musik, krabbelt zwei Jahre lang in den Tiefen der ersten groben Synthesizer herum, die aus den USA importiert werden mußten, eines ARP 2600 und einer Farfisa.Die Wunderwerke hatte er auf dem Cover des Pink-Floyd-Albums "Ummagumma" gesichtet, und sie lehrten ihn, Musik in Algorithmen, also Rechenverf ahren, zu komponieren. Im Jahre 1973 wurde die viele Bastelei der Mutter unheimlich.Sie schickte Kai drei Sommer lang nach Kanada, wo er ein neues Leben kennenlernte und jene endlos weiten blauen Himmel, von denen er heute noch schwärmt. 1978 war es soweit, er rückte mit seinen Freunden Barbara und Martin aus, um ein Blockhaus am anderen Ende der Welt zu bauen.Sie landeten in New York und nach einer verrückten Reise in Haight Ashbury, San Francisco, Kalifornien.Nicht eben Kanada, aber hip.Der Reisebericht wurde in d er Pardon abgedruckt, die schließlich das Honorar verweigerte. Es gab in Kalifornien ohnehin genug Jobs.Die Musikindustrie benötigte dringend Synthesizer-Spezialisten vom Schlage eines Kai Krause.Er fand sein Königreich im Sennheiser Vocoder, diesem deutschen Stimmverzerrungsgerät, das jeder brauchen konnte, mit deutschen Handbüchern, die niemand übersetzen wollte.Auf achtzehn Platten wirkte Krause mit, arbeitete mit Keith Emerson, Joni Mitchell, Herbie Hancock und Stevie Wonder.Er gewann den Werbepreis Clio, als er mit dem Vocoder die Soundeffekte für den Fernsehspot zum Raumschiff Enterprise fertigte. Am Ende kaufte ihm Neil Young alle seine Synthesizer ab."Musik war mir einfach zu heilig, zu nah dran", sagt Kai Krause."Die Miete mit der Kunst zu bezahlen, das schaff' ich einfach nicht, merkte ich.Ich wollte Software machen, wollte Klänge in 3D darstellen.Eine Frauenstimme, die wie eine Geige endet, acht Celli, die sich überlagern, und das graphisch - wie sich der Berg von Sequenzen abbaut." Die Firma, die das Trio aus Deutschland dann gründete, entwickelte allerdings zuerst eine Fernbedienung, die drei Fernseher gleichzeitig steuerte.Kai heiratete seine Barbara.Auf einem obskuren Rechner namens Compucolor lernte er, in Basic zu programmieren.Aus der Illustration von Tönen heraus entwickelte sich zwei- und dreidimensional rasch etwas, das man heute Infographik nennt: Nicht einfache Balken, sondern gestapelte Geldstücke sollten den Umsatz einer Firma darstellen; Gesch äftskurven, so schön wie Alpenberge, das war das Ziel. Als ThreeD Graphics entwickelten Kai und Martin mit Finanzchefin Barbara ein Programm namens DDD Paint, das auf eine Reihe längst vergessener Rechner portiert wurde, schließlich als Perspective auf dem PC landete und vom Flugzeugbauer Boeing aufgekauft wurde - das Trio war plötzlich vermögend.Die Software hatte als Boeing Graphics Erfolg, beeinflußte entscheidend die graphischen Funktionen von Tabellenkalkulationen wie Excel, 1-2-3 und Wingz. Es folgten allerhand Projekte: Buchtitel, CD-Hüllen, Ausstellungen, vor allem mit Roger Dean, der als Gestalter der dschungelhaften Plattencover der britischen Band Yes bekannt ist.Aber schließlich stürzte sich Kai Krause wieder in Geschäfte, diesmal unter dem Firmennamen HSC Software (was für Harvard Computer Systems steht).Dort entstand ein Programm, mit dem Videorecorder bequem vom PC aus programmiert werden konnten - hoffend, die Menschen würden die verteufelten Aufzeichnungsmaschinen damit endlich in den Griff kriegen. Das war die Stunde des Zufalls.HSC beschloß, zur Hilfe bei der Software-Entwicklung einen Online-Dienst zu benutzen, und wählte dafür America Online aus, heute mit drei Millionen Teilnehmern Marktführer in den USA, damals ein Dorf mit 80 000 Seelen. Kai Krause stromerte also in dieser elektronischen Welt herum - und stieß auf eine Ecke, in der gerade das entwickelt wurde, was später als Bildbearbeitungssoftware namens Photoshop Weltruhm erlangen sollte.Kai spielte mit dem halbfertigen Programm, fand etliche undokumentierte und unverstandene Teile und hing auch hier seiner liebsten Frage nach: Welche Algorithmen liefern ästhetisch ansprechende Ergebnisse? Als Photoshop erschien und bald die Graphiker allerorten für sich einnahm, hielt Krause dagegen: Sie sollten nicht nur mittels Maus Bilder am Schirm zurechtpinseln, sondern sie einfach vom Computer berechnen lassen.Fünf Beispiele dafür, was er meinte, stellte er auf America Online bereit.Sie wurden von den Photoshop-Freunden heftig auf die heimischen Macs geladen; der Online-Dienst, der von solchen "Downloads" lebt, war begeistert und warb Krause als Moderator einer eigenen Beraterec ke an."Kai's Power Tips" hieß die. So erteilte er als Pixelmeister, als Herr der Bildschirmpunkte, Rat an alle - von den Technikern einer Ölbohrinsel in Borneo bis zu einer achtzigjährigen Großmutter, die