Ein Boxduell ist nie komplizierter als das Dasein selbst. Das macht die Sache so einfach. Jeder Fight, den der Lichtkegel aus dem Dunkel einer johlenden Arena schneidet, komprimiert die Rigorosität des Lebenskampfes: austeilen, einstecken, über die Runden kommen. Daß dieses Spektakel keineswegs nur von dumpfen Archaikern beherrscht wird, hat uns niemand emphatischer eingebleut als Cassius Clay, der sich später Muhammad Ali oder schlicht: "The Greatest" nannte.

Nur fünf Niederlagen in 61 Profikämpfen, dreimaliger Champion aller Klassen und damit der erfolgreichste Faustfechter aller Zeiten, das erklärt die Popularität eines Punchers - seine universale Faszination aber, die uns nachts um vier vor den Fernseher lockte, um den Kämpfen des Jahrhunderts beizuwohnen, erklärt das nicht. Und so ganz kann auch der Philologe Jan Philipp Reemtsma sie sich nicht erklären; sein Versuch indes, den Ursachen des Faszinosums nachzuspüren, fesselt über die volle Distanz.

Die Kunstform für derlei Versuche verlangt den subjektiven Blick und das sprunghaft-assoziative Spiel mit seinem Gegenstand, keine erschöpfende Analyse, sondern den erhellenden Geistesblitz. Trotz einiger Treffunsicherheiten im sprachlichen Ausdruck blitzen die Gedanken des Ali-Forschers hell und schön, und da sein Formbewußtsein die Axiome meidet, gelingt ihm der Essay comme il faut. Mit seiner Versuchsanordnung aus der Boxreportage, Lebensbeschreibung und Wirkungsgeschichte berührt Reemtsma die Arbeitsreviere der Anthropologie, dabei stets die scheinbar banale Frage im Sinn: Was trieb die Massen an die Seile, wenn das Großmaul boxte?

Wer das bestaunte und verehrte, als Symbolfigur des schwarzen Amerika gleichermaßen gefeierte wie verhaßte Phänomen "Muhammad Ali" verstehen will, der muß, so insistiert der Autor, "den Stil des Boxers" untersuchen; denn nur weil Ali ein großer Faustkämpfer war, "war er auch manches mehr". Mithin rekapituliert Reemtsma Boxgeschichte: im Anfang der elegante Clay, der seine Kämpfe choreographierte, schnell, leichtfüßig um den Gegner herumtanzte, um ihn mit rasanten Kombinationen knockout zu schlagen (Sonny Liston und viele andere mehr). Als der Champ, mittlerweile überzeugter Black Muslim, den Kriegsdienst in Vietnam verweigert, verliert er Boxlizenz und Meistertitel. Nach dreijähriger Sperre boxt ein anderer Ali. Er hat seine Schnelligkeit eingebüßt, sein Kampfstil ist passiver, seine Schlagkraft vehementer geworden. Zudem zeigt er jetzt erstaunliche "Nehmerqualitäten". Nach wie vor gehören die Pose, die clownesken Späße, das Lächeln zu seiner Faustschrift, die "Psychologie des Körpers", wie Norman Mailer Alis bizarre Verwirrungstaktik genannt hat. Mit seinem Charisma konnte das Boxgenie die Rivalen lächerlich machen, oft sogar die Runde ankündigen, in der er sie auf den Mond schicken wollte.

Evident aber bleibt der Stilwechsel vom jungen, "klassischen" Clay zu einem Ali mit Stehvermögen, Mut und grandiosem Punch. (Exemplarisch hierfür: sein K.o.-Sieg über George Foreman in Kinshasa.) Reemtsma entdeckt noch einen dritten Stil, nämlich die "bewußte Ironisierung" der ersten, der klassischen Variante - womit Ali in die Postmoderne tänzelt. Weil er das Geschehen im Ring nicht mehr dominiert, simuliert er die eigene Legende: Was Presse, Publikum und Kontrahenten für das Comeback des "alten Clay" hielten, war das verzweifelte Spiel eines Körperkünstlers, der mangels Kraftreserven die "Selbstparodie inszenierte".

Wer über zwei Jahrzehnte "drei ganz verschiedene Stile" entwickelt, zeigt sich als höchst wandlungsfähiger Charakter, als ein boxendes enfant flexible. Für Reemtsma sind es diese Identitätswechsel, die "Proteushaftigkeit" des Boxers, die seine weltweite Anziehungskraft begründeten. Denn in seiner multiplen Persönlichkeit, darauf läuft die "anthropologische Spekulation" hinaus, faszinierte Ali als das "Urbild" eines homo novus, der sich in Umrissen derzeit nur andeutet, "dem aber wahrscheinlich die Zukunft gehört": Es ist der entindividualisierte Mensch schlechthin, ein technomorphes Wesen ohne Kern, das mit verschiedenen Ichs sich den komplexen Forderungen eines postindustriellen Funktionsorganismus anpaßt. Einerseits.

Andererseits war Ali "der Größte", jedenfalls größenwahnsinnig genug, um zugleich das von ihm typisierte Massenwesen zu verachten. Das Fin de siècle hätte den Champ als Dandy gesehen. Derexzentrische Außenseiter der jüngsten Übergangsgesellschaft provoziert als megalomaner Medienstar. So beeindruckte das loudmouth die Welt und verstörte Amerika, das erst die allegorischen Kinolumpen einer fünfteiligen "Rocky"-Serie aufbieten mußte, um sein "nationales Trauma" zu bewältigen. Wie das amerikanische Establishment sich via Hollywwod mit dem schwarzen Boxidol versöhnt, analysiert der Autor glänzend.