Der Großvater hat gegen Ende des vorigen Jahrhunderts sein Bergdorf im italienischen Friaul verlassen, um in Deutschland Schiffshebewerke zu bauen. Der Vater ist in Deutschland aufgewachsen. Und der Sohn, 1944 in Bielefeld geboren, weigerte sich, das väterliche Betonsteinwerk zu übernehmen, beschloß, zumindest zeitweilig nach Verzegnis, in den ursprünglichen Heimatort, zurückzukehren: weil er sein Leben lieber mit der Kunst und den Künstlern verbringen wollte.

Egidio Marzona, heute einer der bedeutendsten europäischen Sammler von Konzeptkunst, Land-art, Minimal art und Arte povera, hat Mitte der sechziger Jahre begonnen, die Kunst zu sich ins Haus zu bringen. Galeristen wie Konrad Fischer und Rolf Ricke in Düsseldorf oder Heiner Friedrich, die damals bereits Künstler wie Robert Morris, Robert Smithson, Sol Lewitt, Don Judd oder Lawrence Weiner ausstellten, brachten den Sammler mit den Zeitgenossen der Kunst zusammen. Freundschaften entstanden, dann, 1972, gründete der junge Marzona selber eine Galerie. Zunächst kaufte er, was ihm gefiel.

Bald aber suchte er nach Zusammenhängen, nach Erklärungen und nach Vorfahren für die spröde Kunst der Reduktion, die manchmal fast nur noch im Kopf stattfand oder nicht einmal mehr von Künstlerhand ausgeführt werden mußte. Und da entdeckte Marzona für sich einige dezidiert avantgardistische Künstler der Frühzeit der Moderne, die ihm den Zusammenhang mit der Gegenwart herstellten. Malewitsch, Duchamp und Moholy-Nagy zum Beispiel, der gelegentlich die Anweisungen zu Herstellung seiner Werke per Telephon durchgab.

Fast zehn Jahre lang beschäftigte Marzona sich mit der Kunst der zwanziger Jahre, forschte insbesondere über das Bauhaus, wurde auch hier zum Sammler. Gründete schließlich einen eigenen Verlag, um selber Bücher zu recherchieren und zu produzieren. Buch, Text und Schrift, die ja auch zu den Materialien der konzeptionellen Kunst gehören, interessierten ihn ganz besonders. Auf der Grundlage dieser Kenntnisse kehrte Marzona dann Anfang der achtziger Jahre zum Sammeln zurück.

Systematisch geht der Sammler nun ans Werk, versucht, da er sich nun auch intellektuell dazu in der Lage fühlt, Lücken zu schließen, zu einem für ihn logischen Ganzen des Sammlungszusammenhanges zu kommen.

Im friulanischen Verzegnis verbringt Egidio Marzona heute etwa sechs Monate im Jahr, und seit einiger Zeit hat er auch damit begonnen, hier einen guten Teil seiner ständig wachsenden Sammlung zu installieren. Die Hauptstraße des Ortes trägt noch immer den Namen der Familie, die Schule ebenfalls, und für so manches der kargen Bauernhäuser wird das in der Zukunft wohl auch gelten. Der Sammler Marzona braucht nämlich Platz, Räume. Er möchte noch mehr Künstler einladen, hier am Ort zu arbeiten. Eines der beeindruckendsten in situ entstandenen Kunstwerke ist eine Beton-Pyramide von Bruce Nauman, die allabendlich mit ihrem gelben Lichtschein das Tal erleuchtet und den unvorbereiteten Besucher überrascht und neugierig macht auf weitere Kunst-Stücke in der Umgebung oder im Haus.

Vor dem Haupthaus der Marzonas steht man dann auf einem großen kreisrunden Hubschrauberlandeplatz, auf dem Lawrence Weiner mit in den Boden eingelassenen metallenen Lettern von "taken to a point in time" bis "taken to another point" philosophiert. Die Pyramide und der Hubschrauberlandeplatz sind in Verzegnis fest installiert, ähnlich wie Giuseppe Penones "Soffio di foglie" längst zum Teil der Landschaft selber geworden ist.

Aber der kleine Merzsche "Igloo ticinese" aus grauem Granit, der sonst mitten im grünen Garten auf der Rückseite des Bauernhauses steht, ist vom Sammler eigenhändig abgebaut und auf die Reise nach Wien geschickt worden. Genauso erging es dem "Flußkreis" von Richard Long, der in seinem ganzen riesigen Ausmaß gewöhnlich den großen Wohnraum der Marzonas mit Beschlag belegt, den Kuben von Sol Lewitt, den Bildern von Daniel Buren und noch so manchem anderen Kunstwerk, das bereits ein Zuhause im Friaul gefunden hat.

Im Wiener Palais Liechtenstein haben nun Lóránd Hegyi, Rainer Fuchs und Egidio Marzona eine ebenso schöne wie lehrreiche Ausstellung aufgebaut, wobei die barocke Architektur des Museums und die Klarheit dieser "Kopfarbeiten" einander widersprüchlich gut ergänzen.

Mit den rund 150 ausgestellten Arbeiten entsteht ein sehr konzentriertes Gesamtbild von der oft so protestantisch anmutenden Kunst dieser Epoche. Man spürt die geduldige Auseinandersetzung des Sammlers mit seinem Thema, man ahnt, wie wichtig selbst jede kleine Skizze für ihn ist. Egidio Marzona selber benutzt immer wieder die Metapher vom Mosaik, wenn er von seiner Sammlertätigkeit spricht.

Und zu dieser Arbeit, diesem Blick vom Detail auf das Ganze, gehört auch die Aufbewahrung jeder einzelnen Einladungskarte, der Ausstellungsplakate, Kataloge, Künstlerbücher und Künstlervideos. Ohne Mosaiksteinchen kein Mosaik. (Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, Wien, bis zum 1. Oktober, Katalog 290,- öS)