Der Ort, an dem Theater gelebt und Leben gespielt wird, ist die Kantine. Hier fängt alles an, hier hört alles auf. Wer nicht in die Kantine geht, ist schlecht informiert. Warum grüßt der Meier den Müller nicht? In der Kantine erfährt man es.

Ronnie saß in der Stuttgarter Theaterkantine und schnaubte. Nichts als Scheiße, sagte er zu denen am Tisch, nur papiernes Zeug, blutleer und öde. Man sollte Marber kündigen. Ja, man sollte zu Schauspieldirektor Friedrich Schirmer gehen, um Marber das Handwerk zu legen. Diesen Dramaturgen und Stückeschreiber sollte man hinausschmeißen, seine Stücke sind absolute Scheiße, nicht spielbar.

Einer von denen am Tisch in der Kantine hat es Andreas Marber gesteckt. Du, der Ronnie wollte zu Friedel gehen und deine Kündigung fordern. Eine Sauerei. Ronnie ist doch nur beleidigt, weil er nie große Rollen spielen darf. Immer nur Nebenrollen. Und jetzt schwingt sich dieser Versager zum Ankläger auf, eine Frechheit! Marber grüßte daraufhin Ronnie nicht mehr.

Rache ist süß. Marber setzte sich an die Schreibmaschine. Er wohnte einen Stock über Ronnie, schöner Altbau, in der Alexanderstraße. Die Wintergärten liegen übereinander, und Marber konnte die Stimme Ronnies hören, wenn der mit seinem Freund Hanno beim Frühstück saß. Warte, warte nur ein Weilchen . . . Ronnie sollte seine "Hauptrolle" bekommen. Und was für eine. Marber begann zu schreiben. Die werden sich gut überlegen, in der Kantine noch einmal so über mich zu reden.

Jetzt grüßte Marber den Ronnie wieder. Er wußte ja: Der ahnt nichts davon. Der hat ja keinen blassen Schimmer, was ich, einen Stock über ihm, in die Schreibmaschine hacke. Geht's gut, Ronnie? Das Stück, dachte Marber, braucht nicht einmal aufgeführt zu werden. Es reicht, wenn es nur einer liest im Theater. Dann wissen bald alle in der Kantine, daß man mit mir nicht so umspringt. Daß man nicht ungestraft meine Kündigung fordert.

Es war eines seiner schnellsten Stücke. Marber hatte bis dahin fünf Theaterstücke geschrieben, Boulevard, nicht ohne Tiefgang und Moral. Selbstverständlich wird darin auch viel gepißt und gefickt und so weiter. Seine Figuren, wie in dem zuletzt in Stuttgart aufgeführten Stück "Das sind sie schon gewesen die besseren Tage", buhlen erst gar nicht um Sympathie beim Zuschauer. Theater ohne Helden, in einer Welt ohne Illusion. Marbers Dialoge sind immer schonungslos, manchmal banal, aber nie langweilig. Der Stuttgarter Schauspieldirektor hält jedenfalls große Stücke auf seinen schreibenden Dramaturgen Marber: "Er ist ein Poet."

Im Juni 1994 war das Stück über Ronnie fertig. 37 Seiten Rache. Ronnie, der Hauptdarsteller, muß auf die Bühne treten und dem Publikum erklären: "Ich bin ein Stück Scheiße." Genial. Doch nicht nur der echte Ronnie ist auch der Bühnen-Ronnie - Marber ist darin Marber, und er erklärt, warum er seinen Hauptdarsteller dazu zwingt, sich als Exkrement zu bezeichnen: weil Marber die Kantinenparolen satt hat und in Zukunft davon nicht mehr belästigt werden möchte.