Ein Friedhof zur Nacht: unter allen entlegenen Spielorten, die das Kunstfest Weimar zwischen Deutschem Nationaltheater und Fabrikhalle des Weimarwerks, zwischen Reithalle und Museen, dem von der Roten Armee erbauten "Haus der Offiziere" und der Herderkirche gern aufsucht, ist der Sowjetische Friedhof im Schloßpark Belvedere, der alten Sommer-Residenz der Herzöge von Sachsen-Weimar, in diesen Tagen, Nächten der seltsamste - und schönste.

Bei Einbruch der Dunkelheit, um 21 Uhr, finden sich zweihundert Lebende, die meisten wohl deutsche Zuschauer, in unerwarteter Gemeinschaft mit den seit 1946 hier ruhenden 2027 Toten aus der entschlafenen Sowjetunion.

Es ist, trotz der Einladung zu einer Uraufführung, kein Theaterabend, zu dem wir uns unter dem Nachthimmel versammeln. Der zweiundsiebzigjährige spanische Schriftsteller, Häftling des KZ Buchenwald von 1943 bis zur Befreiung 1945, Kulturminister seines Landes von 1988 bis 1991, offenbart nicht plötzlich unentdeckte dramaturgische Talente. Nein, diese Nachtstunde im Park von Schloß Belvedere ist mehr als ein Theaterabend; in ihrem aufklärerischen Wert, ihrem Rang als aufrüttelnde Totenklage, ihrer (kultur-)politischen Bedeutung für Deutschland in der Zeit von "Ausländer raus!"-Geschrei und Bosnien-Krieg ist die kühne, stille Veranstaltung nur als theatralisches Ereignis möglich und nachwirkend durch Kraft, Ernst und Intensität der Schauspieler Hanna Schygulla, Bruno Ganz, Ulrich Wildgruber, Robert Hunger-Bühler.

Wie schäbig (und fürchterlich "deutsch") wirkt nach dieser Trauerstunde über den Gebeinen toter Krieger die Debatte um ein jüdisches Ehrenmal in Berlin - im Format eines oder zweier Fußballfelder. Auch das können wir in Weimar lernen: Unser Gedenken braucht - gerade weil das Morden so gigantisch war - bescheiden menschliches Maß, Überschaubarkeit, Ruhe.

Hat es einer deutlicher gesagt als der, dem deutsche Verleger und Buchhändler - und hoffentlich viele Leser vor einem Jahr - den "Friedenspreis des deutschen Buchhandels" zuerkannt haben? Jorge Semprun, 1923 in Madrid geboren, als junger Résistance-Kämpfer ins Folterlager Buchenwald über Weimar verfrachtet, Häftlingsnummer 44 904 S (das S brandmarkt ihn als "Rotspanier"), gibt unserem selbstquälerischen Land wegen einer "Besonderheit in der Geschichte dieses Jahrhunderts" eine Chance: "Deutschland ist das einzige europäische Land, das die verheerenden Auswirkungen der beiden totalitären Unternehmungen des 20. Jahrhunderts hat erleben, durchleiden, auch kritisch auf sich nehmen müssen."

Davon handelt sein Stück, eine sehr Semprunsche Mischung von Erzählung und Kommentar, Bericht und Essay, Leitartikel und Lyrik, Schulfunk und Requiem, Rekapitulation von Geschichte - auch Theatergeschichte, vor allem aber Geschichte der Opfer, nicht der Täter - und Oratorium. Kein Drama, kein Theaterstück. Ein locker gefügter, in sich stimmiger Text, geschrieben für diesen Ort mit dem Doppel-Namen Weimar-Buchenwald.

Hier, wo wir jetzt sitzen, am Abhang des Belvedere-Bergs, auf einem sowjetischen "Ehrenfriedhof", hat der Nazi-Gauleiter Sauckel, der 1946 als Kriegsverbrecher in Nürnberg gehenkt wurde, 1938 einen Helden-Hain unter Eichen für Hitlers Mordgehilfen anlegen lassen. Er raunte von "einfachen Menschen und Soldaten deutschen Blutes" - und wollte doch nur seinen Vater außerhalb eines christlichen "Fried"-Hofes versenkt wissen. Mehr als sechs thüringische Heroen haben sich bis zum Kriegsende nicht finden lassen, um auf dem "schönen Fleckchen Erde" begraben zu werden, in das Sauckel seinen Erzeuger nicht als Vater, sondern als Parteigenossen (PG) verabschiedete: "Möge Dir, PG Friedrich Sauckel, die Erde draußen im Park von Belvedere leicht werden."