Die Bewohner des elsässischen Dorfes Fröschweiler bereiteten ihren Soldaten einen stürmischen Empfang. Ihr Pfarrer Karl Klein schreibt in seiner Chronik:

Es waren auch wirklich so herzig liebe Leutchen, diese Husaren, und sie mußten fort in den Krieg, - wer weiß, wo sie kämpfen, bluten und sterben werden? Die sollen uns willkommen sein und liebevoll traktiert werden und in der Tat - es war eine Begeisterung im ganzen Dorfe, die man nicht beschreiben kann, ein Wetteifern, wer am längsten bei ihnen bleiben, am zärtlichsten sie bewirten könnte. Und als am Abend die grande garde biwakierte . . . und die Speckomeletten lustig im Abendrot dampften, und der Weinkrug schäumend unter den rohen Gesellen kreiste, das war ein still heimlich Kriegsbild, wobei auch der Friedlichste eingestimmt hätte: "Was kann's Schönres geben als Soldatenleben?"

Vierzehn Tage später, am 6. August 1870, war Fröschweiler zerstört. Die Idylle hatte sich zum théâtre de la guerre verwandelt. Entgegen aller Voraussicht war das nordelsässische Dorf zum Mittelpunkt einer äußerst blutigen und opferreichen Schlacht geworden.

Den Sieg seiner Armee über die Franzosen telegraphierte der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm vom "Schlachtfelde bei Woerth, 4 1/2 Uhr Nachmittags". Für die Deutschen blieb dieser erste entscheidende Sieg im Krieg gegen die Franzosen mit dem Namen Woerth verbunden, dem Standort des Oberkommandos.

Stunden später, auf dem Rückzug, telegraphierte Marschall Mac-Mahon an Napoleon III., seinen Kaiser: "J'ai perdu la bataille." Seine Niederlage ging als "Bataille de Froeschwiller" in die französische Geschichte ein. Dort hatte Mac-Mahon am Vorabend des Gefechts Quartier bezogen.

Schon 1871 erschien in Straßburg ein "Guide du touriste (!) sur le champ de bataille de Froeschwiller", sein deutsches Gegenstück trug den Titel "Führer über das Wörther Schlachtfeld". Legion war schon bald die Zahl der Reiseführer- und Memoirenliteratur: Fröschweiler und Woerth, nunmehr im "Reichsland Elsaß-Lothringen" gelegen und berühmt, standen dem Glanz von Sedan nicht nach. Kein anderer Autor aber erreichte Karl Kleins Popularität und Auflagenhöhe - 36 Auflagen im Münchner C.H. Beck Verlag, dazu zwei illustrierte "Prachtausgaben". In seiner "Fröschweiler Chronik" war die Rede von einem "vielbesuchten Wallfahrtsort". Spötter nannten das Schlachtfeld vom 6. August 1870 ein "deutsches Mekka".

Zehntausende zog es alljährlich dorthin, eine Eisenbahnlinie wurde eigens angelegt. Droschkenunternehmen fuhren die bemittelten Reisenden zu den Schauplätzen und in die prosperierenden Gaststätten, die nun statt "Au Cheval blanc" "Zum weißen Roß" hießen oder "Zur Jägerzusammenkunft" anstelle von "Au Rendez-vous des chasseurs". Man annoncierte "civile Preise" und "Sammlung von Kriegswaffen aus 1870 im Hause". Achtzehn Hotels und Restaurants für Orte, die kaum mehr als tausend Einwohner zählten.

Was suchten, besser noch: was fanden die Besucher dort Einzigartiges? Und was finden die Touristenscharen noch heute an einem Ort, der seine Besucher mit großen Hinweisschildern auf "Son champ de bataille, son musée du 6. Août 1870" begrüßt? Zunächst stand Woerth für die erste große siegreiche Schlacht im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Wichtiger noch als die Zerstörung des Nimbus von der französischen Unbesiegbarkeit war ein anderer Effekt, den ein Augenzeuge, der populäre Schlachtenmaler Georg Bleibtreu, in einem Brief an seine Frau niederlegte:

Was habe ich alles erlebt! Das war ein Tag, der bei Woerth! Gott hat mich im Granat- und Chassepotfeuer gnädig bewahrt. Ich konnte nicht anders, ich war von einem unwiderstehlichen inneren Drange vorwärts getrieben, ich mußte den Kampf des geeinten Deutschlands, der meine Träume zur Wirklichkeit macht, in der Nähe sehen. Aufjauchzen mußte ich, von allen Schrecken der Schlacht umgeben, als ich die Süddeutschen im Wettkampf mit ihren Brüdern im Norden, gegen und über die Höhen vordringen sah. - Ich muß fort, ich kann dir nicht mehr schreiben!

Das "geeinte Deutschland": auf dem Schlachtfeld war es kein bloßer Traum mehr! Im Siegesrausch von Woerth wurde die Einheit wieder und wieder beschworen. "Eisen und Blut" sollten nun vollbringen, was der nationalen und demokratischen Bewegung verwehrt geblieben war: die (klein-)deutsche Einheit. Diesen Zusammenhang formulierte der badische Großherzog in schönster Offenheit: "Eine Kaiserkrone kann nur auf dem Schlachtfeld errungen werden."

