Doch seltsam: Keine Sprache - und berge sie auch noch so viele Tücken - wird für schwieriger gehalten als eine Sprache, bei der eine neue Schrift gelernt werden muß. "Russisch muß wahnsinnig schwierig sein", heißt es da zum Beispiel, "allein schon die Schrift!" Entsprechend viel Prestige genießen jene Wagemutigen, die sich getraut haben, solche Sprachen zu lernen. Manche glauben gar, daß das Russische wohl noch intellektuell zu bewältigen, die kyrillische Schrift jedoch eine Art Geheimlehre sei. "Russisch, das würde mich auch interessieren", bemerkte einmal eine junge Sozialpädagogin, "aber die Schrift, die lernt man doch bestimmt nicht im Studium." Bei so viel Ehrfurcht vor 33 kyrillischen Zeichen nimmt es nicht weiter wunder, daß jene, die sich etwa dem Isländischen, dem Ungarischen oder dem Tschechischen verschrieben haben, nur ein schwaches Lob oder gar ein Kopfschütteln ernten.

Der Widerstand gegen ein fremdes Alphabet sitzt jedenfalls tief. Dabei ist dieses geniale Instrument einfacher als jedes Textverarbeitungsprogramm - von anderen Geburten des menschlichen Geistes, wie etwa dem Steuerrecht, ganz zu schweigen. Doch auch dreieinhalbtausend Jahre nach seiner Erfindung verbreitet das Alphabet oft mehr Furcht und Schrecken, als andere vergleichbare Neuerungen es je vermochten. Und anders als bei herkömmlichen Erfindungen stellt sich der Schrecken der Schrift oft erst dann ein, wenn man einer zweiten begegnet.

Manchmal gelingt es allerdings, sogar ganzen Völkern ein neues Alphabet nahezubringen. So wurde 1928 in der Türkei das neue türkische Alphabet eingeführt, das die bis dahin verwendete arabische Schrift ablöste. Der Schriftreform vorausgegangen war allerdings eine jahrelange Diskussion darüber, ob und wie die lateinische Schrift eingeführt werden könnte. Als eine eigens eingesetzte Schriftkommission auch nach monatelangen Beratungen keine konstruktiven Vorschläge machen konnte, nahm Staatschef Mustafa Kemal Atatürk sich selbst des Problems an. In einer einzigen Nacht konzipierte er ein der türkischen Sprache entsprechendes Alphabet auf der Grundlage der lateinischen Schrift. Er warf die Buchstaben "q", "w" und "x" hinaus, für die es im Türkischen keinen Bedarf gibt, übernahm aus dem deutschen Alphabet die Umlaute "ö" und "ü", entlehnte aus dem Französischen das Cedille (ç) und erfand sogar neue Zeichen, zum Beispiel das i ohne Punkt. Am 9. August 1928 stellte er es auf einer Feier seiner Partei vor und appellierte an seine Anhänger, landauf, landab für dieses Alphabet zu werben und Schulen einzurichten, in denen es gelehrt werden konnte.

Das neue Alphabet setzte sich schnell durch, weil eine Alphabetschrift für das Türkische besser geeignet war als die arabische Schrift, in der die Vokale nicht geschrieben werden. Doch der Hauptgrund für die erfolgreiche Übernahme der neuen Schrift war, daß es für die meisten Türken gar keine neue, sondern überhaupt die erste Schrift war, die sie lernten. Neunzig Prozent der Bevölkerung waren Analphabeten gewesen, und das Neue Türkische Alphabet bedeutete für sie keinen Abschied von liebgewordenen Schreibgewohnheiten, sondern verhieß ihnen einen Zugang zu Bildung und Wohlstand.