ZEIT: Warum wollen die Franzosen unbedingt wieder Atomtests durchführen?

Jones: Ich glaube, das hat zwei Gründe. Ich vermute, eine Versuchsserie war noch nicht abgeschlossen, als Mitterrand die Tests aus politischen Gründen suspendierte. Andere Nuklearmächte sind in einer glücklicheren Lage. Großbritannien hat gegenwärtig keinen Testbedarf. Die Testserie für unser neues Trident-System ist abgeschlossen. Pläne für eine neue Nuklearbewaffnung der Royal Air Force wurden fallengelassen. Sonst müßten wir auch wieder testen. Die Amerikaner und die Sowjetunion hatten derart große Arsenale, daß sie es sich leisten können, zur Neuentwicklung anstehende Systeme völlig außer Dienst zu stellen. Mehr durch Zufall fanden die Franzosen sich in der Zwickmühle. Zum zweiten vermute ich, daß sie bei der Prüfung ihrer Testprotokolle auf Ergebnisse stießen, die sie nicht völlig verstanden. Eine solche Prüfung erfolgt nach jedem abgeschlossenen Testprogramm, und manchmal findet man nicht völlig überzeugende Charakteristika. In solchen Fällen will man Zusatztests durchführen, um sich von der Sicherheit seiner Waffen zu überzeugen.

ZEIT: Was meinen sie mit "Sicherheit"? Wie kann man einen Atomsprengkopf "sicher" nennen?

Jones (lacht): Man geht von der Annahme aus, daß, wie vorsichtig man auch immer bei der Herstellung, beim Transport und bei der Montage des Sprengkopfes auf die Trägerrakete vorgeht, Fehler vorkommen werden. Deshalb entwirft man sie mit sehr großen Toleranzen. Der Gedanke einer versehentlichen Explosion ist undenkbar. Man kann eine "unsichere" Waffe als eine Waffe mit zu geringen Toleranzen definieren.

ZEIT: Und diese Toleranzen lassen sich nur durch Tests ausloten?

Jones: Man kann das auf alle mögliche Weise tun. Zuerst muß man sich überlegen, was alles passieren kann. Man kann alle möglichen Unfallsituationen simulieren. Man stellt sicher, daß es praktisch unmöglich ist, den Zündmechanismus eines Sprengkopfes mit Gewalt zu überbrücken. Aber dann sagt jemand: Was passiert, wenn ein Geschoß durch die Panzerung des Sprengkörpers dringt? Gut, man stellt Kalkulationen an. Aber wie kann man hundert Prozent sicher sein, daß die Kalkulationen stimmen? Es gibt nur einen Weg: Wir probieren es aus. Das macht man dann in einem Loch tief unter der Erde in Mururoa. Um ganz sicherzugehen. Möglicherweise haben die Franzosen auch darin einen Nachholbedarf. ZEIT: Und das geht nicht mit Computermodellen und Simulationstechnik?

Jones: Die Gretchenfrage ist: Haben wir eine Technik, auf die wir uns verlassen können? Reicht es hin zu sagen: Vermutlich schon, aber ganz sicher bin ich nicht? Die Antwort ist: Eine solche Technik gibt es bislang nicht. Glauben Sie denn, irgendein Wissenschaftler würde einen großen Teil seines Budgets mit Tests verschwenden und ein riesiges Wüstenareal in Nevada oder Mururoa umkrempeln, wenn er genausogut mit einem hübschen neuen Computer und allen möglichen anderen Apparaten in seinem Labor zu Rande käme? Allein um den politischen Aufschrei zu vermeiden, würde man das Labor vorziehen! Abgesehen von den wissenschaftlichen Ergebnissen, ist das Testen keine sonderlich erbauliche Aktivität. Also, was tun? Man muß ja zunächst einmal eine Konvergenz zwischen tatsächlichen und simulierten Tests herstellen. Dafür muß man ganz spezielle Tests für diesen Zweck entwerfen. Vom Standpunkt des Wissenschaftlers gibt es an der französischen Entscheidung daher nichts auszusetzen.