Für die Franzosen war Froeschwiller zwar ein Ort der Niederlage, aber die Kombattanten bestätigten einander, daß die französische Armee einem übermächtigen Gegner "ruhmvoll und tapfer" unterlegen sei. Auf den Monumenten beider Seiten finden sich denn auch Verweise auf "Gloire", "Tapferkeit" und "Heldenmut". Sie legitimieren die militärische Aktion, verklären die Opfer und bestätigen den fortbestehenden Primat des Militärischen für das Kaiserreich.

Die Chronik des Dorfpfarrers

Mit der "Fröschweiler Chronik" bekam der Besucher etwas Drittes zu Gesicht: ein literarisches Monument, das der Geschichte der "tapferen Helden" vom 6. August die konkrete Schilderung jener "Hundstage" konfrontiert. Pfarrer Klein stellt der Perspektive der deutschen und französischen Feldherrenhügel die lokale seines Kirchspiels gegenüber. Er beschreibt den Höhenflug des nationalen "Fieberwahnsinns" in seinem Dorf bis zum Absturz in die Hölle des Krieges. Die Lektüre wird so zum Memento mori.

Die eingangs zitierte Idylle schrieb Klein in dieser kritischen Absicht - er wußte ja schon um das schreckliche Ende seines Dorfes, die weit mehr als 20 000 toten und verwundeten Soldaten auf beiden Seiten, die abertausend toten Kavallerie- und Zugpferde: Sie alle lagen bei glühender Hitze in den verwüsteten Gärten, Wiesen, Getreidefeldern, Hopfenpflanzungen, Kartoffeläckern, Wein- und Obstgärten der Dorfbewohner.

Karl Klein versucht nichts weniger als eine Physiologie des Krieges - nicht nur der "Bataille von Fröschweiler". In seinen Augen bildet die Grundvoraussetzung fast einer jeden kriegerischen Handlung die Annahme, der Krieg werde andernorts stattfinden, nicht in heimischen Gefilden: "Fort in den Krieg ziehen". Klein erhellt den Hintersinn dieser Redewendung: "Jeder ist auf schwere Heimsuchungen, auf Blutvergießen, Brand und Verwüstung gefaßt; daß aber das alles seine Heimat, sein Dorf, sein Haus, seine Person treffen könnte, daran denkt keiner."

Diese Mentalität beobachtet Klein in seiner engeren Heimat und attestiert sie der ganzen Nation: Überall hörte man nach der französischen Kriegserklärung vom 19. Juli 1870 den Schlachtruf: "A Berlin! A Berlin! Déjeuner a Berlin!" Im nämlichen Geiste appellierte Napoleon III. an seine Soldaten: "Welches auch der Weg sein mag, den wir jenseits der Grenzen nehmen werden, - wir werden auf ihm die ruhmvollen Spuren unserer Väter finden. Wir werden uns ihrer würdig zeigen." Auch der Name der französischen Streitkräfte drückt diese Haltung aus: "L'armée du Rhin".

Die Nation schien also einig in der Erwartung, die französische Armee werde in einer raschen Offensive über die französische Landesgrenze hinweg den Oberrhein überschreiten, die süddeutschen Staaten entweder zu Bündnispartnern gewinnen oder niederwerfen, um schließlich den Hauptgegner Preußen anzugreifen und ein für allemal in die Schranken zu verweisen. Von dieser Siegesgewißheit erzählt auch Alphonse Daudet in seinen "Contes du lundi". Plötzlich brach in Paris ein Sturm los auf die teuren Luxuswohnungen an den Champs-Élysées und am Arc de Triomphe. Wer genügend Vermögen besaß, reservierte sich einen Logenplatz für die baldigst erwartete Siegesparade der französischen Streitkräfte.

Die Einwohner von Fröschweiler hatten inzwischen andere Probleme: Ihr Dorf glich "einem tosenden Heerlager", die sehnlichst erwartete französische Offensive kam aber nicht zustande. Statt dessen gab es Krieg an einer anderen Front:

Und der Morgen kam, und die Sonne stand am hohen Himmel, und 6000 Menschen lagerten, hungerten, marodierten da herum und sollten ihr Blut vergießen, und der Hunger glitzerte ihnen zu den Augen heraus . . . O Napolium, wo warst du? Wo waret ihr Marschälle, Senatoren, Generäle, Intendanten und alle ihr goldverbrämten Possenreißer, die ihr in heillosem Spielerwahnsinn diesen Krieg vom Zaun gebrochen . . .? Ihr waret nicht da! So die Chronik.

Seit ihrer Einquartierung warten die französischen Soldaten auf Verpflegung, sind sie auf Spenden aus der Bevölkerung angewiesen. Der Sommer ist ungewöhnlich heiß, die Ernte droht mager auszufallen. Schon plündern die eigenen Soldaten aus Not unreifes Obst, die Gemüsegärten, die Kartoffeläcker. Noch am Vorabend der Schlacht wird Mac-Mahon um Lebensmittel telegraphieren! Doppelte Rationen waren versprochen, viele französische Soldaten aber werden ausgehungert kämpfen, sterben . . .

"A La Gloire des Généraux, Officiers, Sous Officiers Et Soldats . . . Morts Pour La France", steht auf dem französischen Armeedenkmal. Einzig Klein bewahrt die Erinnerung an die unwürdigen Tage von Fröschweiler, an die Leiden der Zivilbevölkerung, deren kein Monument gedenkt.

