Man glaubt es der handfesten Person aufs Wort: "Für alles, was Sie über Hühner wissen wollen, bin ich auch die Richtige!" Ihr Berufsleben begann Frau Rabbiner Bea Wyler nämlich als studierte Agronomin in einer Futtermühle. Zwischen der Betreuung der Geflügelkundschaft und ihrem Antritt als Rabbinerin der jüdischen Gemeinden von Oldenburg und Braunschweig am 1. August 1995 liegen weitere erfolgreiche Stationen als Journalistin, als Mitarbeiterin in der Werbeagentur eines Schweizer Chemie-Multis und die Erfahrung, daß diese Karriere sie keineswegs glücklich machte. Zudem wuchs der Eindruck, daß der Glaube ihrer jüdischen Vorfahren, die seit 270 Jahren in der Schweiz leben, für eine engagierte Feministin keinen Platz hat.

Aber weil Bea Wyler eine ist, die den Dingen auf den Grund geht, kündigte sie Mitte der achtziger Jahre und machte sich auf nach Israel, um sich an der Quelle mit dem Judentum auseinanderzusetzen: "Bevor man etwas wegwirft, will man wissen, was man wegwirft." Es wurde ein radikaler Neubeginn, jedoch anders als gedacht.

Er mündete im Mai 1995 in die Ordination als Rabbinerin am angesehenen, über hundert Jahre alten Jewish Theological Seminary in New York und in die Entscheidung, die angebotene Stelle in Deutschland anzunehmen.

Die 44jährige hat gefunden, was ihr Leben ausfüllt: "Der Rabbiner ist ein Lehrer, und das Studium der Thora - die ständige Auseinandersetzung mit der Tradition - ist nach dem Verständnis unserer Weisen ein Gottesdienst. Es heißt: Selbst wenn man nur ein einziges Wort der Thora, der fünf Bücher Mose, kennt, gibt es immer noch jemanden, der es nicht kennt und mit dem man es teilen möchte. Ist das nicht wunderbar?" So viel Begeisterung steckt an, daß man - egal ob Jude oder Christ - am liebsten sagen möchte: "Fangen wir gleich an."

Doch daran ist nicht zu denken im Gemeindezentrum zu Oldenburg, das im Parterre der kleinen Synagoge untergebracht ist. Als die Frau Rabbiner innerhalb von drei Minuten fünfmal wegen Interviewwünschen ans Telephon geholt wird, folgt dem Ende des letzten Anrufs ein deftiger Kommentar auf Schwyzerdütsch. Der Andrang der Medien hat nicht nur damit zu tun, daß Bea Wyler die erste Rabbinerin in Deutschland ist, die eine Gemeinde leitet. Regina Jonas, die 1935 als erste Frau in der Geschichte des Judentums ordiniert wurde, erhielt von der Gemeinde in Berlin nur eine Anstellung als Lehrerin. 1944 wurde sie in Auschwitz umgebracht. Im amerikanischen Reformjudentum sind Rabbinerinnen seit 1972 üblich. Als geistiges Zentrum des Konservativen Judentums machte das New Yorker Jewish Theological Seminary 1985 den Weg frei für die Frauen. In Deutschland, wo Juden seit 1945 aus verständlichen Gründen wie "unter der Glasglocke leben" (Ignatz Bubis), entzündet sich nun an Bea Wyler eine Auseinandersetzung, für die die Zeit reif scheint.

Während die neue Rabbinerin noch ihre dreißig Bücherkisten auspackte, erklärte Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, er werde an keinem von Frau Wyler geleiteten Gottesdienst teilnehmen. Und Rabbiner Joel Berger, Sprecher der deutschen Rabbinerkonferenz, gab zu Protokoll, daß man die neue Rabbinerin nicht in die Konferenz aufnehmen und ihre religionsgesetzlichen Entscheidungen, zum Beispiel die Anerkennung eines Übertritts zum Judentum, nicht akzeptieren werde. Seitdem ist die Aufregung groß. Dabei wissen alle Beteiligten, daß es im Judentum keinerlei hierarchische Befehlsstrukturen wie bei den christlichen Kirchen gibt. Jede jüdische Gemeinde auf der Welt ist souverän in ihren Entscheidungen. Weder Zentralrat noch Rabbinerkonferenz bestreiten Oldenburg und Braunschweig das Recht, einen Rabbiner ihrer Wahl zu berufen.

Bea Wyler reagiert gelassen: "Natürlich kann ich allein keinen Übertritt entscheiden, ebensowenig wie mein Kollege Herr Rabbiner Berger. Nach den Gesetzen unserer Weisen, und sie waren sehr klug, müssen es stets drei Rabbiner sein." Sie ist überzeugt, daß es in dieser innerjüdischen Auseinandersetzung "Schritt für Schritt zu gangbaren Lösungen kommt". Frau Rabbiner jedenfalls bringt in Gespräche eine Mischung aus intellektueller Konzentration und einen Humor ein, der sich selbst nicht zu wichtig nimmt. Was nicht bedeutet, daß Bea Wyler Auseinandersetzungen aus dem Weg geht. Das Konservative Judentum, für das die neue Rabbinerin steht, gehört in den USA, wo mit 5,8 Millionen die meisten Juden leben, zum Mainstream: "Es liegt irgendwo zwischen dem Reformjudentum und den Orthodoxen."

