Eine Geschäftsidee und die notwendige Portion Mut hatten die Inhaber der beiden deutschen Firmen TopWare und KlickSoft Ende letzten Jahres: Alle Inhaber von Telephonanschlüssen in Deutschland auf einer einzigen Datenscheibe, verbunden mit einem komfortablen und in seinen Funktionen einmaligen Suchprogramm - damit wollten sie Geld verdienen.

Anfang Juni kam ihre CD-ROM "D-Info" auf den Markt. Knapp 70 000 Stück der Scheibe verkauften sich, beworben vom Fernsehgesicht Joachim Steinhöfel, in den ersten sechs Wochen. Das sind Zahlen, die oft nicht einmal erfolgreiche Spiele-Titel erreichen.

Das Produkt kostet knapp fünfzig Mark und läuft auf Standard-PCs sowohl unter DOS als auch unter Windows. Das Novum dabei sind nicht die puren Daten. Alle Telephonanschlüsse Deutschlands gab es beispielsweise schon vor längerer Zeit unter dem Namen "Deutschland Digital" auf CD-ROM. Für knapp hundert Mark konnte man dort Nummern ebenso gut finden wie mittels Telephonauskunft (und sogar die Adressen dazu) und so das Gejammer der Telekom über die hohen Kosten des Auskunftsbetriebes etwas dämpfen (wenn auch unbedankt).

Die Firma Tele-Info in Garbsen bietet heute alle deutschen Telephonadressen auf drei CD-ROMs für rund 430 Mark an. Auch die Telekom selbst, genauer ihr Frankfurter Tochterunternehmen DeTeMedien, ist auf dem Markt aktiv und veröffentlicht in mehr oder minder regelmäßigen Abständen ein eigenes, aus drei CD-ROMs bestehendes Telephonnachschlagewerk für die stolze Summe von 1590 Mark.

Verständlich, daß die DeTeMedien über den neuen Konkurrenten D-Info nicht gerade erfreut ist. Sie rief sogar ein Gericht an, um ihn stoppen zu lassen.

Aufsehen, bis hin zu den abendlichen Fernsehnachrichten und Skandalartikeln in Boulevardblättern, erlangte das neue Produkt vergangene Woche aber durch eine tatsächlich fragwürdige Qualität. Seine Software erlaubt nämlich im Gegensatz zu den Konkurrenzprodukten nicht nur mehr oder minder beschränkte Suchanfragen, sondern umfangreiche Datenzusammenstellungen bis hin zur sogenannten Rufnummernidentifikation: Man tippt eine Telephonnummer ein und erhält in Sekunden die komplette Adresse des Anschlußinhabers. Der Bestand von dreißig Millionen Einträgen läßt sich auch nach anderen Kriterien durchkämmen und weiterverwenden: nach gutverdienenden Berufsgruppen in einzelnen Straßenzügen beispielsweise. Wer in einem der 117 Telephonbücher der Republik vorkommt, dürfte sich auch auf der Scheibe wiederfinden - ob er das nun möchte oder nicht.

Gewiß, Direkt-Mail-Versender, Taxifirmen, Behörden und womöglich auch manche Verbrechergestalt haben sich vergleichbare Möglichkeiten längst selbst geschaffen. Doch darf man die Daten des Telephonkunden, der seine Adresse ja eher nur fürs Telephonbuch bereitstellt, der beliebigen digitalen Auswertung nach allen Richtungen preisgeben?

In Deutschland ist man in solchen Fragen sensibel; aber die Rechtslage ernüchtert. Joachim Jacob, der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, ließ vergangene Woche verlauten, er hege zwar Bedenken gegen solche Auswertungsmöglichkeiten, erkenne aber, daß ihm rechtlich die Hände gebunden seien. Was die Software kann, ist nicht verboten. Jacob reichte den Schwarzen Peter weiter: "Ich habe daher den Postminister aufgefordert, das Problem der elektronischen Telephonbücher im Rahmen der zur Zeit anstehenden Novellierung der Telekom-Datenschutzverordnung zu lösen."

Die DeTeMedien geht gegen D-Info vor, aber nicht wegen der Such- und Filtereigenschaften, sondern weil sie Datenklau vermutet. Sie behauptet, die Adressen seien rechtswidrig auf die Scheibe gelangt, nämlich direkt von älteren Ausgaben der DeTeMedien-CD-ROMs übernommen. Sie beantragte vor Gericht eine einstweilige Verfügung, die den Verkauf des Produktes verbieten sollte - und scheiterte damit am 19. Juli.

Der D-Info-Hersteller KlickSoft in Dorsten-Wulfen, dessen Rufnummer übrigens im Booklet der CD-ROM nicht aufgeführt, jedoch mit Hilfe der Suchsoftware schnell zu finden ist, hat für die Datengewinnung eine andere Geschichte parat: Man habe sämtliche Telephonbücher mit Hilfe hochwertiger Scanner eingelesen und per Zeichenerkennungs-Software (in englischer Abkürzung OCR) in weiterverwertbaren elektronischen Text verwandelt. Telephonbücher seien öffentlich zugängliche Informationsquellen, die jeder auswerten dürfe.

Das ist wohl wahr, aber um die billig gedruckten, durchschimmernden Zeichen von 117 Telephonbüchern derart sicher und schnell einzulesen und anschließend auf die richtigen Datenfelder für die Suche zu verteilen, sind teure Eigenentwicklungen von Hard- und Software nicht zu vermeiden. Man darf sich fragen, wieso ein Unternehmen, das solch außerordentliche Kenntnisse entwickelt hat, sie nicht längst viel breiter vermarktet.

TopWare in Mannheim, der Vertreiber von D-Info, bietet inzwischen allen Telephonkunden den Austritt aus dem Verzeichnis an. Jeder, der seine Daten auf der nächsten D-Info-Ausgabe nicht mehr finden möchte, könne sich mit dieser Bitte an den Hersteller wenden - schriftlich und mit dem Einverständnis, daß die Daten wiederum in einer Computerdatei gespeichert werden, um sie automatisch vor der Produktion ausfiltern zu können.

Die Telekom-Tochter DeTeMedien will gegen den Gerichtsentschluß berufen und weiter gegen D-Info vorgehen, zusätzlich aber "an den eigenen Produkten und deren Preisgestaltung" arbeiten. Das wird auch nötig sein, denn bis zu einer rechtsgültigen Änderung der Situation werden zumindest Monate vergehen. Bis dahin dürfen sich Telephonkunden eventuell auf netten Besuch einstellen. Gewissermaßen nett - wer möchte schon gern von Leuten ohne Ankündigung besucht werden, denen man einstmals bloß die Telephonnummer verriet?