An der 875-Jahr-Feier von Freiburg im Breisgau Ende Juni wollten nicht alle teilnehmen. Eine Aktionsgemeinschaft der Händler strich kurzerhand ihren Wimpelschmuck für die Straßen und eine geplante Modenschau. Die Händler brachte die vielgerühmte Freiburger Verkehrspolitik in Rage: Sie entwickle sich zum "Umsatzkiller" für eine "ums Überleben kämpfende Innenstadt".

Nicht, daß man in Freiburg das "heilige Blechle" verschrotten wollte. Aber die Parkplätze in der Innenstadt sind knapp, die Gebühren hoch - und über eine Vergrößerung der Fußgängerzone wird heftig diskutiert. Die motorisierten Kunden wandern ab, fürchtet der Handel, und vergißt dabei jene, die zu Fuß, mit dem Rad oder öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt kommen. Und das ist die Mehrheit. Im übrigen befürworten nicht nur kleine Splittergruppen eine Ausweitung der Fußgängerzone. Im Gemeinderat gibt es vermutlich eine Mehrheit für diese Pläne. Denn in Freiburg denken viele ökologisch. Bei den Gemeinderatswahlen vor einem Jahr erhielten Bündnis 90/Die Grünen zwölf Sitze im Stadtparlament, einen Sitz mehr gewann die CDU, einen weniger die SPD. Rolf Böhme, der rote Oberbürgermeister, schmückt sich gern damit, eine "Öko-Hauptstadt" zu regieren. Ganz falsch ist das nicht. Nirgendwo sonst in der Bundesrepublik gibt es so viele ökologische Einrichtungen. Das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme hat hier seinen Sitz, das Öko-Institut seine Geschäftsstelle, der Internationale Rat für lokale Umweltinitiativen sein Europa-Sekretariat, der Weltdachverband für Solarenergie residiert in einer alten Villa. Die Breisgau-Metropole hat sich zu einem "Biotop" für Umweltforscher und -schützer entwickelt: Rund 450 Personen arbeiten in knapp 70 ökologisch orientierten Einrichtungen.

Manche, so das Öko-Institut und der Landesverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), sind aus den Auseinandersetzungen der siebziger Jahre um ein Atomkraftwerk in Wyhl hervorgegangen. Andere Institute wurden von Absolventen der Universität gegründet, die weiter in der sonnigen Stadt mit ihrer schönen Umgebung leben wollten. So viel Umweltbewußtsein prägt inzwischen auch die Stadtpolitik. Tatsächlich hat Freiburg sehr früh ein Amt für Umweltschutz eingerichtet. Seit 1990 hat es mit Peter Heller einen "grünen" Bürgermeister. Doch das heißt keineswegs, daß im Zweifelsfall zugunsten der Ökologie entschieden wird. "Der Rathausschreibtisch ist eben kein Greenpeace-Schlauchboot", kommentiert der leicht frustrierte Amtsinhaber die "himmelweite Differenz von Anspruch und Wirklichkeit". Ein Beispiel liefert die Verkehrspolitik. Zwar sind die Erfolge unbestreitbar: Bereits in den siebziger Jahren hat Freiburg eine Fußgängerzone eingeführt. Nun zieren Bächle und Kopfsteinpflaster die City. 1984 führte die Stadt die erste "Umweltschutzkarte" der Republik für Busse und Straßenbahnen zu einem sensationell günstigen Preis ein, 1992 wurde das Angebot auf die Region ausgedehnt. Beide Fahrkarten erwiesen sich als Renner. Freiburg und seine 190 000 Einwohner entdeckten die Lust am öffentlichen Nahverkehr, Verkehrsplaner anderer Städte pilgerten in das "Mekka" im Breisgau.

"Freiburg steht nur so gut da, weil andere noch weniger machen", ärgert sich Verkehrsexperte Klaus-Peter Gussfeld vom BUND. Er lobt zwar die Regiokarte, den Ausbau des Radwegenetzes und Tempo 30 in allen Wohngebieten, vermißt jedoch "eine eindeutige Prioritätensetzung für den Umweltverbund". Das Auto werde noch zu sehr hofiert, beim Radwegebau und öffentlichen Verkehr gespart. Dagegen wird die Bahnhofsachse vierspurig ausgebaut. Millionen gibt es offenbar auch für ein Leitsystem, das den Autoverkehr besser durch die Stadt lenken soll. "Sechzig Prozent der Freiburger Verkehrsteilnehmer haben nichts davon", kritisieren der BUND, der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club und der Verkehrsclub Deutschland diese "Verschwendung von Steuergeld". Auch der geplante und höchst umstrittene Neubau der B 31 im Freiburger Osten werde der Stadt zusätzlichen Verkehr bescheren, fürchtet Gussfeld.

Kaum war Freiburg Ende 1992 von der Deutschen Umwelthilfe zur "Umwelthauptstadt" gekürt worden, sammelte auch schon eine Initiative Unterschriften gegen diesen Neubau. Sollte die Stadt an der Trasse festhalten, müßte ihr der Titel aberkannt werden, meinten die Unterzeichner. Doch der Oberbürgermeister ignorierte ihren Appell. Inzwischen hat Freiburg den Spitzenplatz der umweltbewußten Städte ohnehin verloren. 1993 reichte es nur für den neunten Platz, im vergangenen Jahr immerhin für den Vizetitel.

Dafür preist Freiburg sich jetzt als "Solarhauptstadt Deutschlands". Tatsächlich sind in keiner anderen deutschen Stadt so viele photovoltaische Kleinanlagen in Betrieb. 2000 Quadratmeter Solarzellen sind auf Freiburger Dächern installiert. Zusammen bringen sie es auf 220 Kilowatt Leistung oder 180 000 Kilowattstunden Strom jährlich. Das reicht für sechzig Haushalte. Und da Freiburg den ökologischsten Fußballclub der Bundesliga hat (siehe ZEIT Nr. 33/95), bestückt der SC sein Stadiondach imagefördernd mit Solarzellen und macht aus Fußballfans zwangsweise Sonnenfreunde: Wer Anteilscheine an der Solaranlage kauft, hat bessere Chancen, eine der begehrten Dauerkarten zu ergattern. Schon bald soll auch das Duschwasser für die Kicker von der Sonne erwärmt werden.

Trotzdem beurteilt Energiefachmann Dieter Seifried vom Öko-Institut die Energiepolitik der Stadt nur als "mangelhaft bis ausreichend". So seien der solare Anteil an der Stromversorgung minimal und das Erreichte kein Verdienst der Stadt. Vielmehr habe der Förderverein Energie- und Solaragentur gegen Widerstände kämpfen müssen. Statt sich mit fremden Federn zu schmücken, solle die Stadt endlich die Nutzung von Biogas und Wasserenergie sowie die Wärmedämmung öffentlicher Gebäude fördern. Geld dafür müßte eigentlich vorhanden sein, meint Seifried. "Schließlich hat die Stadt seit 1979 rund dreißig Millionen Mark an Heizenergie, Strom und Wasser gespart und dafür nur sechs Millionen Mark investieren müssen."