Gleich nach dem mißlungenen Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 setzte mit äußerster Brutalität ein Rachefeldzug ein. Einige der "Verräter" wurden gleich am selben Tag erschossen, die anderen bald darauf gehenkt. Ihre Namen durften nicht mehr genannt werden, die nächsten Verwandten kamen ins Gefängnis oder ins KZ, die Kinder - ihrer Familiennamen beraubt - wurden an einen geheimen Ort verbracht.

In Deutschland herrschten Angst und Terror. Im Ausland aber, wo die führenden Leute informiert waren und sehr genau wußten, was vor sich ging, wurden mit Fleiß falsche Informationen verbreitet: Winston Churchill erklärte am 2. August 1944 im Unterhaus, es handele sich bei den Vorgängen des 20. Juli lediglich um "Ausrottungskämpfe unter den Würdenträgern des Dritten Reiches". Er sagte dies, obgleich er schon 1939 von Fabian von Schlabrendorff informiert worden war.

Die gleiche Reaktion in Amerika, ungeachtet der Tatsache, daß Alan Dulles, der Bruder des Außenministers, von Mitgliedern des Widerstandes regelmäßig unterrichtet wurde. Der Grund für diese Einstellung: Die Alliierten wollten beweisen, daß alle Deutschen ausnahmslos Nazis waren. Das Ziel, bedingungslose Kapitulation, sei deshalb richtig, Vereinbarungen mit der Opposition dagegen seien falsch.

Die New York Times schrieb am 9. August, das Attentat erinnere an "die Atmosphäre einer finsteren Verbrecherwelt". Besonders empört war die Zeitung darüber, daß einige der höchsten Offiziere sich ein ganzes Jahr lang mit dem Plan beschäftigt hatten, das Oberhaupt des Staates, das doch zugleich Oberkommandierender war, zu töten - "und dies auch noch mit einer Bombe, der typischen Waffe der Verbrecherwelt".

Also: im Inland Terror, im Ausland Diffamierung. Nach dem Zusammenbruch aber bedrängten andere Sorgen die Gemüter, so daß jenes Ereignis im Herzen der Deutschen nie Wurzeln schlagen konnte. Weniger bekannt ist, daß während der ganzen Nazi-Epoche das Foreign Office alle Informationen über die Opposition und Stimmung in Deutschland nicht ausgewertet hat.

In einem Buch, das bisher leider nicht übersetzt ist, "The Unnecessary War" - "Der überflüssige Krieg" -, mit dem Untertitel "Whitehall and the German Resistance to Hitler", hat Patricia Meehan solche Feststellungen im einzelnen dokumentiert. Sie hat die Archive des Foreign Office durchstöbert und ist in Ecken vorgedrungen, die offenbar bisher noch niemand entdeckt hatte.

Sie schreibt: "In den Jahren vor Kriegsbeginn wurde das Foreign Office überflutet von Berichten aus zuverlässigen britischen Quellen - Diplomaten, Industrielle, Bankiers, Journalisten, Wissenschaftler -, die alle nachwiesen, daß Goebbels' Behauptung, Deutschland sei durch den Nationalsozialismus eng zusammengeschmiedet worden, einfach nicht stimmt. 1936 hat Hjalmar Schacht, damals Wirtschaftsminister, in einer Botschaft an Außenminister Eden die Warnung ausgesprochen, ja keinerlei Abkommen mit D eutschland zu treffen, ehe nicht die ,normale Zivilisation` wiederhergestellt sei. Es gäbe derzeit keine persönliche Sicherheit: ,Jederzeit könnte es geschehen, daß die Tür sich öffnet, die Gestapo eindringt und mich über den Haufen schießt.`"

Im September 1938, während der Tschechen-Krise, war die Anti-Hitler-Opposition in Deutschland, wie die Autorin belegt, ihrem Ziel ganz nah: "Die britische Regierung war informiert, daß, wenn von alliierter Seite das Stichwort kommt: ,Keinen Schritt weiter` und Hitler dennoch marschieren sollte, seine Gegner - ,die Gewehr bei Fuß standen` - zuschlagen würden."

Staatssekretär Ernst von Weizsäcker war so beunruhigt und verzweifelt, daß er seinen Freund Carl Burckhardt, damals UN-Kommissar in Danzig, dringend bat, so rasch wie möglich nach Bern zu fahren und Verbindung mit London aufzunehmen: "Sonst riskieren wir, daß er Prag bombardiert und in Böhmen einmarschiert. Es muß etwas getan werden. Wir stehen am Abgrund. Die Engländer müssen einen energischen Offizier schicken, einen Marschall mit vielen Orden und wenig Bedenken, der notfalls laut wird und mit der Reitpeitsche auf den Tisch haut."

