Den bewegendsten Nachruf auf die 1975 verstorbene Journalistin Margret Boveri hat der Schriftsteller Uwe Johnson geschrieben (ZEIT vom 15. August 1975). In ihm ist der Verfall der vom Krebs zerstörten Frau beschrieben: "Sie war sehr schön geworden." In der Sterbenden erblickte Johnson die letzte Schönheit einer Frau, die ihm in Zuneigung verbunden war, zu der er sich hingezogen gefühlt und deren Direktheit im öffentlichen wie im privaten Leben ihn trotz Irritationen fasziniert hatte. Es war der Blick Margret Boveris, mit dem Johnson das Sterben wahrnahm und in eine Sprache übertrug, die die ihre war: unverklärt, schnörkellos, unbestechlich.

Die Tote, der Johnson gedachte, ist in Vergessenheit geraten. Am 14. August 1900 als Tochter des Biologen Theodor Boveri und Marcella Boveri, geb. O'Grady in Würzburg geboren, legte Margret Boveri einen für die damalige Zeit erstaunlichen Bildungsweg zurück, auf dem sie sowohl Zoologie als auch Germanistik, Geschichte und Anglistik studierte und an dessen Ende eine Dissertation ("Sir Edward Grey und das Foreign Office") bei Hermann Oncken stand.

Reisen in die wichtigsten europäischen Länder prägten sie und förderten ihr Interesse für eine außenpolitisch orientierte journalistische Laufbahn, die 1928 mit Artikeln für die Frankfurter Zeitung begann. Seit 1934 schrieb sie unter Paul Scheffer im Berliner Tageblatt, das während der Weimarer Republik als das "jüdisch-liberalistische Blatt von bürgerlichen Intellektuellen für ein anspruchsvolles Publikum" (Boveri) gegolten hatte, 1933 aber "gleichgeschaltet" wurde. Scheffer war bemüht, die Position intellektueller Kritik in einem totalitären System zu behaupten.

Für dieses Blatt war Margret Boveri bis 1937 als Auslandskorrespondentin in Griechenland, Malta, Ägypten, im Sudan und in Italien tätig. Danach schrieb sie für die Frankfurter Zeitung aus dem Orient und wurde 1939 Auslandsberichterstatterin für die Frankfurter Zeitung aus Stockholm und 1940 aus New York. Nach kurzer Inhaftierung kehrte Margret Boveri über Lissabon zurück nach Deutschland und war zeitweilig Amerika-Beraterin in der Deutschen Botschaft in Madrid. Sie verfaßte einige Beiträge für Das Reich, das Wochenblatt, das Goebbels 1940 als Aushängeschild für das Ausland gegründet hatte.

Das Kriegsende erlebte Margret Boveri in Berlin. "Tage des Überlebens" heißt das Buch über diese Zeit. Nach dem Krieg war sie freie - gesuchte - Mitarbeiterin zahlreicher deutscher Zeitungen und Zeitschriften. 1946 veröffentlichte sie eine "Amerika-Fibel für erwachsene Deutsche. Ein Versuch, Unverstandenes zu erklären". Das Buch wurde prompt von den amerikanischen Besatzern verboten. Seit Gründung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 1949 stand sie dort als unabhängige Mitarbeiterin unter Vertrag. Aus politischen Gründen lehnte sie es ab, in deren Stab ein Amt zu übernehmen. Deutsche und europäische Nachkriegsgeschichte begleitete sie mit engagierten und kenntnisreichen Artikeln und Kommentaren, die zum größten Teil im Merkur erschienen. Couragiert wandte Margret Boveri sich zwei Jahrzehnte lang gegen den Kalten Krieg, gegen das Fremdwerden durch die Mauer und gegen eine Ostpolitik, die nur Abschottung meinte. Ob sie 1950 über die Verhältnisse im DDR-Gefängnis Waldheim berichtete oder angesichts der Mauer zum "unentwegten Widerstand gegen die Schlagworte unserer Propagandapublizistik" aufrief: Immer war ihre Maxime, in der Bundesrepublik gegen die offizielle Deutschlandpolitik Bonns und in der DDR gegen die "Pankows" zu wirken. Den leicht zu habenden Verbalattacken zog sie beharrliches Registrieren deutscher Veränderungen vor. Mit der Wende Anfang der siebziger Jahre und der Brandt-Heinemann-Ära wurden ihre weit über den Journalismus hinausreichenden Verdienste anerkannt: Die Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz verdankte sie nicht zuletzt ihrer bis heute aufschlußreichen Beschreibung des "Verrats im 20. Jahrhundert".

Daß ein solches Leben Johnsons Interesse auf sich zog, verwundert nicht. Als der Schriftsteller Margret Boveri im Dezember 1968 kennenlernt, gilt sie als eine der namhaftesten Journalistinnen der Bundesrepublik. Uwe Johnson, beschäftigt mit Vorarbeiten für sein großes Epos "Jahrestage", hat mit Bewunderung ihr Buch über das Berliner Tageblatt gelesen, das unter dem Titel "Wir lügen alle" 1965 erschienen ist. Die Chronik war von einer Qualität, die Johnson als Maßstab für den Umgang mit Zeitgeschichte empfand. Hier wollte er lernen. Hier vermutete er eine Art für ihn unentbehrlichen Wissens, das seinen Ort nirgends haben konnte als in der Person, deren Leben es ausmachte.

"Als Untertan, Bürger und Beobachter habe ich die folgenden Staatsformen mitgemacht", heißt es in einer Notiz Boveris: "die bayerische Monarchie, die Weimarer Republik, die faschistische Diktatur Mussolinis, die nationalsozialistische Diktatur Hitlers, die parlamentarische Wohlfahrtsdemokratie in Schweden, die New-Deal-Ära in Amerika, die paternalistische Diktatur in Portugal, das Besatzungsregime im geschlagenen Deutschland - wobei ich nur die aufzähle, in denen ich mehr als ein Jah r lang gelebt, also auch ihre Institutionen am eigenen Leibe und Hausstand erfahren habe."