Pariser Wahnvorstellungen

"Spielerwahnsinn" - Kleins Anklage zielt auf eine Äußerung des Kriegsministers LeBoeuf. Dieser hatte öffentlich erklärt, Frankreich sei archiprêt, erzbereit. Selbst wenn der Krieg zwei Jahre dauern würde, nicht einmal ein Gamaschenknopf an der Ausrüstung werde fehlen.

Und nun fehlte es an Lebensmitteln, aber auch an Transportkapazitäten, um die geplante Zahl von 200 000 Soldaten in das Elsaß vorzuführen. Zwar hörte man in Fröschweiler Tag und Nacht Eisenbahnverkehr von dem nahe gelegenen Reichshofen herüber, dennoch: Die "Bataille de Froeschwiller" wird Mac-Mahon mit nur 39 000 Infanteristen und 5000 Mann Kavallerie bestreiten müssen. Weitere 150 000 Mann sind noch auf dem Fußmarsch Richtung Fröschweiler. Marodierende Soldaten sind eine schwere Plage, aber lähmendes Entsetzen überfällt die Dorfbewohner, als sie begreifen, daß man den Feind nunmehr im eigenen Land erwartet!

Bei allem Schrecken entging den Einheimischen nicht die Orientierungslosigkeit der führenden Offiziere. Kein Wunder, verfügten diese doch über keinerlei Kartenmaterial. Da die Offensive ja jenseits der Grenze vorgesehen war, hatte man sich nicht mit Karten der eigenen Territorien versehen.

Aber die Dorfbewohner wußten nur allzu gut, daß Fröschweiler schon einmal strategischer Verteidigungspunkt war, 1793, im Kampf der französischen Truppen gegen die Verbände der preußisch-österreichischen Interventionsarmee. Seitdem war die Lage Fröschweilers als schwer einnehmbare strategische Höhe bekannt. Und so könnte es wieder kommen, befürchten die meisten. Den Vorteil dieser Position hat Klein glänzend beschrieben:

Das Dorf Fröschweiler sitzt da oben . . . wie eine quadratförmige Burg. Unsere Hochfläche überragt durchgängig die gegenüberliegenden Anhöhen, bildet aber eine ununterbrochene Reihe von Hügeln und Niederungen, welche für Truppenbewegungen nicht günstiger sein könnte . . . Aber besonders gegen das Sauertal hinab war die Verteidigungsfront ein wirklich furchtbares Bollwerk. Denn vom nördlichen Ende unseres Dorfes, im Halbkreise bis zum Niederwald hinunter, bilden unsere Bergvorsprünge eine Reihe von natürlichen, steilen Festungen, die das ganze Sauertal und die gegenüber aufsteigenden Hügel beherrschen; und diese kegelförmigen Vorsprünge sind durchweg mit Reben, Obstbäumen so bedeckt, und die zwischen einmündenden Tälchen so mit Hopfenanlagen verrammelt, daß ein Heran- und Heraufdringen des Feindes als unmöglich erscheinen sollte.

Ein Schlachtfeld, 70 Denkmäler

Auch heute präsentiert sich das beschriebene Gelände ähnlich, nur den Hopfen wird man vergeblich suchen. Die Veränderungen liegen in der sozialen Struktur, weniger in der Bodennutzung: In Fröschweiler gibt es nur noch zwei Vollbauern. Auf ihren Ländereien erstreckt sich das champ de bataille: In einem Umkreis von nur fünf Kilometern, inmitten von Wiesen, Wäldern, Äckern oder Gärten, stößt man auf über siebzig deutsche und französische Monumente. Ihre Inschriften lesen sich wie ein "Who's who" aller beteiligten Truppen.

Bei den Franzosen sticht vor allem der hohe Anteil an Turkos und Zuaven hervor. Etwa die Hälfte der französischen Streitkräfte bestand aus Soldaten nordafrikanischer Herkunft. Die Turkos waren "Eingeborene" aus Algerien, die Zuaven gemischte Kolonialtruppen. Beide wurden sie von französischen Offizieren geführt. Da diese Einheiten auf deutscher Seite besonders gefürchtet waren, suchte man die Gefahr schon vor Ausbruch der Kampfhandlungen symbolisch durch Schmähgedichte zu bannen. Beispielsweise in den Gazetten der Pfalz:

"Den Turkos und den Zuaven,

mit ihrem wilden Schrei'n,

Hauen unsre Braven

Die dicken Schädel ein."

Die deutschen Monumente sind zugleich ein fast vollständiges Verzeichnis der ehemaligen Kleinstaaterei, deren Ende hier auf dem Schlachtfeld mit eingeleitet wurde. Man liest: Ostpreußen, Westpreußen, Niederschlesien, Schlesien, Posen, Westfalen, Thüringen, Kurhessen, Hessen, Nassau, Württemberg, Baden, Bayern. Sie alle reklamieren mit teils kolossalen Denkmälern ihren Anteil am siegreichen Verlauf der Schlacht, an der Unterwerfung Frankreichs, am nationalen Einigungswerk.