Damit steht die Feministin Wyler zum Teil den Orthodoxen sehr nahe. Sie hält sich an die strengen Sabbat- und Speisegesetze und die täglich vorgeschriebenen Gebete - "no discussion".

Die Halacha, das jüdische Religionsgesetz, ist für sie verbindlich. Doch zum Stein des Anstoßes wird Bea Wyler erst, wenn sie mit der Thorarolle im Arm in der Synagoge steht, den Gottesdienst leitet oder die Predigt hält. Aktivitäten, die nach Überzeugung der Orthodoxen nur einem jüdischen Mann erlaubt sind. Liberale und konservative Juden hingegen verbindet ein Judentum ohne patriarchalische Züge: Eine Frau hat - auch im Gottesdienst - die gleichen Rechte und Pflichten wie ein Mann.

An diesem Punkt kommt ins Spiel, was Bea Wyler wieder in Begeisterung versetzt: "In Deutschland hat die Wiedervereinigung alles in Bewegung gebracht. Was seitdem innerhalb der jüdischen Gemeinde läuft, ist sehr spannend und eine unglaubliche Chance. Und ein sehr wichtiger Grund, warum ich hierher kommen konnte und wollte." Die Voraussetzung für eine Frau Rabbiner haben nämlich vor knapp zwei Jahren jüdische Frauen in Oldenburg und Braunschweig gelegt.

Seit 1945 ist es die Norm, daß die jüdischen Gemeinden in Deutschland sich ausschließlich nach der orthodoxen Tradition ausrichten. Denn es waren orthodoxe Juden aus Osteuropa, die die Gemeinden wiederaufbauten und prägten, nachdem die deutschen Juden, in ihrer großen Mehrheit liberale Reformjuden, entweder ermordet oder geflüchtet waren. Doch als bei der Gründung der Oldenburger Gemeinde 1992 die Mehrheit der Mitglieder Frauen waren, "da ergab es sich automatisch, daß wir nicht orthodox wurden und die Gleichberechtigung der Frauen beschlossen", sagt Sara Schumann, die erste Vorsitzende.

In Braunschweig, wo Renate Wagner-Redding vor anderthalb Jahren Vorsitzende wurde, sind ebenfalls Frauen zum Motor der seit 1945 bestehenden Gemeinde geworden. Sie überzeugten die Mehrheit und nennen sich seitdem eine "Konservative Gemeinde mit Gleichberechtigung": "Als sich mit Bea Wyler die Chance für einen kompetenten Rabbiner ergab, haben wir zugegriffen." Renate Wagner-Redding weist entschieden die Vorwürfe zurück, dadurch "das Judentum verlassen zu haben. Aber wenn wir weiter so starr bleiben, verlieren wir die Jugend." Die beiden Vorsitzenden sind überzeugt, daß ihre Entscheidung für eine Frau Rabbiner Gleichgesinnte anderswo ermutigen wird.

Der Rabbinerin aus der Schweiz sind die deutschen Gemeinden nicht fremd. 1992 hat Bea Wyler in Berlin ein Praktikum gemacht. Schmunzelnd erinnert sie sich an das Staunen der Beter einer Berliner Synagoge, als sie dort ihren Gebetsschal umlegte, der nach orthodoxem Verständnis den Männern vorbehalten ist. Abseits vom Kampfgetöse um ihre Ernennung nimmt Bea Wyler ernst, was sie in persönlichen Gesprächen erfahren hat: "Vor allem Einwanderer aus der ehemaligen UdSSR haben das Gefühl, wenn Frauen im Gottesdienst beteiligt sind, dann ist das der Ausverkauf der Tradition. Daran werde ich schwer zu nagen haben." Was die einen ängstigt, ist für die Rabbinerin "das wichtigste Kennzeichen unserer jüdischen Tradition": "Sie ist dynamisch und anpassungsfähig. Unsere Religionsgesetze schreiben sogar vor, daß die Tradition sich ändern muß, wenn sie nicht mehr lebbar ist, weil sich die Umgebung entscheidend verändert hat. Das Leben kommt zuerst." Gott sei Dank, fügt sie aus tiefster Seele hinzu.

Ob sie als einzige Frau Rabbiner weit und breit nicht einsam sein wird? Bea Wyler stutzt: "Ich habe viel Geld in Bücher investiert. Außerdem: In Oldenburg ist eine Universität, Bremen und Hamburg sind nicht weit. Wenn ich hier abends in den Nachtzug steige, bin ich anderntags zu Hause zum Schabbes-Feiern." Wo ist "zu Hause"? Keine Frage: "Bei den Eltern in Baden bei Zürich!" Die Rabbinerin von Oldenburg und Braunschweig hat ihre Prinzipien und ist mobil.