Sagt die eine schöne Dame zur anderen, kurz vor sieben, vor dem Festspielhaus: "Hach, ich bin so gespannt, wie der Wernicke das macht!" Mit "das" ist der "Rosenkavalier" gemeint, die schöne Dame redet klug und wahr. Heutigentags "macht" nämlich der Regisseur das Stück, nicht etwa umgekehrt.

Heuer gibt es in Salzburg den neuen "Rosenkavalier" von Herbert Wernicke, nicht den von Strauss oder Hofmannsthal, und logischerweise dazu zwei dicke Programmbücher im Schuber: Das eine gilt dem Werk ("Die Autoren und ihre Oper"), das andere dem Event ("Zur Aufführung"). Zusammen macht das rund 250 Seiten, angefüllt mit wundervollen Zitaten, Aphorismen, Photos, exquisiten Reproduktionen berühmter Gemälde und zierlichen Gedichten auf feinstem Papier in Büttenqualität. Eine Pracht, eine Herrlichkeit. Im Triumphzug läßt Lorin Maazel die Wiener Philharmoniker durch das Vorspiel paradieren, dann wird der rosendurchwirkte Vorhang beiseite gerafft, und alles ist eitel Glück und ein gleißender Spiegel, bis hoch hinauf in den Schnürboden. Mehrfach spiegelt sich ringsum die Marschallin, ein kapitales Weib, welches das gewiß größte und karmesinröteste Bett hat, das es je in der Geschichte der Oper gab, auch zweifellos eine herrliche Stimme, nur das Orchester, das protzende, in den Auftakt platzende, ist ihr ein wenig über. Die Marschallin gibt ihrem Galan, der sich auf seinem Sessel herumflegelt, verliebte Antworten. Hören kann man die beiden (Cheryl Studer und Ann Murray) zwar kaum, macht aber nichts. Man sieht ja: Die Oper lebt, sie glänzt und blüht.

Die Oper als Gattung stirbt, behauptet Festspielchef Gérard Mortier, sie sei ein kulturelles Auslaufmodell. Tatsächlich beschränkt sich das gängige Repertoire auf etwa vierzig Opern älteren Datums; daß ein überlebensfähiges Werk uraufgeführt worden ist, mag schon mindestens ein Menschenalter her sein. War es Bergs "Lulu", Gershwins "Porgy & Bess", Brittens "Peter Grimes"?

Der "Rosenkavalier" wurde anno 1911 uraufgeführt, er ist der Klassiker der Moderne par excellence und gehört in Salzburg seit 66 Jahren zum Inventar. Herbert von Karajan hatte damit vor 35 Jahren das Große Festspielhaus eröffnet, jetzt firmiert die "Rosenkavalier"-Premiere als offizielle "Festoper zum 75jährigen Jubiläum der Festspiele", die Sponsoren haben sich auch nicht lumpen lassen. Ein Schuft, der nicht begreift: Kleinlich, billig oder allzu widerborstig durfte der Wernicke "das" unter diesen Umständen nicht machen. Er hat also einen "Rosenkavalier" der Superlative auf die Bühne gestemmt, in dem alle Klischees bedient und jede Erwartung überholt wird. Nicht nur ist das Bett der Marschallin das denkbar größte, auch die silberne Rose des Kavaliers länger als gewöhnlich. Die Sophie (Heidi Grant Murphy) winkt damit wie mit einem Zaunpfahl, allersüßeste, allerunschuldigste Sophie mit den allermeisten Petticoats unterm Rock und der breitesten Schärpe drumherum. Außerdem kann man hier den höflichsten und milchgesichtigsten Oktavian besichtigen und den krachledernsten Baron Ochs mit dem riesigsten Gamsbart am Hut. Bei Bedarf kommt nicht ein Arzt, ein Koch, sondern gleich ein Rudel Ärzte oder Köche auf die Bühne; es kommen nicht vier quäkende Kinder, sondern gleich zwei Dutzend, nicht drei Kammerdiener, sondern dreißig. Und nicht eine Diva läßt am Ende ihr Taschentuch fallen, sondern alle drei.

Mit diesen Figuren wird die weitläufige Bühne wie mit schönen Ornamenten garniert, in sauber-symmetrischer Ordnung. Wer singt, ist Mobiliar. Die Sänger stehen still wie die Puppen. Oft entfernt voneinander plaziert, agieren und singen sie ins Publikum, sie beziehen sich selten aufeinander, und wenn, dann in der klamottenhaften Gestik von vorvorgestern. Völlig abhanden gekommen aber ist jede walzerbeschwingte Doppelsinnigkeit, alles Schillernde des Stückes, jenes verführerische Zwielicht und die eigentümliche "Geselligkeit der Figuren untereinander", von der Textdichter Hugo von Hofmannsthal einst geschwärmt und erklärt hatte, daß durch sie erst die "Lebensluft" des Stückes entstehe.

Wernicke hat das Werk, in grober Fehleinschätzung seines Amüsiersolls, mit den besten Vorsätzen einfach kaputtgemacht, er zeigt nur noch die toten Puppenhüllen vor: Seht her, hier euer Traum vom "Rosenkavalier", lauter Pappfiguren. Falls das als subtile Parodie gemeint sein sollte, so kommt davon nichts über die Rampe. Man sieht nur: prangenden Kitsch auf der Bühne, falsche Zöpfe und ausgestopfte Waden. Man hört nur: den Protz im Graben. Lorin Maazel dirigiert routiniert und zackig, aber durchweg zu laut und zu grob. Bloß bei den bekannten Zitaten, bei dem Zeitmonolog der Marschallin beispielsweise, bei der Überreichung der Rose oder am Schluß, beim Terzett: Da nimmt er plötzlich Tempo und Lautstärke zurück, gibt den Sängern ein bißchen Raum und zelebriert sogar einmal einen einzelnen Ton. Hört her, eine schöne Stelle! Euer Wunschkonzert-"Rosenkavalier"! Dafür seid ihr ja überhaupt angereist!

Der zweite Grund, warum man in diesem Jahr zu den Salzburger Festspielen kommen muß, ist der "Figaro". Nicht Mozarts "Figaro", nicht Luc Bondys "Figaro", sondern Harnoncourts "Figaro", wie man so sagt. Das hat zunächst den Vorzug, das Nikolaus Harnoncourt weder Bühnenbildner noch Maler, Ausstatter oder Event-Künstler ist, sondern nur Musiker und Dirigent, ein redlicher Sachwalter der Werktreue, einer der Urväter der historischen Aufführungspraxis. Aber von Harnoncourt stammen auch so gescheite Sätze wie: "Buchstabentreue ist nicht Werktreue, die Frage nach dem Sinn muß vor der Exekution von Vorschriften stehen." Oder: "In unserem Jahrhundert hat sich unter den Schlagworten ,Werktreue` und ,Authentizität` eine besonders subtile Art von Verlogenheit etabliert. Man meinte, die Zeilen selbst seien alles, zwischen den Zeilen gebe es nichts als willkürliche Hinzufügungen eitler Interpreten. Je ,authentischer` man die Werke zu interpretieren behauptete, desto weiter entfernte man sich vom Eigentlichen, vom Sinn der Musik. Man glaubte das gereinigte Kunstwerk darzustellen und bot in Wahrheit einen ausgedörrten Leichnam."