Eine Demonstration nach innen wie nach außen. Bismarck hatte in seiner Reichstagsrede vom 2. Mai 1871 die "Abneigung der Bewohner selbst, von Frankreich getrennt zu werden" zugestanden. Die riesigen Monumente untermauerten auf ihre Weise den deutschen Anspruch auf Elsaß-Lothringen und seine "urdeutsche Bevölkerung" mit ihrem Verweis auf die hohen Menschenverluste. Zugleich waren ihre Embleme und Inschriften genügend martialisch, den "Bewohnern" und Frankreich unzweideutig zu signalisieren, niemals werde das Reich seine Beute wieder herausgeben.

"Beutedeutscher", ein Terminus, der sich bis in unsere Tage gehalten hat, aufgefrischt durch die Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg. Bis heute sind die Elsässer der Meinung: "Mit dem Elsaß wurden die Kriege bezahlt, uns hat man nie gefragt." Obwohl seit einem halben Jahrhundert Frieden herrscht, ist die Geschichte der Großväter nicht vergessen. Wer 1945, als das Elsaß wieder an Frankreich fiel, achtzig Jahre alt war, hatte in seiner Lebenszeit fünfmal die Nationalität gewechselt, ohne jemals seinen Heimatort verlassen zu haben.

"Eine Fehlentscheidung von großer Tragweite", die Annexion von Elsaß-Lothringen (Lothar Gall), Anfang vom Ende des Kaiserreiches, auch dafür stehen Fröschweiler und Woerth heute. Schon damals gab es die einfachen Gedenksteine, Grabkreuze in Gärten, Äckern, Waldstücken und Wiesen. "Ruhe sanft, du gutes Kind!" kann man auf ihnen lesen, "Die trauernden Witwen" oder "Hier ruht in Gott unser einziges Kind". Kein Heldentum wurde da beschworen, sondern ein unersetzbarer Verlust beklagt. Sie kommen der Wahrheit jenes 6. August 1870 näher.

Graf Zeppelin kommt!

"Vive la France, a bas les Prussiens!" tönte es aus den Lagern der Soldaten, als am 25. Juli plötzlich Alarm gegeben wurde: "Die Preußen kommen! Krieg! Krieg!"

Es waren keineswegs Preußen, die man nahe bei Fröschweiler gesichtet hatte, sondern die Fernpatrouille des württembergischen Hauptmanns Zeppelin (ja, des nämlichen!). Sein bewaffneter Spähtrupp bestand aus wenigen badischen Offizieren und Dragonern. Sein Auftrag: die Erkundung von Position und Absichten der französischen Truppen. Ein abenteuerliches Unternehmen (ein "Husarenstück"), das für die meisten Badener in der Gefangenschaft endete.

Französische Jäger überraschten die Patrouille, als sie gerade in Schirlenhof, einem nahe gelegenen Weiler, zu Mittag essen wollte: Pellkartoffeln, Sauermilch und Eier. "Un combat très vif s'engagea . . .", protokolliert das Kriegstagebuch des 12. Regiment Chasseurs a cheval. Ein Franzose und ein badischer Offizier, Leutnant Winsloe, fallen sofort.

Einzig Zeppelin gelingt die Flucht. Auf Umwegen schafft er die Rückkehr zu seinen Auftraggebern. Seine Erkundungen sind wichtiger Anhaltspunkt für die spätere Offensive der deutschen Armee. Alle anderen aus seinem Spähtrupp werden schließlich aufgespürt und im Triumphzug durch die Dörfer nach Bad Niederbronn geführt.

Ein kurzes Zwischenspiel, das von der Misere in Fröschweiler ablenkte. Ironisch notiert Klein die pompösen Siegesfeiern in Paris: Extrablätter zur "Bataille de Schirlenhof", Illuminationen in den Straßen . . .

In Begleitung seines Amtskollegen Simon wohnt Klein der Beerdigung Winsloes in Niederbronn bei. Französische Offiziere tragen den badischen Leutnant zu Grabe, Ehrensalut für den ersten gefallenen deutschen Armeeangehörigen im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71.

Die Einwohner der umliegenden Orte können noch heute vom Zeppelinritt erzählen, er ist zu einer Legende geworden. Vor allem heben sie den Ehrensalut über dem offenen Grab des Feindes hervor: "Faire la bonne guerre", erklären sie, "das waren noch ehrenhafte, ritterliche Kämpfe der beiden Nationen." Sie loben diesen Krieg mit Blick auf die nächsten. Im Vergleich zum Ersten Weltkrieg, in dem Gas und Tanks eingesetzt wurden, und zum Zweiten, der ganz Europa in eine Barbarei ohnegleichen stieß, sei der von 1870 noch ein Krieg mit menschlichem Maß und moralischen Maßstäben gewesen. Sind nicht die Denkmäler und die Tatsache, daß sie bis in die heutige Zeit überdauert haben, der beste Beweis für den relativen Anstand beider Seiten?

"Faire la bonne guerre", trifft das wirklich zu auf den 6. August 1870?

"Hundstage"

Von französischer Seite keinerlei Rekognoszierungen. Auch über die Absichten des deutschen Generalstabs herrschte in französischen Führungsstäben tiefste Unkenntnis. Vielleicht lähmte auch die große Hitze die Gedanken und den Tatendurst?