Aber Ministerpräsident Chamberlain glaubte an die heilende Kraft von Appeasement und wollte diesen Prozeß auf keinen Fall durch die Widerständler gestört sehen.

Nicht nur Chamberlain war der falsche Mann zur falschen Zeit, auch der britische Botschafter in Berlin, Sir Neville Henderson, war in seiner haarsträubenden Naivität fehl am Platz. In einem Bericht von 1937 sagt er: "Viele der Hitlerschen Reformen und Taten, auch wenn sie die persönliche Freiheit von Gedanken, Worten und Taten verachten, beweisen doch eine hohe fortschrittliche Qualität - sie sind typische Beispiele einer benevolenten Diktatur." Auch ein Jahr später hat er nichts dazugelernt. In einem Brief an Außenminister Halifax schreibt er: "Ich wünschte, es wäre möglich, die Times, Camrose, Beaverbrock-Press etc. dazu zu bringen, Hitler als Apostel des Friedens darzustellen. Man sollte Hitler so viel Kredit wie möglich geben. Das letzte Wort wird seins sein. Es wäre ein Fehler, wenn unsere Presse dabei bleibt, ihn zu verunglimpfen."

Sir Archibald Sinclair, der Führer der Liberalen, erklärte im Unterhaus: "Was geht uns die schlechte Regierung eines anderen Landes an, sollten wir etwa für Pastor Niemöller oder die deutschen Juden in den Krieg ziehen?"

Interessant ist, daß die Berichte englischer Diplomaten ein ganz anderes Bild der Stimmung in Deutschland bieten, als wir es gewohnt sind. Im Oktober 1934 schrieb Botschafter Phipps: "Es gibt eine weitverbreitete Opposition unter den Intellektuellen, kirchlichen Kreisen, Landbesitzern und der Aristokratie, die sich aber wegen der Pressezensur nicht manifestiert." Noch deutlicher sagt dies der Konsul in Stettin: "Die Freiheit der Leute besteht darin, daß es ihnen gestattet ist, so laut wie irgend möglich den Führer zu preisen; jedermann weiß, daß Kritik schnurstracks ins KZ führt." Nigel Law, ein ehemaliger Diplomat, schließt einen langen Brief an seinen Freund Eden mit folgenden Worten: "To sum up, ich fand die Leute in Deutschland niedergeschlagen, ohne Hoffnung und bedrückt von vielen Ängsten."

Auch der Generalkonsul in Hamburg berichtet 1938, die Menschen seien unzufrieden und hätten Angst vor dem Krieg. Sein Kollege in München schreibt: "Nach der Unterzeichnung des Münchner Abkommens waren die Deutschen in ihrer Kritik plötzlich offener. Manche Leute flüsterten den Konsulatsangehörigen zu, die Partei bestünde aus einer Bande von Emporkömmlingen, und Hitler selbst sei verrückt, eine Inkarnation des Bösen." Der Konsul in Frankfurt, der seit 1930 in Deutschland war, erklärte nach der Kristallnacht von 1938, "wenn die deutsche Regierung vom allgemeinen Wahlrecht abhinge, dann würden die Verantwortlichen jetzt von der Bühne gefegt, wenn nicht erschossen".

Das Foreign Office hatte jede Menge Informationen, es wußte ohne Zweifel besser Bescheid über Deutschland als die Deutschen selbst, aber man wollte dort keine Konsequenzen ziehen. London verweigerte die Kooperation mit dem Widerstand, obgleich 1938 immer wieder hohe Emissäre unter Lebensgefahr dem Foreign Office berichteten, daß alles vorbereitet sei, um Hitler zu verhaften. Was aber war die Reaktion? Ministerpräsident Chamberlain fuhr nach München und machte Hitler die von ihm gewünschten Konzessionen. Doch der härteste Schlag traf den deutschen Widerstand, als 1943 in Casablanca offiziell "bedingungslose Kapitulation" zum Kriegsziel erklärt wurde. Botschafter von Hassell, der später hingerichtet wurde, sagte damals, mit einem Schlag werde die Arbeit von sechs Jahren zerstört.

Vor diesem Hintergrund würde man sich wünschen, daß in diesem fünfzigsten Jahr nach Kriegsende - in dem manch offizielle Entschuldigung ausgesprochen wurde - England wenigstens sein Bedauern ausdrückt. Bedauern wegen Nichtachtung des deutschen Widerstandes und unterlassener Hilfeleistung; und dann auch gleich wegen Zerstörung der beiden schönsten und traditionsreichsten Städte wenige Wochen vor Kriegsende: Dresden, wo 40 000 Menschen in einem Flammenmeer umkamen, und Potsdam, wo ebenfalls Tausende von Zivilisten getötet wurden.