mit dem Mac ihre Katzen digitalisieren wollte.Aus dieser Erfahrung entwickelte er die Plug-Ins, fertige Softwaremodule, jedes gut für einen speziellen Bildeffekt. Ursprünglich wollte Kai die Plug-Ins der Mitglieder seiner Plauderecke veröffentlichen.Da die Qualität der Einsendungen aber seinen Erwartungen nicht entsprach, programmierte er selbst innerhalb von vier Monaten 33 Module und brachte sie als "Kai's Power Tools", kurz KPT, auf den Markt.Sie liefern Effekte wie zerlaufende psychedelische Schriften oder Bilder mit Eselsohren und bieten all dies in einer Benutzeroberfläche, die mindestens aus dem Jahre 2005 zu stammen scheint.Das machte Kai Krause über Nacht zum Star der Branche. HSC Software verkaufte pro Monat mehr als 200 000 KPT-Lizenzen und schaffte das dahinläppernde Videorecorder-Projekt ab.Der Microsoft-Mitgründer und Finanzmagnat Paul Allen investierte in das Unternehmen; die Freunde aus der Musikbranche stürzten sich auf die Tools.Die interaktive CD-ROM von Prince gilt als Paradebeispiel für Krause-Effekte; als der Meister mit seinem Freund Peter Gabriel in Japan dessen Explora-CD-ROM vorstellte, war es Kai Krause, der von Autogrammjägern belagert wurde. Den Kai am Gipfel des Graphikerruhms aber trieb weiter die Neugier um: Wo etwa konnten noch Bildvorlagen für seine Effekte herkommen?Man brachte ihn auf die Arbeiten des Franzosen Eric Wenger.Dieser Mensch arbeitete an einem Programm, das nach einigen Vorgaben all jene futuristischen Welten und Gebilde erzeugen konnte, die vor allem Science-fiction-Titel und Plattencover in Massen verschlingen.So entstand die Software Bryce.Kai Krause gab ihr eine Benutzeroberfläche und brachte Wenge r mit anderen Spitzenprogrammierern zusammen, die sich bei HSC einfanden. Bryce ist Anfang einer noch unscharfen Softwaregattung, mit der Menschen ihre persönliche virtuelle Realität erschaffen können, Umgebungen für Fahrten in die eigene Imagination, wo sie auch ihre Töne spielen können.Über vielen Beispielwelten auf der Bryce-CD-ROM blitzt natürlich Kais blauer kanadischer Himmel. So ein Programm mag wie Spielerei aussehen.Für Kai Krause ist es nur eine Facette einer Entwicklung, die Datennetze für die Menschheit immer wichtiger macht."Da oben", sagt Krause, wenn er von ihnen spricht, die Begriffe Up- und Download zur neuen Metapher wendend."Da oben", im Online-Himmel, "werden wir alle auch leben.Alles da oben wechselt wie die Schale einer Zwiebel." Auf America Online eröffnete Krause besondere Diskussionsräume für Weltanschauliches aller Art.Er taufte sie "Blue Sky Theories".Ausgedehnt auf Green und Orange Skies, quillt das Gebilde gleichwohl vom Online-Volk schon über; nun wird bereits in Crimson Skies mit dem Unverständnis der Menschheit abgerechnet, insbesondere jenem Teil der Medien, der sich dem universalen Aspekt verschließt, dem Wunsch nach einer zukünftigen Daten-Gaia. "Irgendwann in zehn oder fünfzehn Jahren wird jeder auf der Welt Zugang zum gesamten menschlichen Wissen haben", erklärt Kai Krause."Die Leute reden heute vom Datenhighway und wissen gar nicht, worum es geht.Wenn es passiert, dann passiert es plötzlich, dann muß unsere ganze Kultur neu definiert werden.Dann brauchen wir Infonautics-Werkzeuge, mit denen wir in natürlicher Sprache operieren, mit denen wir auch Töne und Bilder suchen können."Irgend jemand werde das alles zusammenbring en, meint er; er möchte dabeisein. Eine Wiederkehr der Renaissance in neuer Gestalt - mit dieser Idee verstörte Krause als Redner in Vertretung des US-Vizepräsidenten Al Gore vergangenes Jahr eine Konferenz in Boston.Bei der diesjährigen MacWorld-Messe irritierte er die Leute aus der Industrie mit einer Podiumsdiskussion, die an die Hippie-Bewegung vor zwanzig Jahren erinnerte.Da saßen der Musiker Todd Rundgren, der Rauschunterdrücker Thomas Dolby und der Science-fiction-Autor Douglas Adams.In Cannes wiederholte sich kürzlich die se Techno-Seance in anderer Besetzung; auch die MacWorld Anfang Oktober in Frankfurt wird wohl derart eröffnet werden. Kai Krause setzt eben nicht auf die Wissenschaftler und die Politiker, sondern auf die Universalisten der Popkultur, um die Kardinalfragen der Menschheit zu beantworten.Sein nächstes Projekt ist eine Kindersoftware, entwickelt zusammen mit Peter Gabriel, in der mit Tönen gemalt und mit Farben komponiert wird. Und die Firma HSC, um auf die schnöden Tatsachen auch noch hinzuweisen, ist solchermaßen in die ideale Position gewachsen, um an die Börse zu gehen, was der Traum eines jeden Software-Entwicklers ist.Dann hätte der Junge aus Deutschland nicht nur die weiten blauen Himmel gefunden, sondern auch die zig Millionen, die sonst nur Tellerwäschern in den Schoß fallen.