Bei der Kriegserklärung war man von der Annahme ausgegangen, die deutschen Streitkräfte würden in der Defensive verharren und die Franzosen in stark befestigten Stellungen erwarten. Moltkes Feldzugsplan hingegen setzte darauf, daß es gelingen könnte, aufgrund besser ausgebauter Eisenbahnverbindungen und strafferer Organisation, früher als die Franzosen aufzumarschieren. Damit wäre es den drei deutschen Armeen - erstmals unter einem gemeinsamen Oberbefehl, Preußens König Wilhem I. - möglich, selbst die Initiative zu ergreifen. Eine Offensive, noch ehe die Franzosen vollständig versammelt wären. Am 3. August erhielt die 3. Armee - unter dem Oberkommando des Kronprinzen Friedrich Wilhelm - vom Großen Hauptquartier den Befehl, am nächsten Morgen die Grenze zu überschreiten und die französischen Kräfte unter Mac-Mahon in südliche Richtung zurückzuwerfen.

In Fröschweiler konnte man am 4. August den ganzen Vormittag Kanonendonner hören. Über 70 000 Infanteristen, unterstützt von 4245 Mann Kavallerie und 222 Geschützen waren auf Wissembourg vorgerückt. Die Hiobsbotschaft erreichte die Fröschweiler in Windeseile: "Die Franzosen haben's verloren, Weissenburg brennt, General Douay ist gefallen, der Feind ist im Land!" Wissembourg mußte von den zahlenmäßig schwachen französischen Kräften gegen 14 Uhr aufgegeben werden.

Überraschend für die Elsässer - zur Überraschung aber auch für spätere Militärhistoriker - waren die überlegenen deutschen Kräfte der flüchtenden Division nicht gefolgt. Statt dessen hatte der Kronprinz seine Truppe zum ersten Sieg - wenn auch mit hohen eigenen Verlusten erkauft - beglückwünscht, und man ging "Das Ganze Halt!" um 14.30 Uhr zum Biwak über. "Wie im Manöver!" kritisieren spätere Analytiker, ja stellen Wert und Notwendigkeit dieses Gefechts für die deutsche Seite überhaupt in Frage. Kein militärisches Genie führte hier das Oberkommando, auch wenn des Kronprinzen Führungskraft später mehr und mehr verherrlicht wurde. Dem Gegner aber bescheinigten deutsche Kombattanten: "Sie haben sich so brav geschlagen, wie nur jemals in der glänzendsten Zeit ihrer an Ruhmestaten so überaus reichen Kriegsgeschichte."

Mit dem Befehl zum Biwakieren war jeder Kontakt zu den französischen Streitkräften abgerissen, man wußte nicht einmal, wohin diese sich zurückgezogen hatten. Folgerichtig lautete der Befehl für den nächsten Tag: "Die Armee wird Morgen ihren Marsch nach Straßburg fortsetzen!"

Keinerlei Vorstellung gab es bei den Deutschen davon, daß Marschall Mac-Mahon seine Stellung um Fröschweiler bezogen hatte. Beide Seiten tappten im dunkeln, waren von planmäßiger militärischer Aktion gleich weit entfernt. In Fröschweiler war das Erscheinen des Marschalls, des mehrfach ausgezeichneten Kriegshelden, mit Erleichterung aufgenommen worden: Kam doch nun Disziplin in die umherstreifenden Einheiten, war endlich Schluß mit den geschilderten Übergriffen. Allerdings: Lebensmittel hatte der Marschall keine mitgebracht oder besser: nur für sich.

Vor dem Schloßhof auf der Straße stand ein außergewöhnlich großer geschlossener Wagen. Darauf stand geschrieben: "Cuisine du Maréchal", . . . darin hausten allerlei lebendige Mundvorräte: Welschhühner, Fasane und sonstige edle Bissen in Menge. Diese Cuisine du Maréchal machte auf die Offiziere und Soldaten und auf uns alle einen seltsamen, peinlichen Eindruck, denn der Mangel an Lebensmitteln war infolge der zahlreichen Truppenansammlungen aufs höchste gestiegen. Es war nicht bloß eine angstvolle, peinliche, sondern in der Tat eine desparate, empörende Situation. Eine Armee, die jeden Augenblick den Kanonengruß des Feindes zu gewärtigen, und nichts zu essen hat! Ein Getümmel, ein Murren und Verwünschen zum Vergehen!

Der deutsche Vormarsch "Richtung Straßburg", nach dreißig Kilometer Fußmarsch unter glühender Sonne kam er zum Stehen. Kavallerie hatte am Nachmittag starke französische Verbände westlich Woerths gemeldet, bei Fröschweiler also. Sofort erging der Befehl, die deutschen Kräfte um Woerth zusammenzuziehen und einen Angriff für den 7. August vorzubereiten. Der 6. sollte vor allem Ruhetag sein, Kräftesammeln nach den Strapazen der Vortage. Auch Mac-Mahon beabsichtigte keinen Kampf für den 6. August: er erwartete Truppenverstärkung und Lebensmittel.

Klein resümiert: "Man wollte ruhen, hüben und drüben; aber die Geschichte ruhet nicht - und noch vor Tagesgrauen sollte der Kanonendonner das düstere Signal geben, daß im höheren Regimente eine blutige Völkerschlacht beschlossen war."

