Marion Gräfin Dönhoff und Arno Widmann: "Benetton-Werbung verbieten!", ZEIT Nr. 37

Nicht das Mitleiderregende bei der Benetton-Werbung ist verwerflich. Vielmehr die Skrupellosigkeit des Konzerns schürt meinen Zorn. Anders als Widmann unterstelle ich dem Konzern absolute Gleichgültigkeit gegenüber den Betroffenen. Erhöhung des Umsatzes ist ihr Interesse, der ölverklebte Vogel interessiert Benetton nicht wirklich. Wer mit Profitgedanken im Hinterkopf der trauernden Mutter eines erschossenen Jugoslawen die blutgetränkten Sachen vom Leibe kauft, um diese für Werbezwecke zu mißbrauchen, dem ist der Begriff "Moral" nicht bekannt. Benetton wollte mit dieser Art Werbung ins Gespräch kommen. Sie haben es geschafft. Sie haben es aber auch geschafft, daß ich meine Klamotten - jetzt - woanders kaufe.

Sönke Städtler, Hamburg

Ich kann beim besten Willen nicht die "klare Botschaft" der Plakate erkennen, die Widmann konstatiert (und die auch ich als moralisch erachte). Die Maxime der Gleichheit, der Appell zum Schutz der Minderheiten und der Umwelt lassen sich meiner Ansicht nach nicht aus den Plakaten entnehmen. Ich erblicke bloß eine unvermittelte Konfrontation des Betrachters mit schwerem Leid - in Verbindung mit einem Firmenlogo.

Dirk Lipski, Köln

Die Benetton-Diskussion ist lächerlich. Sittenwidrig ist die gesamte moderne Werbung, da sie immer manipuliert, zu einem gewissen Grad täuscht oder gar lügt und Sehnsüchte weckt, ohne diese zu erfüllen.

Heide John, München

Die Photos sind nicht Reportage aus Krisengebieten, sondern ästhetisch gestellt, abgeleckt, konfliktlos saniert, eindeutig, aalglatt, astrein, ohne Mitleid. Von Mitleid kann überhaupt nicht die Rede sein. Das ist der Stein des Anstoßes! Diese Werbung verletzt die Scham. Das kann man nicht verbieten. Es verbietet sich selbst. Man sehe nicht hin.

Maria Mischkowsky, Seester

Mir scheint unbegründet, daß die einen von der Werbung ausgenutzten Gefühle sittlich sind, die anderen aber nicht. Ich glaube sogar, daß durch das Benetton-Urteil ein positiver Trend gebremst wird, nämlich daß Firmen verstärkt versuchen, eine "Firmenphilosophie" aufzubauen. Würde Benetton mit ramboähnlichen Figuren für seine Hemden werben, so läge es im Rahmen des Üblichen und somit Tolerierten, wenn die Hemden in Fernost für Hungerlöhne produziert würden. Baut die Firma aber das Image auf, gegen Ausbeutung zu sein, so wird der Kunde sehr viel empfindlicher reagieren und das Produkt bei Verstoß nicht kaufen. Durch das BGH-Urteil wird jedoch gerade dieser positive Trend gehemmt, während mit heiler Natur für umweltverschmutzende Autos geworben werden darf, ohne das dieses als ein Verstoß gegen die guten Sitten gilt.

Jens Walter, Aachen

Gräfin Dönhoff und Arno Widmann übersehen, daß es in der Firma Benetton zu keiner Zeit moralische oder juristische Erwägungen über die Zulässigkeit dieser Art von Werbung gegeben hat. Daß die Firma Benetton nun vor Gericht gezogen wurde und sogar das Verfahren verlor, paßt nahtlos in ihre Werbestrategie, die sich einer häufigen und möglichst kostenlosen Erwähnung in den Medien erfreut und bedient. Wenn Gräfin Dönhoff alles wohl er- und abgewogen haben will und sich für das Pro (also das Contra) entschieden hat, spielt sie spiegelbildlich die gleiche Rolle wie Widmann, der tapfer für die antietatistische Position (also für das Contra und nicht das Pro) streitet. Beides nutzt Benetton. Die Logik der Werbung ist eine andere als die der Autoren, und ich befürchte, beide müssen sich noch einmal die Witze, die Herr Sokrates über die Aporie gerissen hat, zu Gemüte führen.

Thomas G. Weyher, Hanau

Laut Bundesgerichtshof ist es sitten- und wettbewerbswidrig, Gefühle in intensiver Weise für kommerzielle Zwecke auszunutzen. In der Werbewirtschaft müßte dieses Grundsatzurteil größte Besorgnis auslösen. Schließlich ist es das erklärte Ziel der Markenartikelwerber, systematisch möglichst intensive Gefühle zu erzeugen. Überraschenderweise hat der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) das BGH-Urteil begrüßt. Er mißt jedoch mit zweierlei Maß. Einerseits betont er, menschliches Elend dürfe nicht für Absatzinteressen ausgebeutet werden. Andererseits aber setzt er sich kompromißlos für die - besonders gefühlsbetonte - Zigaretten- und Alkoholwerbung ein. Es ist also verboten, mit Bildern menschlichen Elends für einen Pulloverhersteller zu werben. Aber es soll erlaubt sein, mit Bildern von fröhlichen und gesunden Jungmenschen zum Rauchen zu animieren und Produkte anzupreisen, die für millionenfaches menschliches Elend verantwortlich sind?

Dr. Ulrich Eicke, Lübeck