ZDF, Sonntag, 30. Juli:

"Herz aus Stein"

Fünf Personen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, kommen durch Zufall im Garten einer Berliner Villa zusammen. Da ist die alte, nach einem Schlaganfall gelähmte Dame des Hauses (Helga Göring): Sie verbringt ihre letzten Tage stumm im Rollstuhl, bei schönem Wetter im Park. Da ist ihr Sohn, ein vielbeschäftigter Herr mit Handy (Mathieu Carrière), der in München ein Theater leitet, aber jetzt, so oft es geht, bei seiner Mutter sitzt. Er hat sich nie mit ihr verstanden und sucht im Tode die Aussöhnung. Da ist die polnische Krankenschwester, Betreuerin der Mutter, Geliebte des Sohnes, ein hübsches Weib, in dessen Leben nichts so läuft, wie sie es wünscht. Und da ist Wolfgang, ein dreizehnjähriger Herumtreiber, der die Habe eines Penners filzt und das Haupt einer Skulptur darin findet. Eine Annonce mit einer Adresse ist auch dabei: Fünftausend Mark werden ausgelobt für die Rückgabe des steinernen Kopfes. Wolfgang macht sich auf den Weg und trifft im Park jener Steglitzer Villa die Fünfte im Bunde: die Statue einer Nymphe, welche anmutig und kopflos über einen kleinen Teich gebietet.

Die alte Dame will sterben, der Sohn ihr ein Lächeln der Liebe entlocken; Krystina will ihren Job machen und sich nicht in den gutaussehenden Herrn verlieben, und Wolfgang will fünftausend Mark abzocken. Das ist die Situation. Zu einer dramatischen Entwicklung kommt es, weil der Handy-Herr den Knaben ertappt, in ihm das einsame Kind entdeckt, das er selbst einmal war, und ihm anbietet, im Gartenhäuschen unterzuschlüpfen. Und weil die Pflegerin, nach anfänglichem Widerstreben, den Ausreißer akzeptiert und als Hilfswärter einsetzt, während sie selbst - erfolglos - auf Wohnungssuche geht. Und weil Wolfgang klug genug ist, nicht sofort mit dem Kopf rauszurücken - den hält er als eine Art Faustpfand zurück. Die Geschichte kann anfangen.

Sie entspinnt sich. Der Intendant spielt mit seinem jugendlichen Alter ego im Garten Krocket, Krystina fürchtet sich vor der Liebe, und Wolfgang gruselt's vor der stummen Alten. Er nennt sie Zombie und hofft, daß sie bald stirbt. Die Dame ihrerseits starrt still in Richtung Teich. Dort wartet die steinerne Nymphe, graziös und unbewegt, auf die Gelegenheit, den Blick der Mutter zu erwidern. Und wirklich: Es geschieht.

Wolfgang, allein mit der Kranken, langweilt sich und setzt den Kopf, den er im Wasser versteckt hat, spielerisch auf den Nymphenhals. Die Statue ist plötzlich ganz, und auf dem steinernen Gesicht der Mutter malt sich, worauf der Sohn sein Leben lang gehofft hat: ein Lächeln der Liebe. Wolfgang erschrickt zutiefst. Er stammelt: "Entschuldige, daß ich Zombie zu dir gesagt habe. Ich wußte ja nicht, daß du alles mitkriegst." Unentwegt lächelt die Dame. Die Statue war eine Morgengabe ihres Mannes, der bald nach der Hochzeit starb.

"Herz aus Stein" von Nicos Ligouris kann man nicht rezensieren, man kann nur versuchen, einen Eindruck von diesem schönen Geschichtengespinst zu verschaffen, das keine Analyse verträgt. "Herz aus Stein" ist ein großes Fernsehspiel, das daran erinnert, wie wenig das menschliche Drama braucht: Eine Handvoll Figuren, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, genügt. Und dieser Film zeigt, daß im Fernsehen immer noch vorkommt, was man da kaum noch sucht: Poesie.