"Bataille improvisée"

Die Ausgangslage beider Heere am Vorabend der Schlacht umreißt die Kriegsgeschichtliche Abteilung des Großen Generalstabes so: Die dem Marschall Mac-Mahon zur Verfügung stehende Truppenmacht war . . . vollkommen ausreichend zur Besetzung und nachhaltigen Verteidigung der gewählten Stellung; auch war diese letztere so außerordentlich stark, daß man sogar einem weit überlegenen Feinde gegenüber auf Erfolg rechnen konnte. Das Mißverhältnis der Zahl wurde durch eine ansehnliche Artillerie, durch das überlegene chassepotgewehr und durch die Vorteile des Terrains ausgeglichen. Die Wagschale konnte sich sogar zu Gunsten der französischen Waffen neigen . . .

Entgegen jeder Ruheabsicht und entgegen dem vom Kronprinzen mehrfach erteilten Befehl, "den Kampf nicht aufzunehmen und alles zu unterlassen, was einen neuen herbeiführen könnte", kam es am frühen Morgen des 6. August zur bataille improvisée.

"Es ist halb acht Uhr. Die Schlacht hat begonnen." Längst haben die Bewohner Fröschweilers in Kellern ihre Zuflucht gesucht. Vom Turm seiner Kirche aus, die jetzt als Lazarett fungieren soll, hat Klein mit dem französischen General Ducrot die Stellung beider Armeen überblickt: "Wir steigen gesenkten Hauptes hinab. Niemand spricht ein Wort."

Die Kämpfe entwickelten sich aus "Neckereien" und vereinzelten "Vorpostenplänkeleien" (Großer Generalstab) "von unten nach oben", griffen über auf Bataillone, Regimenter, Brigaden und Divisionen, bis zuletzt schließlich beide Armeen gegeneinander antraten: 65 000 deutsche gegen 43 000 französische Soldaten.

Bis zum Mittag fehlte bei den Deutschen jegliche Koordination durch das viel zu weit hinten liegende Armeeoberkommando. Die drei Armeekorps, rechts das bayerische, in der Mitte das preußische, links die hessisch-thüringisch-württembergischen Verbände, operierten bei unklarer Befehlslage mehr oder weniger verlustreich auf eigene Faust.

Als schließlich gegen 13 Uhr mittags der Kronprinz mit seinem Stab auf dem Schlachtfeld erschien, waren die Kämpfe schon so weit gediehen, daß ein Abbrechen unmöglich erschien. Außerdem fürchtete man, die Franzosen durch einen moralischen Sieg unnötig zu stärken. Also suchten sie die Entscheidung. Fröschweiler sollte in konzentrischem Angriff der drei Flügel erstürmt werden. Auch jetzt kommt es zu keinen militärischen Geniestreichen. Heldentum und Tapferkeit sind bei der beschriebenen Ausgangslage und der gegebenen Entwicklung bitter nötig:

Zunächst mußte der Sauerfluß überwunden werden. Äußerst schwierig bei zerstörten Brücken und dem Versäumnis der Pionierabteilungen, für Ersatzbrücken zu sorgen. Viele fanden schon hier den "Heldentod": sie ertranken. Danach galt es, ein offenes Feld zu überqueren, im Kugelhagel der französischen Chassepotgewehre. (Mit 1200 Meter Reichweite übertrafen sie das deutsche Zündnadelgewehr fast um das Doppelte.) Einziger, aber schließlich gefechtsentscheidender Vorteil für die Deutschen: ihre moderne Artillerie - Hinterlader, mit 3800 Meter Reichweite doppelt soweit tragend wie die französischen Vorderlader.

Auf französischer Seite taten sich besonders die gefürchteten Turko- und Zuavenverbände durch Mut und Kaltblütigkeit hervor. Ein Augenzeuge:

Die französische Linie nahte sich wie eine wandelnde Pulverwolke unaufhaltsam dem Wege Elsaßhausen-Gundershofen, welcher von einer Deutschen, aus Soldaten verschiedenster Truppentheile gemischten Schützenlinie besetzt war. Dieselben wurden überrannt, und alle Bemühungen, die Weichenden am Rande eines kleinen Gehölzes bei Elsaßhausen zum Stehen zu bringen, waren vergeblich. Dies gelang erst . . . mit Hülfe einer geschlossen eintreffenden Kompagnie und einer Batterie, die auf kürzeste Entfernung in die Turkos hineinfeuerte.

Kommt die Kavallerie bei den deutschen Verbänden kaum zum Einsatz, so schickt Mac-Mahon zweimal den "Stolz der Nation", die Kürassiere, gegen die andringenden Deutschen. Beide Male enden die Offensiven in einem Fiasko. "Todesritt" hat man diese Attacken getauft. Das Gelände war vollkommen ungeeignet für einen Kavallerieangriff: Gräben, Weingärten, Hopfenpflanzungen, abgehauene Bäume . . . Die erste Charge (1100 Reiter) verliert binnen kurzem 720 Reiter, nur wenige entkommen. Die zweite Attacke, kurz vor der Einnahme Fröschweilers, verlief nicht weniger dramatisch, auch sie auf ungeeignetem Gelände vorgetragen. Aber es galt, Zeit für den französischen Rückzug zu gewinnen. Der Auftrag wurde erfüllt . . . Gefechtsentscheidend auch in diesem Fall der Einsatz der Artillerie, die nun auch "mitten im Feind abprotzte". (8626 abgegebene Schuß werden sie melden.) Gegen 17 Uhr schließlich dringen die ersten deutschen Verbände in Fröschweiler ein, wobei es noch zu heftigem Häuserkampf kommt. Schließlich Rückzug der Franzosen über Reichshofen, Niederbronn nach Zabern.

