Glaubt man den Protagonisten, wird es die gesamte Wirtschaftswelt revolutionieren. Allerdings herrscht zur Zeit nichts als Chaos - und der mächtige Wunsch, aus dem "Netz der Netze", dem Internet, künftig Profit zu schlagen. Jahrelang tummelten sich in der digitalen Welt nur Computerfreaks und Akademiker. Nun soll sie zum "aufregendsten Platz werden, auf dem sich Geschäfte machen lassen", meint das amerikanischen Wirtschaftsblatt Business Week.

Die Visionen sind gewaltig: Banken lassen ihr kostspieliges Zweigstellensystem drastisch schrumpfen, weil die Kunden vom Computer aus ihre Geldangelegenheiten regeln. Auf virtuellen Märkten wird mit Cybergeld bezahlt, einer Währung, die nur noch aus Bits und Bytes auf imaginären Konten besteht. Verlage karren nicht mehr Tonnen von Papier quer durch die Republik, weil sich die Bürger an Bildschirmen informieren. Der Handel richtet virtuelle Filialen ein, die nicht mehr horrende Mieten verschlingen, sondern nur noch als Computerprogramm in einem Rechner existieren. Die ehrwürdigen Postgesellschaften gehen pleite, weil jeder nur noch E-Mails verschickt. Und Marketingmanager schöpfen aus dem vollen, weil jeder Verbraucher eine ergiebige Datenspur hinterläßt, die sich - richtig verknüpft - profitabel vermarkten läßt.

Die Hoffnung: Es entsteht ein globaler Marktplatz, auf dem die Gesetze von Größe und Macht nicht mehr gelten. "Das Netz ändert die Regeln. Kleine Unternehmen können wie große Konzerne agieren", schwärmt zum Beipiel Nicholas Negroponte, Direktor des renommierten MIT Media Labs. Und Eric E. Schmidt, Cheftechnologe beim Computerbauer Sun Microsystems, glaubt: "Das ist eine Rakete, die gezündet wurde und die niemand mehr stoppen kann."

Der Grund für diese Aufbruchstimmung ist die außergewöhnliche Entwicklung des Internets. Noch nie hat sich ein Medium so schnell ausgedehnt. Die Zahl der Teilnehmer wächst in einer geradezu atemberaubenden Geschwindigkeit. Mittlerweile sollen es weltweit rund dreißig Millionen Menschen sein, die sich dem Netz angeschlossen haben. Selbst die ansonsten so zurückhaltende britische Financial Times mahnte jüngst ihre wohl eher konservativen Leser aus der Geschäftswelt: "Die Wirtschaft kann so viele potentielle Kunden nicht länger ignorieren."

Zur Zeit entsteht bereits eine völlig neue Branche von Dienstleistern, in der sich zumeist junge Pioniere finden, deren Namen - noch - kaum jemand kennt. Sie vermarkten Anschlüsse ans Internet, entwickeln spezielle Software und beraten traditionelle Unternehmen dabei, wo für sie im Netz die Chance liegt. Bereits international durchgestartet ist zum Beispiel Netscape, eines der vielversprechendsten amerikanischen Unternehmen, die Internet-Software entwickeln. Obwohl erst vor fünfzehn Monaten gegründet, will das Unternehmen demnächst an die Börse. Es gilt schon heute als Renner. Hochkonjunktur hat zur Zeit aber vor allem einer: der Rechnerhersteller Sun. Er lieferte nämlich bereits einen großen Teil jener Computer, welche die vielen Netze steuern, die in der Summe das Internet bilden.

Die Entrepreneure hat allesamt jener Virus erfaßt, der grassiert, seitdem der amerikanische Vizepräsident Al Gore die Idee von der Datenautobahn propagierte. Es ist kein Zufall, daß ausgerechnet das Internet davon profitierte. In einer Computerwelt, in der lange Zeit keine gemeinsame Sprache gesprochen wurde, weil alle Hersteller ihre eigenen Standards pflegten, bilden die Kommunikationsregeln des Internets die simpelste Art, das babylonische Sprachgewirr der Rechner zu überwinden. Eine universelle Norm macht den Austausch von Informationen zwischen Maschinen unterschiedlichster Bauart und Hersteller möglich. Internet ist also nichts geringeres gelungen, als die Computer aller Länder zu vereinen.

Dabei war das Netz zunächst nur für miltärische Zwecke gedacht. Die Verantwortlichen wählten Ende der sechziger Jahre eine höchst ungewöhnliche, dezentrale Struktur, um die Abhängigkeit von nur wenigen Großrechnern zu vermeiden. Denn die würden durch die Strahlung nach einem Atomschlag lahmgelegt, fürchtete man seinerzeit. Es entstand ein Netz, in dem es keine zentrale Steuerung beim Transport von Informationen gibt. Die suchen sich ihren Weg immer wieder neu und passieren dabei eine Vielzahl von kleinen Computern, im Fachjargon Server genannt.