Cora Stephan ist drauf und dran, sich zur politischen Sittenlehrerin der Nation aufzuschwingen. Eine "Politische Sittengeschichte" hat sie ihr letztes Buch genannt, in dem sie den "Betroffenheitskult" der Deutschen geißelte. Jetzt wirbt sie (Wo bleibt das Positive?) für eine "Neue deutsche Etikette". Aber es ist nicht nur die Verwahrlosung der alltäglichen Sitten, die sie überall beobachtet und der sie mit einem "ABC der Umgangsformen" beizukommen versucht. Vielmehr will sie an die Tradition großer Sittenlehrer wie Erasmus von Rotterdam und Baldassare Castiglione anknüpfen, die "gutes, richtiges Benehmen für ein Anliegen von höchstem Rang hielten, ganz oben auf der staatspolitischen Agenda angesiedelt". Doch ein Buch der Tugenden und der Moral, wie es anderswo, in Frankreich und in den USA, die Regale füllt, konnte und wollte sie auch wieder nicht schreiben, dafür ist sie zu gescheit, zu modern und zu individualistisch. So hat sie ein Essay über gute Manieren geschrieben und ein politisches Traktat dazu.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Hinter den Formen und Konventionen damals gab es eine sinnstiftende Kraft: Die Welt war ein moralischer und politischer Kosmos. Die "Kunst der Weltklugheit", im öffentlichen wie im privaten Leben, bestand darin, ein guter Mensch zu sein und das Richtige zu tun: "Die Tugend ist so schön", heißt es in der letzten der 300 Regeln in Gracians Handorakel, "daß sie Gunst findet vor Gott und den Menschen." Aber die Brücken zu dieser Welt sind eingestürzt, und vor ihren Ruinen mag man nun in alte Tugendlehren oder neue Zynismen flüchten oder aber mit der Autorin fragen, wie die Menschen damit fertig werden, daß sie sich "so beziehungslos bewegen" können wie nie zuvor, und das in einer Welt "ohne Gott und Kaiser".

Was ist das zivilisatorische Minimum an persönlichen und politischen Formen, damit die Gewinne an Freiheit und Individualisierung noch erträglich bleiben? Darauf gibt es keine einfachen Antworten, und manche Heilmittel sind schlimmer als die Krankheit selbst. Fast altmodisch beharrt sie auf zivilen Umgangsformen, auf dem Primat der Politik und auf dem Ethos demokratischer Formen und Spielregeln. Etwas zu larmoyant klagt sie über den Verfall der Sitten, schreibt aber auch nachdenkliche Passagen über die politische Zivilisation der Deutschen und ihre (überwundene?) Neigung, demokratische Formen politischen Inhalten zu opfern. Zwischendurch finden sich gelungene Beispiele einer flotten Soziologie des Alltags (Was läßt sich aus dem Fehlen des Salzfäßchens auf dem Restauranttisch für die Zukunft der Gesellschaft herauslesen?), treibt sie soziologische Aufklärung in kritischer Absicht (Nie war sie so friedfertig wie heute, schreibt sie, gegen den Trend, aber richtig über die Jugend). Es macht den Reiz und das Chaos dieses Buches aus, daß es zu allem etwas bietet: bunt, unterhaltsam, süffig geschrieben, in der Polemik freilich oft überzogen und einseitig.

So wird man ihr gerne folgen, wenn sie für Höflichkeit als eine neue Lingua franca plädiert, als "eine Sprache, mit deren Hilfe man sich, bei Anerkennung der Differenz, auf das Nötigste einigen kann". Es ist immer besser, wenn die Menschen zueinander nett, höflich und rücksichtsvoll sind, statt, wie sie moniert, sich überall vorzudrängeln, mit offenem Mund Kaugummi zu kauen und ständig mit ihren Handies zu nerven. Nur: Was ist neu und was ist besonders deutsch an dieser Etikette? Vermutlich, folgt man der Autorin, daß sie hierzulande besonders gefährdet sei. Doch stimmt das wirklich? Gehören zur neuen deutschen Etikette, wenn schon, nicht auch neue Formen und Konventionen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten herausgebildet haben: zwischen Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern, in Betrieben und Kasernen? Es ist wahr: Die Revolution des Alltags im 20. Jahrhundert hat alte Sicherheiten geschleift, aber ist das ein Grund, immer gleich Verfall zu sehen, wo Wandel ist?

Ganz bei der Sache ist die Autorin, wenn sie gegen den Diskurs der political correctness polemisiert, "der sich nicht interessiert zeigt an neuen Absprachen, sondern an der Moralisierung des Gegners", wenn sie die "Gefühlshaber, die sich in vollem Einklang mit der Moral wissen", ins Visier nimmt, überhaupt die ganze "infantile Kultur, die nur für wirklich hält, was mich betrifft". Gut gebrüllt, Löwin, aber ist das wirklich das zentrale Thema der politischen Moral - und nicht auch die Tatsache, daß die öffentliche Sprache der politischen Ethik merkwürdig flach geworden ist, daß die alte Frage nach einer guten Gesellschaft entweder technokratisch unterlaufen oder fundamentalistisch ausgehebelt wird?

Cora Stephan hat ein anregendes Buch geschrieben. Die politischen Sitten, deren Verfall sie beklagt, brauchen nicht, da hat sie recht, die offene oder verdeckte Inthronisation einer alten oder neuen Moral. Aber sie brauchen auch mehr als eine neue deutsche Etikette.

Cora Stephan: Neue deutsche Etikette Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 1995; 155 S., 29,80 DM