Fröschweiler Totentanz

Fröschweiler war erobert. Bayerische Truppen hatten es zuerst besetzt. Natürlich wird geplündert. Zuallererst stürmen sie die Keller. Die Hitze des Tages, die Anstrengungen des Gefechts, die überstandene Todesgefahr hatten die Soldaten halb wahnsinnig werden lassen vor Durst. Nun prügelt man sich um Trinkbares. Fässer werden erbrochen, die eingeschüchterten Bewohner wieder und wieder gezwungen, vorzukosten. Hatte man schließlich Kugelhagel, Granaten, Bajonettkämpfe überstanden, wollte man nun nicht - "zuguterletzt" - vergiftet werden!

"Gefährlich ist's den Leu zu wecken,

Verderblich ist das Tigertier;

Allein der Schrecklichste der Schrecken

Ist doch der Bayer - ohne Bier!"

Noch heute können manche in Froeschwiller diesen Vierzeiler zitieren.

Außerdem erfahren die schockierten Fröschweiler Bürger nun, daß "dem feindlichen Lande grundsätzlich die Ernährung der Armee zur Last fällt". Der Armeebefehl dieses Tages, gezeichnet vom Kronprinzen, bestimmt folgende "Verpflegungsbedürfnisse pro Kopf: Ein Pfund Fleisch, 1/3 Pfund Reis, 2 1/2 Loth Kaffé, 1 1/2 Pfund Brodt oder ein Pfund Zwieback, 1 1/2 Loth Salz nach Zollgewicht. Außerdem können auf Befehl der kommandierenden Offiziere verabreicht werden täglich: ein Quart Bier oder ein halber Quart Wein oder 1/12 Quart Branntwein, 3 Loth Tabak oder 6 Zigarren. Alle Verpflegungsbedürfnisse werden im Requisitionswege beschafft . . ."

Am anderen Tag, es ist ein Sonntag, trauen sich die ersten, einen Blick in die Umgebung zu werfen: Verwüstung und Zerstörung ringsumher. Schlimmer aber sind die Schreie der verwundeten und verstümmelten Soldaten, die noch immer unversorgt liegen, inmitten von Toten, deren Taschen schon vielfach nach außen gestülpt sind. (Ein Werk der berüchtigten "Hyänen des Schlachtfelds". Sie folgen dem Heer, berauben die Toten, sammeln wertvolles Kriegsmaterial - eine regelrechte "Industrie".) Furchtbar auch der Anblick der getöteten Pferde - ihre Leiber sind schon aufgetrieben. Zu allen Schrecken gesellt sich nun noch akute Seuchengefahr. Wegen der sengenden Hitze gilt es, rasch zu handeln.

Wenn doch Menschenblut vergossen werden muß, klagt Klein, warum hat nicht jedes kriegführende Heer eine Truppenabteilung, welche die Bestattung der Toten besorgt? Sind die Gefallenen nicht mehr so viel wert, daß man sie sammle und liebe- und ehrenvoll begrabe, ehe die Verwesung ihre Leiber noch entsetzlicher entstellt? Oder ist des Jammers der Einwohner nicht genug, daß sie auch noch diesen auf sich nehmen sollen?

Zehn Tage lang werden Männer, Frauen, Kinder gezwungen sein, die Abertausende Toten zu sammeln und zu begraben. Doch zunächst geht es an die Beseitigung der Pferdekadaver: Was wir da sehen, riechen, verschlucken müssen! du mein Gott! es dauern einen nur die Weiber und Mädchen; der Ekel wird sie noch umbringen . . .

Die wenigen Zugtiere, die den Einwohnern noch verblieben sind (die meisten wurden als Schlachtvieh requiriert), verweigern den Dienst. Zu stark liegt der Verwesungsgeruch in der Luft. Kläglich scheitern auch die Versuche, Scheiterhaufen zu errichten und die Tiere zu verbrennen. So viel Holz ist nicht verfügbar, und wie soll man die Tiere auf die Feuerstätten schaffen? Also müssen an Ort und Stelle mit primitiven Werkzeug Gruben ausgehoben und die stinkenden Kadaver hineingeschleift werden. In Gruppen - inzwischen hat man Unterstützung von Bewohnern der Nachbarorte - streift man über das Schlachtfeld und sammelt Leichname. Je nach Intensität des Gefechts liegen sie dichter oder vereinzelt. "Ein kleineres oder größeres Grab wird, unter unsäglichen Mühen, ausgeworfen und die starren, entstellten Schlachtopfer . . . in die Tiefe gesenkt": Franzosen und Deutsche, Mannschaften und Offiziere, Katholiken, Protestanten, Muslime und Juden. Am Ende werden es 825 Gräber sein, Sammelgräber zumeist.

Nach Monaten noch findet man in irgendwelchen versteckten Winkeln Gerippe von Toten, deren Leichname man nicht gefunden hatte.

Elsässische Erinnerungen

"Es schaudert einen heute noch, wenn man durch diese Gefilde wandelt!" Als Klein 1876 diese Sätze schreibt, ist Fröschweiler fast wieder aufgebaut. "Schöner als vorher!" hört man aus mancher Nachbargemeinde, die neidisch auf die reichliche Zuwendung von Kriegsentschädigungsgeldern schielt.

Heute sagt ein ehemaliger Bürgermeister von Woerth: "Unsere Orte waren Schaufenster. Sie sollten Propaganda machen für das - ungeliebte - Reich!"

Klein, der evangelische Pastor, empfängt 1876 in seiner neuerbauten "Friedenskirche" Kaiser Wilhelm I., seinen obersten Kirchenherren, und dessen illustres Gefolge. Über 160 000 Franken waren im gesamten Reich für den Kirchenbau gesammelt worden, 30 000 davon eine Zuwendung aus dem Hause Hohenzollern. Ist es ein Wunder, wenn in Frankreich schon bald beargwöhnt wurde, die "Bataille de Froeschwiller" sei durch den Verrat der protestantischen Minderheit im Elsaß verlorengegangen? Alte Glaubensgegensätze flammen erneut auf, geschürt auch durch Bismarcks "Kulturkampf".

Klein folgt 1882 dem Ruf als Hauptprediger nach Nördlingen/Ries. Doch schon kurz darauf fällt er in "die Nacht unheilbarer Gemütskrankheit", wie ein Nachruf formulierte, aus der er bis zu seinem Tode im Jahre 1898 nicht mehr erwachen wird: Spätfolgen der Schreckenstage von Fröschweiler?

Sein Name ist den Bewohnern des Sauertals bis heute geläufig. Und seine "Fröschweiler Chronik" wird nicht nur gerühmt, sie hat auch Schule gemacht. Mittlerweile ist die vierte oder fünfte Generation von Lokalhistorikern herangewachsen, die sich mit Fleiß und Feuereifer um die Überlieferung des historischen Geschehens kümmert. Ein Volksschullehrer nutzt die Schlacht als Argument, um gegen die zentralistischen Lehrpläne aus Paris die elsässische Heimatkunde zu verteidigen. Ein geschichtsbegeisterter Frührentner führt deutsche Touristen durch die Froeschwiller Kirche und klärt sie über die deutsche Politik im Elsaß auf. Ein Bauer, dessen Pflug alljährlich Munition von 1870 zutage fördert, baut für seine Zufallsfunde ein kleines Museum. Ein Bäcker backt jeden Sonnabend das "Brot von 1870" . . .

Es ist erstaunlich, wie sehr eine so lange zurückliegende Geschichte noch in den Köpfen spukt. In vielen Familien werden Geschichten von damals mündlich weitererzählt. Die Kinder kennen die Anekdote von der Ururgroßtante, die das Eingemachte so genial versteckte, daß die plündernden Preußen es nicht fanden. Oder vom mutigen Ururgroßvater, der sich das Bein brach, als er Mac-Mahon Nachricht geben wollte von den Truppenbewegungen des Feindes. Noch heute wissen die Frauen, die in der Sauer ihre Wäsche waschen, daß der Fluß damals rot war vom Blut. Die Omnipräsenz der Denkmäler fordert die jeweils neue Generation zu Fragen heraus. Auch der Geschäftssinn nährt die Erinnerung, nach wie vor ist das Schlachtfeld eine Attraktion für Touristen. Und die desolate ökonomische Lage der Region - vernachlässigt von Paris, zwei Drittel aller Erwerbstätigen arbeiten in Deutschland - drängt Fragen der Identität in die Vergangenheit ab.

Die "Bataille", könnte man sagen, ist heute Teil des Heimatgefühls. Ihr Schrecken trägt heimelige Züge, und für die Heutigen, von ständiger Veränderung Geängstigten, hat sie fast etwas Beruhigendes. 125 Jahre lang haben die Hiesigen ihre Erfahrung und Überlieferung gegen die wechselnden nationalen Interpretationen der Schlacht behauptet - gegen die Militärgeschichtsschreiber der Deutschen und Franzosen und gegen die Obelisken, Adler und Löwen. Inzwischen haben sich die Elsässer an den scheelen Blick gewöhnt, mit dem die bronzenen und steinernen Heroen ihre Umgebung beäugen. Sie gehören zum vertrauten Bild der Landschaft, sind fast schon Einheimische geworden. Auf ihre alten Tage verkörpern sie: die Tragik des Elsaß.

Wenn sonntags die Glocken der evangelischen Kirchen von Froeschwiller und Woerth über dem Land erklingen, schwingt immer noch der Krieg mit. Die Glocken von Froeschwiller sind, unter Pfarrer Kleins Ägide, aus erbeuteten französischen Kanonen von 1870 gegossen. Die von Woerth verdanken ihre Existenz einem Denkmalssturz. Als 1919 das Monument des Kaisers Friedrich vom Sockel mußte, wurde seine Majestät zu Friedenszwecken konvertiert. Aus der Bronze wurden "Maria, Magdalena und Concordia". Wenn sie zu schlagen beginnen, witzelt man in Woerth noch heute: "Er klingt nicht gut. Man kann aus einem deutschen Kaiser eben keinen Wohlklang erzeugen."